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Versteckte Stromfresser aufspüren

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giloka_1003_karinhermann_4c_1 © Benjamin Lemper

Auch Gießener mit geringem Einkommen können den »Stromspar-Check« der Caritas Wetzlar nutzen. So werden manche Energiefresser entdeckt, die schnell zur »Schuldenfalle« werden.

Gießen . Der Blick auf die Rechnung hat Karin Hermann echt verzweifeln lassen. Ganz unabhängig von den explodierenden Preisen. Fast 300 Euro sollte die 71-Jährige für Strom und Heizung nachzahlen. Warum, das konnte sie nicht nachvollziehen. Als ihr Mann noch lebte, bettlägerig war und gepflegt werden musste, sei es ja normal gewesen, »dass ich zwei bis drei Mal am Tag gewaschen und den Trockner benutzt habe und dass auch der Fernseher manchmal Tag und Nacht lief«. Seit seinem Tod aber hat sie den Betrieb sämtlicher Geräte zu Hause längst auf ein Minimum reduziert - und vermag trotzdem keinen spürbaren finanziellen Unterschied zu erkennen. Im benachbarten Nordstadtzentrum erhielt die Rentnerin schließlich von Lutz Perkitny den wertvollen Hinweis, sich an den »Stromspar-Check« der Caritas Wetzlar zu wenden. Die betreut seit einigen Jahren mit diesem kostenlosen Angebot auch Haushalte im Gießener Stadtgebiet, bisher sind es circa 300 gewesen. Karin Hermann jedenfalls hat den Anruf nicht bereut.

Soforthilfen

Zu sparen galt in Deutschland lange Zeit als Tugend, der schwäbischen Hausfrau sei Dank. Für Dirk Vollers ist »Sparen« aber eigentlich »gar kein so schönes Wort, denn es klingt allzu sehr nach Verzicht«. Wenn der Caritas-Mitarbeiter Menschen mit geringem Einkommen besucht, alles prüft, misst und Fragen zum Nutzungsverhalten stellt, geht es ihm vor allem darum, »mit detektivischem Spürsinn Lösungen zu finden, die keine zusätzlichen Komforteinbußen bedeuten«. In seinem Köfferchen hat er dann unter anderem schaltbare Steckdosenleisten, LED-Lampen, Thermometer, wassersparende Duschköpfe oder Durchflussbegrenzer für den Wasserhahn dabei, die als Soforthilfen montiert werden. Damit könnten schnell erste positive Effekte erzielt werden, die sich in barer Münze bemerkbar machen.

Das grundsätzliche Problem bestehe darin, dass all jene, die auf Transferleistungen angewiesen sind, »den Bereich Strom selbst aus dem verfügbaren Regelsatz bewirtschaften müssen«. Anders als etwa Miete und Heizung werden diese Kosten also nicht übernommen. »Hier kann schnell ganz viel schieflaufen«, weiß Vollers, der von vielerlei »Schuldenfallen« spricht. Daher verwundert es nicht, dass der Kontakt zu seinen Kunden nicht nur über Einrichtungen wie das Nordstadtzentrum vermittelt wird, sondern häufig über eine Betreuung oder die Schuldnerberatung erfolge. »Dann brennt es bereits richtig, weil erdrückende Ratenzahlungen oder Stromsperren drohen.« So, wie bei einer Alleinerziehenden mit zwei Kindern, die monatlich 400 Euro berappen musste, diesen Betrag aber natürlich nicht stemmen konnte. Ausgelöst habe dieses Dilemma eine Badewanne mit elektrischer Warmwasserbereitung, »die ganz naiv von allen genutzt und über den Stromzähler abgerechnet wurde«. Und das gehe »ordentlich ins Geld«. Denn die selbe Menge Energie sei auf diese Weise fünfmal so teuer wie Gas.

