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Viel Bedarf, aber wenig Essen

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Nicht ganz so voll wie sonst sind derzeit die Kisten für die Tafel-Nutzer. Organisationsleiterin Anna Conrad sorgt sich angesichts steigender Nachfrage und geringerem Spendenaufkommen. © Pfeiffer

Die Tafel Gießen hat Sorgen: Mehr Menschen brauchen ihre Hilfe, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen, aber die Spenden reichen nicht. Die Angst, vergessen zu werden, ist spürbar.

Gießen . Auf den ersten Blick sieht das Lager der Gießener Tafel eigentlich gut gefüllt aus: In einem Regal reihen sich Tetrapacks aneinander, darüber stapeln sich die Kartoffelbrei-Packungen, an der gegenüberliegenden Wand steht ein großer Vorrat Gewürzgurken. Und selbst ein paar Flaschen Speiseöl - in diesen Tagen in vielen Supermärkten heiß begehrtes Gut - haben den Weg in den Leimenkauter Weg gefunden. Doch der Eindruck täuscht. Denn jede Woche versorgt die Tafel rund 3200 Menschen in Stadt und Kreis, darunter circa 1000 Kinder unter 14 Jahren. Und der Bedarf steigt: Inflation, explodierende Energiekosten und der Krieg in der Ukraine führen dazu, dass immer mehr Menschen die Unterstützung der Tafel benötigen.

»Wir stehen vor einer großen Herausforderung, die wir alleine nicht stemmen können«, sagt Organisationsleiterin Anna Conrad. Bereits im Februar hatte sie auf Anfrage des Anzeigers von einer neuen Bedürftigkeit berichtet: Plötzlich meldeten sich auch Menschen bei der Tafel, die eigentlich über dem Hartz-IV-Satz liegen, aber etwa wegen einer Strom- oder Nebenkosten-Nachzahlung in akute Geldnot geraten sind. Die Organisationsleiterin rechnet damit, dass diese Zahl in den nächsten Wochen steigen wird, wenn die Abrechnungen der Hausverwaltungen bei den Mietern eintrudeln.

Doch schon jetzt könne man kaum diejenigen versorgen, die bereits als Nutzer registriert sind, denn die Tafel erhalte derzeit weniger Lebensmittelspenden als üblich. Die Gründe dafür sind laut Anna Conrad vielfältig: Zum einen würden viele Supermärkte mittlerweile besser kalkulieren, sodass allgemein weniger Essen übrig bleibt. Manche Unternehmen bringen Produkte, die sie früher wegen kleinerer Schönheitsfehler oder kurzer Haltbarkeit aussortiert haben, lieber reduziert an den Kunden. Wieder andere Produkte gehen direkt als Spenden in die Ukraine oder landen als Hamsterkäufe in den Vorratskammern. Hinzu kommen saisonbedingte Schwankungen: Gibt es beispielsweise weniger heimisches Obst und Gemüse, habe die Tafel das in der Vergangenheit durch das eigene Lager ausgleichen können und den Nutzern Konserven oder andere länger haltbare Lebensmittel mitgeben können. Aber für die große Zahl der Bedürftigen sind die derzeit vorhandenen Vorräte zu gering.

Nach dem ersten Hilferuf der Tafel standen kurz darauf eine ganze Reihe Privatpersonen vor der Tür, die eigens dafür eingekaufte Lebensmittel spendeten. Anna Conrad ist dankbar für diese Unterstützung und für die Anerkennung der Arbeit der Tafel. Gleichzeitig blickt sie sorgenvoll in die Zukunft. Denn täglich bitten bis zu 20 neue Haushalte um Unterstützung, aber die Warteliste ist schon jetzt lang. Mitunter könne es ein halbes Jahr dauern, bis ein Platz frei wird.

Bereits vier Tage nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine schlugen die ersten Geflüchteten bei der Tafel auf. Um auch ihnen helfen zu können, haben die Freiwilligen Notfalltüten gepackt. Gefüllt sind diese mit lange haltbaren Produkten wie Nudeln und Konserven, außerdem gibt es Hygieneprodukte wie Zahnpasta oder Duschgel. »Wir schauen aber auch, was individuell benötigt wird. Für Familien mit kleinen Kindern haben wir zum Beispiel Windeln da«, erläutert Conrad. Der Bedarf ist groß: 45 Tüten wurden tags zuvor ausgehändigt, bislang wurden weit über 300 Stück gefüllt.

Im Gegensatz zu den Kisten für die regelmäßigen Tafel-Nutzer sind die Tüten als einmalige Hilfe gedacht. Die Mitarbeiter müssen daher vor Ort auch Aufklärungsarbeit leisten: Warum bekommen einige Nutzer frisches Obst und Gemüse, andere »nur« Konserven? Und wieso bekommen Letztere beispielsweise Zahnpasta, während diese für die angemeldeten Nutzer nicht in der Kiste landet?

Diese unterschiedliche Behandlung ist eigentlich nicht das, was man bei der Tafel will. »Wir wollen keine Unterscheidung, keine zwei-Klassen-Bedürftigkeit«, betont Anna Conrad. Gleichzeitig will die Tafel aber auch niemanden abweisen - und um alle mit allem zu versorgen, dafür reichen die Spenden schlichtweg nicht.

Conrad befürchtet, dass Menschen auf der Strecke bleiben, die Unterstützung nötig haben. Mit Blick auf das Leid in der Ukraine würden manche Menschen, die finanziell kaum über die Runden kommen, die eigene Not relativieren - weil es anderen noch schlechter geht. »Manche Leute haben Angst, für den Status ihrer Bedürftigkeit zu kämpfen«, hat die Leiterin festgestellt.

Neben Lebensmitteln braucht die Tafel auch finanzielle Unterstützung: »Wir geben derzeit fast doppelt so viel für das Tanken aus wie vor einem Jahr.« Teils müsse man sich noch genauer überlegen, ob es sich überhaupt lohnt, kleinere Lebensmittelspenden abzuholen. Ein weiterer Kostenfaktor sind die steigenden Strom- und Heizungskosten. Finanziert wird die Arbeit der Tafel durch Spenden und Sponsoren sowie zu einem sehr geringen Anteil über den symbolischen Kostenbeitrag, den die Nutzer pro Einkauf bezahlen. Doch mit Beginn der Corona-Pandemie sind laut Conrad auch die Spendengelder zurückgegangen - etwa, weil Jubiläen nicht gefeiert wurden, zu denen sonst um Spenden für den guten Zweck statt um Geschenke gebeten wurde. Hinzu kommt, dass Ereignisse wie die Flutkatastrophe im vergangenen Jahr oder der Krieg in der Ukraine andere Probleme mitunter in den Hintergrund treten lassen und sich dies auch bei den Geldspenden bemerkbar macht. Die Angst, vergessen zu werden, ist bei der Tafel spürbar. »Wir bekommen viel Unterstützung. Aber sie darf nicht abreißen. Wir wollen agieren und uns nicht ohnmächtig fühlen.«

Aus Privathaushalten darf die Tafel nichts annehmen, was gekühlt werden muss oder selbst gebacken oder eingekocht wurde. Wer als Privatperson mit Sachspenden einen Beitrag leisten will, kann dies aber gut mit Dauerlebensmitteln oder Hygieneartikeln tun - also allem, was die Tafel lagern und flexibel verteilen kann, wenn Bedarf besteht. Anna Conrad betont: »Jeder kann helfen. Wenn viele wenig geben, ist es viel.«

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