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»Vertrauen ist das A und O«

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Kann gut mit Kindern: Gießens erster Tagesvater Daniel Kreiling hat im Mai das Nest für »Daniels kleine Mäuse« eröffnet. Fotos: Berghöfer © Berghöfer

Daniel Kreiling ist als Gießens erster Tagesvater ein Exot, aber auch ein Pionier in einem klassischen Frauenberuf

Gießen. Wir leben in einer männlich dominierten, aber zunehmend weiblich geprägten Welt. Immer mehr Kinder wachsen bei Alleinerziehenden auf, oft ohne männliche Bezugsperson. Auch später dann in der Tagespflege, in der Kita und schließlich in der Schule sind sie überwiegend mit weiblichen Vorbildern konfrontiert. Daher wird immer öfter gefordert, dass mehr Männer in solchen sogenannten Care-Berufen tätig werden.

Während aber Frauen in klassischen Männerberufen Lob und Zustimmung gewiss sind, werden Männer in Frauenberufen oft noch mit Vorbehalten und Spott konfrontiert. Einer der sich davon weder abschrecken noch entmutigen lässt, ist Daniel Kreiling, seit wenigen Wochen Gießens erster Tagesvater.

Klischee 1: Das ist nur was für Frauen

Das Interesse für die Kinderbetreuung war dem 32-Jährigen vielleicht nicht in die Wiege gelegt worden, aber sie war auch nie weit weg. »Meine Kusine ist Tagesmutter und meine Tante Erzieherin«, sagt Kreiling. »Ich hatte also immer schon mit dem Berufsbild zu tun.« Ein Schul-Praktikum als Erzieher hatte dem Klein-Lindener auch gut gefallen, aber dann landete er doch in einem »normalen« Beruf und wurde Bürokaufmann.

Im Gespräch mit ihm wird immer wieder deutlich, wie wichtig Kreiling seine Unabhängigkeit ist. Mit dem klassischen Nine-to-five-Job wurde er denn auch nicht glücklich. Und so sattelte er 2007 auf den Sattelschlepper um und arbeite mehr als zehn Jahre als Lkw-Fahrer.

»Mit 30 stellte ich mir dann die Frage: War es das jetzt, oder fängst du noch mal ganz was Neues an?«

Kreiling entschied sich für das Neue und bewarb sich bei der Arbeiterwohlfahrt für eine Ausbildung als Tagespflegeperson, denn »ich habe mich daran erinnert, was ich früher eigentlich machen wollte«.

Das Vorstellungsgespräch verlief zu beiderseitiger Zufriedenheit und Kreiling startete in die sechsmonatige berufsvorbereitende Ausbildung. Anschließend konnte er beim Jugendamt die Pflegeerlaubnis beantragen und den berufsbegleitenden Teil der Ausbildung beginnen, die für Kreiling Ende Juli enden wird.

Bis dahin hat er eine doppelte Last zu stemmen. Zusätzlich zur eigentlichen Arbeit von 7 bis 16 Uhr mit seinen ersten beiden Tageskindern kommen am Freitagabend und am Samstag noch Schulungen.

Klischee 2: Mit Kids spielen kann jeder

Rund 50 Module gilt es da zu absolvieren: von Themen wie Erste Hilfe, Erziehungspartnerschaft oder Lernergebnisfeststellung« bis zu Kindeswohlgefährdung, Hygiene, Ernährung, Gesundheit oder Kinderpsychologie.

Kreiling richtet sein Augenmerk darauf, was Kinder beim Spielen lernen, und welche Entwicklungsschritte sie wann machen. Dabei gilt es, sowohl überehrgeizige Eltern zu beruhigen (»Jedes Kind muss individuell betrachtet werden und hat sein eigenes Lerntempo«) als auch Entwicklungsrückstände zu erkennen.

Normalerweise betreuen Tagespflegepersonen Kinder im Alter von sechs Wochen bis drei Jahren. Aufgrund der auch in Gießen fehlenden Kita-Plätze darf Kreiling aber auch Ältere aufnehmen. Selbst in einer Kindertagesstätte arbeiten möchte er aber nicht. »Ich arbeite lieber selbstständig und zu meinen eigenen Zeiten. Und ich kann so auch selbst entscheiden, ob ein Kind - und auch dessen Eltern - zu mir passen.

Mit seinem ersten Tageskind, einem 13 Monate alten Jungen habe er sehr viel Glück habt. »Er ist sehr pflegeleicht und, was mich freut, auch naturverbunden«.

Drei Kinder darf er in seiner eigenen Wohnung, also quasi im Homeoffice, betreuen. Kreiling sucht gerade eine größere Bleibe, dann könnte er fünf Kinder betreuen. Aber das ist in Gießen ja nicht so einfach.

Wenn die eigene Wohnung zum Arbeitsplatz wird, muss man natürlich Abstriche machen Der private Lebensraum musste eingeschränkt, liebgewonnene Möbel abgeschafft und zum Beispiel durch einen Wickeltisch ersetzt werden. Doch wirkt alles sehr familiär. Über dem Esstisch und der Spielecke hängen Kinderbilder von Kreilings eigener Tochter, die heute zehn Jahre alt ist. Im Regal steht ein buntes Potpourri an Kinderbüchern, ganz Neue und auch einige geliebte alte, die der Tagesvater aus seiner eigenen Kindheit herübergerettet hat.