In einem anderen Haushalt war es ein Plasma-Fernseher, den eine Frau von ihrem Sohn geschenkt bekommen hatte und ihn fortan gar nicht mehr ausschaltete, um sich nicht einsam zu fühlen. Die Dauerberieselung verursachte indes Kosten von 700 Euro im Jahr - zugegebenermaßen ein »Extremfall«, wie der Caritas-Experte sagt. Als denkbaren Ausweg nennt er zwei Möglichkeiten: entweder auf ein Radio ausweichen, sofern es bloß wichtig sei, »dass im Hintergrund immer etwas mitdudelt«, oder für 200 bis 250 Euro einen Fernseher anschaffen, der weniger Strom benötigt. Sparsamkeit sei dabei »keine Frage des Preises, sondern der Technologie«.

Erhebliche Konsequenzen für den Geldbeutel kann es zudem haben, bei der Gefriertruhe die »unscheinbare Taste ›S‹ zu drücken« und damit die »Superfrost«-Funktion bei minus 36 Grad zu aktivieren. Jedes Grad zu kalt entspreche nämlich sechs Prozent mehr Energie. Um die Temperatur korrekt einstellen zu können, verteilen die »Stromspar-Checker« deshalb Thermometer. Wer alte Kühlgeräte entsorgt, die schon mehr als zehn Jahre »auf dem Buckel« haben, und sich gleichzeitig um einen Ersatz kümmert, mit dem sich mindestens 200 Kilowattstunden einsparen lassen, erhält für den »Kühlschranktausch« sogar eine Art »Abwrackprämie« von 100 Euro, verspricht Dirk Vollers.

Bei Karin Hermann wiederum fiel ihm neben einer Strom verschlingenden und zu erneuernden Elektropumpe des Heizkörpers im Keller sowie einer Lichterkette im Partyraum vor allem das »klassische Schein-Aus« auf. Beispielsweise bei einem alten Radio in ihrer Küche. Das sei »noch schlimmer« als der »Stand-by«-Modus. »Es leuchtet kein Lämpchen, es sieht aus, als wäre alles ausgeschaltet und trotzdem zieht sich das Netzteil eine Menge Strom«, verdeutlicht der Caritas-Mitarbeiter. Und Karin Hermann ergänzt: »Seitdem er bei mir war, achte ich viel stärker darauf, jedes Mal die Stecker auszustöpseln.«

Verhalten ändern

Um dauerhaft etwas zu bewirken, sei es eben notwendig, auch das eigene Verhalten zu überdenken und idealerweise zu ändern. »Darin steckt das größte Potenzial. Aber nur wer gut darüber informiert ist, welches Gerät wie viel verbraucht und wodurch mit geringem Aufwand Einsparungen möglich sind, kann bessere Entscheidungen treffen«, betont Dirk Vollers. Gelegentlich brauche es zudem kleinere Investitionen in Alternativen, »die weniger Strom fressen«.

Nicht alles lasse sich freilich sofort umsetzen. Einige Kunden meldeten sich nach einer Weile von selbst, mindestens bei einem Prozent der Haushalte werde nach etwa zwei Jahren erneut nachgeschaut, was der »Stromspar-Check« gebracht hat und wie zufrieden die beratenen Personen sind. »Oft sind die Einsparungen sogar höher als das, was wir ausgerechnet haben«, schildert Vollers. Hin und wieder würden die Anregungen allerdings auch »komplett verpuffen«. Das ist bei Karin Hermann wohl nicht zu befürchten. Sie ist voll des Lobes für die Gründlichkeit und »dankbar für die guten Tipps«. Ihr Fazit: »Ich kann diesen Service nur empfehlen.«

Kontakt: telefonisch unter 06441/4453573, per E-Mail an stromspar@caritas-wetzlar-lde.de.

Das Angebot des »Stromspar-Checks« steht allen Haushalten mit geringem Einkommen kostenfrei zur Verfügung. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um eine kleine Rente, Einkommen aus Arbeit oder Leistungen wie Arbeitslosengeld II, Sozialhilfe, Grundsicherung oder Wohngeld handelt.

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Lieber den Stecker ziehen: Ein altes Radio von Karin Hermann hat Stromkosten verursacht, selbst wenn es nicht lief. Darauf hat sie Dirk Vollers von der Caritas hingewiesen. Beim »Stromspar-Check« hat er in seinem Koffer auch einige Soforthilfen parat. © Lemper

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