1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Verwaiste Regale im Großmarkt

Erstellt:

giloka_2404_jcs_Gastrono_4c
Nicht nur Lieferprobleme, sondern auch die steigenden Energiepreise machen Gastronomen zu schaffen. Symbolfoto: dpa © Red

Für die Gießener Gastronomen wird die Lage immer prekärer: Ob Rapsöl oder Sonnenblumenöl, die Regale im SB Union Großmarkt in der Gottlieb-Daimler-Straße sind verwaist.

Gießen (fley). Es lässt sich nicht abstreiten, dass der derzeitige Blick in manche Regale doch sehr an die Anfangszeit der Coronapandemie erinnert. Seit Wochen sind einige Regale verwaist, zu den begehrten Waren gehören neben Mehl und Nudeln vor allem Sonnenblumen- und Rapsöl. Die Toilettenpapierkrise vom Frühjahr 2020 lässt grüßen.

Preissteigerungen und Hamsterkäufe

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine ist davon auszugehen, dass in nächster Zeit nur noch wenig Sonnenblumenöl von den beiden Hauptanbauländern der begehrten Ware nach Europa gelangen wird. Die Folge: Preissteigerungen und Hamsterkäufe und selbst für Gießens Gastronomen wird die Lage langsam immer prekärer. Einziger Lichtblick: Die hessischen Bauern haben vor wenigen Tagen bekanntgegeben, dass die Rapsernte in diesem Jahr ertragreicher werde als in den Jahren zuvor.

Ob Rapsöl oder Sonnenblumenöl, die Regale im SB Union Großmarkt in der Gottlieb-Daimler-Straße sind verwaist. Die starke Nachfrage im Einzelhandel hatte zu Lieferproblemen im Großhandel geführt. Der Verkauf wird auch dort, ebenso wie im Einzelhandel, rationiert. Pro Kunde zwei Zehn-Liter-Kanister war die oberste Maxime, aber die Bestände seien derzeit auch hier ausverkauft. Eine schwierige Zeit auch für Rainier Werth vom Imbiss »Icke wa«, der neben Original Berliner Currywurst die dazu passenden Pommes verkauft. Engpässe gebe es keine, die Preise steigen jedoch.

Erhöhte Lieferpauschalen

»Das liegt nicht nur an Lieferproblemen, sondern auch an den Energiepreisen. Strom und Gas sind teurer geworden und die Zulieferer haben ihre Lieferpauschalen erhöht«, sagt Werth. Mehrkosten, die die Gastronomen auch an die Kunden weitergeben müssten. Der Inhaber des Restaurants Kloster Schiffenberg, Markus Urich, merkt die anziehenden Preise ebenfalls in der eigenen Tasche. »Die Kostensteigerung betrifft ja nicht nur das Öl, sondern auch Fleisch und Salat werden teurer.« Urich versucht, die Einkaufspreise zu senken, indem er größere Mengen der Lebensmittel einkauft und lagert. »Das Problem ist, dass wir die Kosten nicht immer weiter auf die Kunden umlegen, weil sonst keiner mehr kommt.« Ein Problem, mit dem schon einige Gastronomen in Gießen konfrontiert waren und immer noch sind.

An manchen Imbissbuden lässt sich bereits feststellen, dass die »alten« Preise überklebt wurden. Mirko Lacic vom Kultimbiss »Best Worscht in Town« in der Neuen Bäue sieht die Lage noch total entspannt. »Wir haben noch Vorräte an Öl und im Zweifelsfall kriegen wir auch noch was aus der Heimat. Da gibt’s nämlich überhaupt keine Engpässe. Die schütteln da eher den Kopf darüber, dass bei uns wieder alles so knapp geworden ist und verstehen es nicht«, so der gebürtige Kroate. Eine Ausnahme im Gießener Gastronomiebetrieb?

