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Viel Angst und ein wenig Abenteuer

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Bis zu neun Stockwerke haben die Spitzbunker der ehemaligen Bergkaserne. Wolfgang Schößler, Kurt Neurath, Peter Eschke und Jan-Patrick Wismar (v. l.) blicken zurück. © Schäfer

Infolge der russischen Invasion in der Ukraine wollten Jan-Patrick Wismar und Peter Eschke (BI Historische Mitte Gießen) von Wolfgang Schößler und Kurt Neurath wissen, wie sie den Weltkrieg erlebten.

Gießen . Infolge der russischen Invasion in der Ukraine heulen in diesen schrecklichen Tagen öfter die Sirenen in den Städten des Landes. Gesendete Aufnahmen im Fernsehen zeigen, wie die Menschen verängstigt unter Tage hocken; in Bunkern, Kellern, U-Bahn-Stationen. Wolfgang Schößler und Kurt Neurath, beide 88 Jahre alt, hatten Anfang Dezember der heimischen Tagespresse berichtet, wie sie als Zehnjährige im Zweiten Weltkrieg die Gießener Bombennacht am 6. Dezember 1944 erlebt hatten.

Jan-Patrick Wismar und Peter Enke, die beiden Vorsitzenden der Initiative Historische Mitte Gießen (HMG), engagieren sich seit Jahren in der Geschichte der Stadt, für das Erinnern daran sowie für den Erhalt von denkmalgeschützten Gebäuden. Wismar und Enke wollten von den bald 90-jährigen Schlammbeisern, die in der Nordstadt aufgewachsen sind, nun wissen, wie sie den damaligen Krieg in den vierziger Jahren hier bei uns erlebten. Der Anzeiger nahm an dem mehrstündigen Gespräch teil. Allerdings muss man bei den Erzählungen der beiden Senioren berücksichtigen, dass sie den Zweiten Weltkrieg als Kinder im Alter von fünf bis zehn Jahren erlebten.

Was war das am Tag des Invasionsbeginns für ein Gefühl? Neurath ist es »kalt über den Buckel gelaufen«, als er im Fernsehen den Sirenenalarm in Kiew gehört habe. »Mir tut die Zivilbevölkerung leid«, bekundet er und Schößler stimmt zu.

Kriegsbeginn noch vor der Schulzeit

Wie haben sie den Kriegsbeginn in 1939 erlebt? Noch nicht in die Schule gingen sie, als der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen begann. »Meine Tante kam bei uns rein. Der Krieg sei ausgebrochen«, erzählt Neurath. »Ich konnte mir nichts darunter vorstellen.« Als Kind wäre ihnen nicht bewusst gewesen, was Krieg ist. »Wir dachten nur, dass es was Schlimmes ist«, so Schößler.

Wie war die Schulzeit? Neurath, wohnhaft in der Sudetenlandstraße, erinnert sich noch, dass sein Lehrer in der Volksschule darauf bestanden hat, jeden Morgen den täglichen Wehrmachtsbericht vorzulesen. Schößler, wohnhaft in der Schottstraße: »Wir gingen zur Schillerschule. Wenn kurz vor dem Eingang der Sirenenalarm losging, sind wir nach Hause gelaufen. Oft kam dann gleich wieder die Entwarnung. Dann ging’s wieder zur Schule. Manchmal zweimal hintereinander.« Waren sie in der Stadt, dann hätten sie Aufsichtswarte in den nächsten Keller getrieben. Neurath: »Wir haben dann immer versucht, uns schnell nach Hause durchzumogeln.« Denn die zugewiesenen Keller seien »nicht komfortabel gewesen: Dunkel, düster, halt Kellerlöcher.« Wären sie bei Sirenenalarm in Richtung Rödgen unterwegs gewesen, hätten ihnen bei Sirenenalarm die Spitzbunker als Unterschlupf gedient. Bis zu 180 Menschen hätten dort gedrängt Platz gefunden. »Ich habe heute noch Platzangst, kann im Schlafzimmer nicht den Rollladen runterlassen, brauche immer Licht«, so Neurath.

Wie oft hat es Alarm gegeben? »Manchmal täglich. Manchmal mehrmals täglich«, so die Antwort. Am 22. Oktober 1943 habe man den Feuerschein gesehen, als Kassel gebrannt habe. Als eine Sprengbombe auf die alte Universitätsbibliothek gefallen sei, habe es »fast in ganz Gießen Buchseiten geregnet.«

Habt Ihr Angst gehabt? Ja und Nein. Es sei oftmals »halb Abenteuer, halb Spannung« gewesen. So hätten sie Flieger beobachtet, als die Klein-Linden bombardiert hätten. Am Klang hätten sie unterschiedliche Flugzeuge erkennen können.