Absolut positiv überrascht ist er von der Resonanz auf sein erst im Mai gestartetes Angebot. Schon in den ersten beiden Wochen gab es etliche Anfragen, und das nicht nur über »Eltern helfen Eltern«, dem Kindertagespflegebüro der Stadt, das Tageseltern vermittelt, sondern auch über Kreilings eigene Homepage www.tagesvater-giessen.de .

In Gießen ist Kreiling der einzige Tagesvater. Im Landkreis hat er noch einen Kollegen in Heuchelheim und einen in Lützellinden. Diesem Trio stehen rund 40 Tagesmütter gegenüber.

Klischee 3: Warum macht Mann das?

Erlebt man da eigentlich auch Vorbehalte? Kreiling lacht: »Die Frage habe ich erwartet.« Misstrauen begegne ihm durchaus. Natürlich nicht von denen, die sich bei ihm meldeten, sondern eher aus deren Bekanntenkreis. Bis auf ein Mädchen, seinem zweiten Tageskind, habe er bislang nur Anfragen für Jungen erhalten, wundert er sich ein wenig.

Vorurteile, darüber redet er auch mit seinen Kolleginnen bei den regelmäßigen Vernetzungstreffen des Jugendamts mit allen Gießener Kindertagespflegepersonen. Auch wenn diese durchweg selbstständig arbeiten, stehen sie doch in engem Austausch untereinander und mit dem Büro »Eltern helfen Eltern« sowie dem Jugendamt, das immer in die Verträge zwischen Kreiling und den Eltern der von ihm betreuten Kinder eingebunden ist. Dieser Vertrag wird aber erst am Ende geschlossen.

Nach der Kontaktaufnahme führt Kreiling ein Erstgespräch, dann folgen das persönliche Kennenlernen und die Besichtigung seiner Wohnung.

Mit den Kindern nehme er erst mal nur Augenkontakt auf und spreche viel mit den Eltern, damit das Kind sehe, dass der fremde Mensch dazugehört. Wenn das gelinge, komme das Kind oft von allein. Wichtig sei, dass man eine konstante Bezugsperson für das Kind werde. Die Kinder müssten Vertrauen fassen und Vertrauen sei in seinem Beruf das A und O.

Nach der Eingewöhnungsphase, die durchaus drei bis vier Wochen dauern kann, beginnt der normale Betreuungstag. Und der startet um 7 Uhr mit der Ankunft, gefolgt vom gemeinsamen Frühstück um 9 Uhr. Wenn es das Wetter zulässt, geht es danach raus an die frische Luft. Gleich hinter Kreilings Wohnung öffnet sich das Feld bis hinunter zu den Lahnwiesen.

Nach dem Fläschchen und dem Mittagsschlaf gibt es das Mittagsessen. Kreiling kocht selbst und nicht immer nur die gleichen fünf Gerichte. Jeden Montag bekommen die Eltern einen Speiseplan für die ganze Woche. Danach ist dann »freies Spielen« angesagt.

Kreiling staunt immer wieder darüber, wie viel Kinder lernen. Für jeden seiner Schützlinge führt er ein eigenes Buch über dessen Lernfortschritte, hält erste Schritte im Bild fest und schafft damit einen bleibenden Schatz an Erinnerungen, der später in vielen Kindergärten weiter gemehrt wird.

Weniger angenehm ist der auch in diesem Beruf unvermeidbare Papierkram. Wenn die Kinder um 16 Uhr abgeholt worden sind, müssen die Stundenzettel ausgefüllt werden, der tägliche Leistungsnachweis für das Jugendamt. Dazu kommen Berichte und die Entwicklungsdokumentation.

Und wenn »Daniels Mäuse« dann doch einmal das Heimweh übermannt? Da helfen die eigenen Kuscheltiere, Bilder von zuhause und darüber reden. Jedes Kind hat seine eigene Kiste, auf der ein Foto der Familie klebt. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass Reden Trennungsschmerz verschlimmert, ist Kreiling überzeugt. Im Gegenteil: Es hilft bei dessen Überwindung.

Ganz wichtig ist ihm auch ein gutes Verhältnis zu den Eltern, sonst könne man nämlich nicht ehrlich Probleme ansprechen, die in einer komplexen Beziehung immer mal auftreten können. Erziehung sei letztlich Teamwork.

Klischee 4: Der Traum aller Frauen

Seine Lebensgefährtin steht hinter ihrem Tagesvater und unterstützt seine Berufswahl. Wenig verwunderlich. Ein Mann, der sich um alles kümmert, keine Angst vor vollen Windeln hat und Familie lebt und nicht nur hat, der müsste doch der Traum aller Frauen sein, oder?

Kreiling schüttelt amüsiert den Kopf: »Der Pferdefuß, das sind die Arbeitszeiten. Da muss sie schon öfters zurückstecken. Wenn ich um 17.30 Uhr bei ihr in Wetzlar bin, ist das ein guter Abend.«

45 Stunden dauert eine Arbeitswoche für Daniel Kreiling. Das ist das Maximum, aber er will sein Angebot ja erst einmal auf dem Markt etablieren, die Stunden reduzieren kann man dann später.

Schlussfrage: Wie beurteilt der Profi Kreiling den jungen Vater Daniel? »Ich würde heute sehr vieles anders machen«, gibt er freimütig zu. »Ich würde mir mehr Gedanken über die Spielsachen meiner Tochter machen. Es gibt ja zwei Arten von Spielsachen: Die, die Kinder beschäftigen, und die, die ihre Entwicklung fördern.

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Mit dem Twin-Buggie geht es jeden Tag hinaus ins Grüne. © Ingo Berghöfer
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giloka_2505_tagesvater1__4c © Ingo Berghöfer

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