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Viel besser als die Trockenübungen

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Die vier jungen Dirigenten, die das Orchester führten: Simon Edelmann, Kens Lui, Annalena Hösel, Artem Lonhinov. Foto: Czernek © Czernek

Gießen (bcz). Ein Novum in der Geschichte des Gießener Stadttheaters: Vier junge, hochbegabte Studierende des Fachs »Dirigat« gaben am Sonntagnachmittag ein gemeinsames Konzert mit dem Philharmonischen Orchester Gießen und begeisterten das Publikum.

Annalena Hösel, Simon Edelmann, Artem Lonhinov und Kens Lui sind Stipendiaten des Förderprogramms »Forum Dirigieren« des Deutschen Musikrates. Die Gießener nehmen als Partnerorchester an diesem Programm teil, damit junge Dirigenten ihr Handwerk in einem realen Umfeld erlernen können.

So hatten sie für Dirigenten höchst anspruchsvolle Stellen aus den drei Opern »Tosca« von Giacomo Puccini, »Der Freischütz« von Carl Maria von Weber und »Der fliegende Holländer« von Richard Wagner eine Woche lang erarbeitet (siehe Ausgabe vom 15.10.) und stellten diese nun vor. Edelmann erläuterte zudem dem Publikum die Besonderheit dieses Studiengangs. »Wenn jemand ein Instrument erlernt, so übt er täglich bis zu acht Stunden. Das könne wir jungen Dirigenten nicht, denn es steht uns nicht täglich ein ganzes Orchester zur Verfügung. Wenn man Glück hat und die Hochschule darauf schaut, so ist das vielleicht ein bis zweimal im Monat. Ansonsten bleiben uns nur Trockenübungen. Das ist so wie wenn Sie auf dem Küchentisch Klavier spielen üben«.

Daher waren die vier Musiker dem Gießener Orchester extrem dankbar, dass sie für eine Woche die Stücke erarbeiten konnten. Im Workshop konnte sie live erleben, was es bedeutet, ein Orchester samt Solisten zu führen.

Das Ergebnis dieser Arbeit konnte das Publikum am Sonntagnachmittag mitverfolgen. Dabei ließen sich die unterschiedlichsten Arten studieren, wie ein Orchester geführt wird. Zu erleben war, bei welchen eine besonders gute und intensive Beziehung besteht und wo noch leichte Distanzen bestehen. Das war für alle äußerst spannend und zeigte zugleich wie komplex eine konzertante Aufführung ist.

Dabei hatten sich die vier Dirigenten etwas Pfiffiges ausgedacht: Innerhalb der Stücke gab es jeweils einen fliegenden Wechsel. Eine besondere Herausforderung stellte zudem in der Einbeziehung der Solisten und des Chores dar. Bestens aufgelegte und hoch motiviert präsentierten sich Clarke Ruth, Tomi Wendt, Beau Gibson, Grga Peroš in ihren Parts. Als eine glückliche Bereicherung des Ensembles erwies sich die junge Sopranistin Julia Araújo, die ihre Arie als Tosca stimmgewaltig vortrug und sich für große Rollen empfahl.

GMD Schüller moderierte

Einen besonderen Unterstützer hatten die jungen Dirigenten in dem neuen Gießener Generalmusikdirektor (GMD) Andreas Schüller gefunden, der selbst vor rund 20 Jahren durch dieses Programm gefördert worden ist und der das Konzert am Sonntag auch moderierte. Für mich war dieses Projekt eine »Herzensangelegenheit«, wie er bei der Vorstellung betonte. Locker und charmant führte er durch das rund zweistündige Programm und gab dabei hilfreiche Informationen über den Inhalt und die Entstehungsgeschichte der einzelnen Werke. Das Konzert hat allen einfach nur Spaß gemacht. So etwas möchte man gerne wieder erleben.

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