Wie verhielt sich so eine Familie während des Krieges? Schößler erzählt: »Mein Vater hatte sich als ›Zwölfender‹ - also für zwölf Jahre - verpflichtet. Kriegsbedingt wurden es dann 14 für ihn. Zwischendurch hat er allerdings unsere Familie für eine andere Frau verlassen. Ich bin in einem roten Nest aufgewachsen, alle SPD. Wir hatten statt einem kleinen Volksempfänger ein richtiges Radio. Abends hat Mutter den Kolter über den Kopf gezogen und Feindsender gehört; BBC London und Stimme Amerikas. Wäre sie erwischt worden, wäre sie im KZ gelandet. Wir Kinder durften von unserer Mutter aus so wie die anderen keine Lappen sammeln, die weiterverwertet wurden. Dann würde der Krieg noch länger dauern, sagte sie. Ab zehn Jahren ging es los mit der Hitlerjugend. Als Pimpfe im Jungvolk mussten die Jungs beim Gefängnis in der Gutfleischstraße, dem damaligen Stadtende, antreten. Dahinter lag die Gänsewiese, die heutige Wieseckaue. Meine Mutter hat meinen älteren Bruder oft nicht hingeschickt. Dann musste sie fast immer antanzen und wurde zur Rechenschaft gezogen. Daraufhin hat sie ihn wieder hingeschickt, das nächste Mal daheimgelassen. Fast eine endlose Geschichte war das. Ähnlich bei der Häuserbeflaggung.«

Und wie war es in der Familie Neurath? »Der Vater hatte im Lazarett gearbeitet und wurde beim Russlandfeldzug 1941 eingezogen.« Als gelernter Maurer sei er in ein Baubataillon gekommen. »Nach einem Kopfschuss hat ihn ein eigentlich feindlicher Weißrusse fünf Stunden lang in ein Lazarett gefahren. Er ist dann in eine Genesungskompanie nach Bad Salza gekommen. Da er wegen des Kopfschusses danach weder Gasmaske noch Stahlhelm tragen konnte, kam er zu den Meldern, ein brisanter Job. Dann legte ich mir halt ein Brett auf den Kopf, habe er berichtet.«

Wie wurde der Not der Zivilbevölkerung begegnet? Es habe ein Winterhilfswerk in der Walltorstraße gegeben und ein Frauenhilfswerk in der Neuen Bäue. »Sonntags fuhr öfter eine Feldküche bei uns in der Sudetenlandstraße vor«, erinnert sich Neurath. Beide erinnern an »ständig kaputte Fensterscheiben.« Waren sie repariert, seien sie oft Tage später wieder kaputt gewesen. Hätte es keine Scheiben mehr gegeben, habe man sich mit Brettern beholfen. Hier und da habe es auch »Rollglas« gegeben, eine dicke durchsichtige Plastikschicht per Rolle.

Was wusstet Ihr über die KZs? Schößler: »Wir wussten, dass es KZs gab, konnten uns darunter jedoch nichts vorstellen.« Neurath: »Wir haben öfters Güterzüge auf der Brücke zum Wißmarer Weg vorbeifahren gesehen. Und Hände, die aus den Luken nach außen gestreckt wurden.«

Was habt Ihr über die Verfolgung der Juden mitgekriegt? Neurath: »Die Synagoge in der Steinstraße brannte. Und die an der jetzigen Kongresshalle.« Schößler bemerkt: »Die hatte ein entfernter Verwandter von mir angesteckt.« Auch bei einem Pferdehändler im Neuen Weg habe es gebrannt. Jüdische Bekannte seien Menschen »wie du und ich« gewesen. In der Walltorstraße 42 habe es ein einziges Geschäft gegeben, in dem Juden einkaufen durften. Eine besondere Geschichte zum Umgang mit Juden erzählt Schößler: »Meine Mutter hatte eine etwas große Nase. Deshalb wurde sie in einem Bekleidungsgeschäft, das im Seltersweg ansässig ist, als vermeintliche Jüdin nicht bedient. Die Nachfahren können zwar nichts dafür. Doch noch heute kaufe ich da nichts mehr ein.«

Viele Parallelen

Wie konnte Hitler so schnell das deutsche Volk nach seiner Machtübernahme in 1933 so vereinnahmen? Schößler, der während seines Berufslebens in der Verlagsanstalt des Gießener Anzeigers gearbeitet hatte, erzählt dazu ein »Schlüsselerlebnis«, wie er es nennt. Bezüglich Nazis und Putin gebe es viele Parallelen. »Als die Gründung meines Jahrganges zur 50er Vereinigung in 1984 anstand, habe ich im Archiv des Gießener Anzeigers nach Ausgaben des Jahres 1934 gesucht. In einem Artikel stieß ich auf die Gründungsversammlung der 50er-Vereinigung 1884-1934, das mit dem Absingen des Horst-Wessel-Liedes geendet habe.« (Dieses Lied war das Kampflied der SA und später die Parteihymne der NSDAP.) Nur Nazipropaganda habe er in den Zeitungen vorgefunden. Und das bereits ein Jahr nach der Machtübernahme.

Wie kann man verstehen, dass so viele Menschen immer noch zu Putin halten? Das sei auch dort die übergroße Staatspropaganda, die versuchte Gleichschaltung der Medien und das überharte, rigorose Durchgreifen bei allen Andersdenkenden.

Wie könnte sich das ändern? In der Zeitung seien während des Zweiten Weltkrieges nur Erfolge, keine eigenen Opfer, keine Verluste aufgeführt gewesen. Erst als man im Umfeld von immer mehr Gefallenen gehört habe, sei der Widerstand gegen die Staatsführung gewachsen. Einen anwachsenden Widerstand aufgrund des Bekanntwerdens von gefallenen Soldaten erhoffen sich beide Senioren auch in Russland.

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