Tobias Voigt ist angesichts der derzeitigen Lage alles andere als begeistert. Der Inhaber von Tom&Sally’s in der Bleichstraße macht sich akute Sorgen um die Existenz der Salatbars in Gießen. Ein Blick auf die Speisekarte von 2007, die im Konferenzraum der Salatbar hängt, lädt zum Schmunzeln ein. »Ja, damals hat bei uns ein Salat mal 4,95 Euro gekostet. Und als wir damals die Preise von 4,50 Euro auf 4,95 Euro erhöht haben, war das für uns eine riesige Diskussion. Heute versuchen wir die magische Marke von zehn Euro nicht zu übertreffen, aber selbst das wird schwierig. Wir müssen eigentlich 12 oder 13 Euro für einen Salat nehmen«, fasst Voigt die Lage zusammen. »Es ist auf jeden Fall die krasseste Situation, die alle, die in diesem Bereich arbeiten, jemals hatten. Wir haben Preissteigerungen im Großhandel, die es seit Aufzeichnungen der Preissprünge nicht mehr gab.«

Fast alle Dressings basieren auf Rapsöl

Gerade bei Öl habe das Team der Salatbar ein Beschaffungsproblem, da die meisten Dressings auf Rapsöl basieren. »Da kannst du dann nicht einfach ein anderes Öl nehmen und das schmeckt dann genau gleich. Rapsöl für unsere Vinaigretten, da kriegst du nicht viel. Da mussten wir experimentieren, wie wir Öl sparen können.« Normalerweise seien die Zehn-Liter-Flaschen Öl an der Tagesordnung, in der Not arbeite das Team aber auch mit Ein-Liter-Flaschen, was den Aufwand natürlich vergrößert. Betroffen sind jedoch auch andere Lebensmittel. »Wir haben jetzt mal 120 Kilo Lachs gekauft, weil wir nicht wissen, wie sich der Preis entwickelt. Das läuft schon seit Anfang des Jahres so, also vor dem Krieg, dass sich die Preise erhöht haben. Seitdem das mit der Ukraine losging, ist das massiv gestiegen«, so Voigt.

Für die Sommerkarten und Winterkarten gibt es unter normalen Umständen fixe Preise über die Monate hinweg, wenn es um die Beschaffung der nötigen Lebensmittel geht. Das ist jetzt in Zeiten der Krise nicht mehr denkbar. »Bei der SB Union sind wir ja größter Kunde. Zum ersten Mal kriegen wir von allen Lieferanten gesagt, dass wir zwar jetzt Preise vereinbaren können, aber eine seriöse Kalkulation ist derzeit nicht möglich. Die Preise können sich täglich ändern, teilte man uns mit.« Kosten, die der Inhaber auch an die Kunden weitergeben muss.

Die IHK Gießen-Friedberg hat das Problem ebenfalls aktiv auf dem Schirm. Zur Abmilderung der Folgen der Pandemie gilt für Speisen in Restaurants und Catering bis Jahresende der ermäßigte Steuersatz von sieben Prozent. Finanzminister Christian Lindner kündigte in einem Schreiben an, dass er sich innerhalb der Regierung dafür einsetzen wolle, den Mehrwertsteuersatz dauerhaft auf sieben Prozent zu belassen. Dr. Matthias Leder, Federführer Steuern der hessischen Industrie- und Handelskammern begrüßt diesen Schritt. »Die dauerhafte Anwendung des ermäßigten Steuersatzes auf Bewirtungsleistungen ist der richtige Schritt. Die Gastronomie gehört zu den durch die Pandemie am stärksten geschädigten Branchen. Neben finanziellen Einbußen leidet sie besonders durch den Verlust an Arbeitskräften.« Das gesellschaftliche Interesse an einer vielseitigen und omnipräsenten Gastronomie sei weiterhin gegeben, da die positiven Auswirkungen überwiegen. »In mehr als der Hälfte der EU-Länder habe es schon vor der Coronakrise dauerhaft einen ermäßigten Steuersatz auf Gastronomieleistungen gegeben«, so Leder.

Auch interessant