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Viel Betrieb im Sommer-Rathaus

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Drei Stunden lang konnten sich gestern Bürger ganz formlos mit Kritik, Anregungen aber auch Lob direkt an Oberbürgermeister Frank-Thilo Becher wenden. Dessen Sommer-Rathaus öffnet noch einmal am 28. September in der Fußgängerzone seine Pforten. Foto: Berghöfer © Berghöfer

Oberbürgermeister Frank-Thilo Becher schaut in der Fußgängerzone dem Volk aufs Maul, redet ihm aber nicht nach dem Mund.

Gießen. So ein Rathaus ist in diesen Hundstagen eigentlich ein schöner Arbeitsplatz für Bürgermeister. Man sitzt angenehm temperiert und auf Abstand zum mitunter ja auch anstrengenden Volk. Nun hat Frank-Tilo Becher schon im Wahlkampf deutlich gemacht, dass er einen anderen Anspruch hat und gerne »bei die Leut'« geht. Diesem Führungsstil bleibt er auch im Amt treu. Gleich dreimal verlegt er sein »Sommer-Rathaus« auf den Kirchenplatz. Dort konnte gestern jedermensch sich - ganz niedrigschwellig - mit seinen Anliegen an den Oberbürgermeister wenden oder auch nur mal seinem Unmut über die kleinen und großen Ärgernisse, die es eben auch in Gießen gibt, Luft machen.

Viel Kritik, viel Lob

Drei Stunden hatte sich Becher Zeit genommen. Und in dieser Zeit gab es keinen Leerlauf oder eine Gelegenheit für ihn, selbst einmal in einen der süßen Äpfel zu beißen, die das Stadtoberhaupt am Markttag mitgebracht hatte. Die große Resonanz zeigt, dass die dritte und letzte Bürgersprechstunde am 28. September auf dem Seltersweg eigentlich nicht die letzte sein kann, auch wenn Becher noch nicht sicher ist, in welcher Form er sich künftig unters Volk mischen wird. »Vielleicht, werde ich demnächst auch in die einzelnen Stadtteile gehen«, meinte ein sichtlich aufgeräumter OB, der sich auch über viel Zuspruch für seine bürgernahe Amtsführung freute.

Dabei beließen es Becher und seine Begleiter nicht beim Klassiker »Schön, dass wir mal drüber geredet haben«, sondern sie machten sich eifrig Notizen. Am Ende des »Sommer-Rathauses« hatten sie einen ganzen Stapel mit Vordrucken beisammen, auf denen sie kurz Sorgen und Wünsche der Bürger samt Adressen und Kontaktdaten notiert hatten.

Als langjähriger Pfarrer weiß Becher natürlich, dass man gut damit fährt, dem Volk aufs Maul zu schauen, nach dem Mund redete er ihm aber nicht. So machte er einem Bürger deutlich, der forderte, dass Fahrräder ein Nummernschild haben sollten, damit man auch nichtmotorisierte Verkehrsrowdys zur Anzeige bringen könne, dass das gar nicht in der Hand des Bürgermeisters, sondern in der der Bundesregierung liege. Im Übrigen halte er wenig von Fahrradnummernschildern in einem Land, dass sich jetzt schon eine nicht gerade kleine Verwaltung und Bürokratie leiste, wenig.

Neben den Klassikern des Bürgerunmuts wie nächtliche Ruhestörungen wie Autorennen auf dem Anlagenring und in der Schiffenberger Straße oder die gefühlt ständig wachsenden Sperrmüllberge in der Stadt wurde Becher auch mit Schicksalen konfrontiert, die einen nicht kalt lassen können. Eine junge, behinderte Frau etwa wandte sich an das Stadtoberhaupt mit der Bitte, ihr bei der immer schwierigeren Suche nach einer Bleibe in Gießen zu helfen, zumal sie ihre alte Wohnung bald verlassen müsse, weil der Mietvertrag ausgelaufen sei.

Eine junge Sozialarbeiterin mahnte an, die Stadt müsse endlich eine »Druckstube« einrichten, in der sich Drogensüchtige unter hygienischen Bedingungen und der Chance, Hilfsangebote zu bekommen, ihren »Schuss« setzen könnten, und nicht wie bisher im Schatten der Lahnbrücken, wo sich mittlerweile eine Junkie-Szene etabliert habe.

Aufreger Verkehr

Ein großer Aufreger ist und bleibt wohl auch für viele Bürger der Verkehrsversuch auf dem Anlagenring, den Becher gleichwohl auch bei heftigem Gegenwind (»Wir wohnen in der Braugasse und werden dann nicht mehr aus unserer Einfahrt herauskommen«) verteidigte. So wie jetzt der Straßenverkehr in Gießen laufe, könne es auf absehbare Zukunft nicht weitergehen, betonte Becher. Letztlich sei der Verkehrsversuch eben genau das: ein Versuch, um neue und bessere Wege im Straßenverkehr zu finden. Ein Versuch, der nicht in Stein gemeißelt sei und aus dem man eben auch lernen wolle.

Auch andere vertraute Gewohnheiten wirken mittlerweile aus der Zeit gefallen. Gleich mehrere Bürger monierten, dass im Bereich von »Weltbild« und dem früheren »Leder-Meid« selbst bei Tageslicht Gebäude mit großen Scheinwerfern angestrahlt würden. Das sei doch in Zeiten von Gasnot und explodierenden Energiepreisen eigentlich unverantwortlich. Becher sah das genauso, könne das aber qua Amtes in einer Demokratie nicht abstellen. Die Gebäude seien ja in Privatbesitz.

Vielleicht regelt das aber auch der Markt, wenn den Geschäftsleuten dämmert, dass der sicherlich beabsichtigte Werbeeffekt der Lichtschau ins Gegenteil umschlägt.

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