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Viel Reitgras, aber keine Pferde

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Revierförster Bauer und Diplom-Biologin Wagner erläutern die Besonderheiten der Landschaft. Foto: Schäfer © Schäfer

Die sechste Naturschutzwanderung des Umweltamtes der Stadt Gießen führte über das Gelände an der Hohen Warte. Es gab viel zu entdecken, nur die Przewalskipferde waren nicht zu sehen.

Gießen. Enttäuscht waren nur diejenigen, die besonders wegen der Przewalskipferde mit auf die sechste diesjährige Naturschutzwanderung des städtischen Amtes für Umwelt und Natur gingen. Die sechs Stuten, drei Fohlen und ein Hengst waren zwar irgendwo auf der riesigen 230 000 Quadratmeter großen Gehegefläche auf der Hohen Warte unterwegs, jedoch für die Teilnehmer nicht zu sichten. Bundesrevierförster Ralph Bauer, der zusammen mit der Diplom-Biologin Veronika Wagner die zweieinhalbstündige Führung leitete, hielt einen ausführlichen Vortrag über diese (fast ausgestorbenen) Urwildpferde und berichtete über die neuesten Entwicklungen.

Bei dem Rundgang sollte der Naturschutz auf der Hohen Warte genauer betrachtet werden. Schon seit vielen Jahren betreut Bauer die Bewirtschaftung des nicht bewaldeten Teils des ehemaligen Standortübungsplatzes und stellt sich mit Gutachterin Wagner den besonderen Herausforderungen des Geländes. Die in all den Jahren durchgeführten komplexen Maßnahmen haben sich bisher positiv auf die Pflanzen- und Tierwelt ausgewirkt. Dies und vieles mehr war an insgesamt fünf Stationen zu erfahren. Im Auftrag der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Sparte Bundesforst) ist PlanWerk in Nidda, das von der Diplom-Biologin Wagner geleitet wird, für die Erfolgskontrolle der Maßnahmen und der Pflege des Nationalen Naturerbes (NNE) »Hohe Warte bei Gießen« zuständig.

Die »Hohe Warte« ist eine etwa 253 Meter hohe, teils bewaldete Anhöhe östlich der Stadt Gießen, die ab 1982 Standort der Patriot-Stellung der US-Army war. Nach Aufgabe 1991 wurde ein westlicher Teil des Gebietes 1996 als Naturschutzgebiet (NSG) erklärt. Dieser besitzt die Größe von 168 Hektar (ha), die durch weitere 53 ha Vertragsfläche ergänzt werden. Die »Hohe Warte« umfasst ein auffallend abwechslungsreiches Mosaik aus vielfältigen Biotoptypen wie Hecken- und Grünlandbereichen, Still- und Fließgewässern und Waldgesellschaften. Wertgebende Bestandteile des Gebiets sind mageres und feuchtes Grünland mit seltenen Arten der Flora wie der Zweifelhafter Grannenhafer oder der Trespen-Federschwingel, insbesondere Arten auf offenem lückigen Magerrasen sowie Offenland bewohnende Vögel, aber auch diverse andere Tierarten, erfuhren die Teilnehmer.

Ökokonto

Durch Sukzession und Abbau offener Vegetationsstrukturen mangels Nutzung und Pflege ist der Wertigkeitserhalt der Fläche für alle genannten Bestandteile stark gefährdet. Daher wurde im Jahr 2008 durch das Büro PlanWerk im Auftrag des Regierungspräsidiums (RP) Gießen eine Pflegeplanung für das Gebiet entwickelt. Damit sollte der Gefährdung der Schutzgüter entgegengewirkt und eine möglichst hochwertige, stabile Landschaftsstruktur geschaffen werden. Entbuschung, Flämmen und Beweidung sind dabei Bausteine der Pflege. Der Flächeneigentümer, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben, vertreten durch die Sparte Bundesforst - Bundesforstbetrieb Schwarzenborn - ließ darauf aufbauend zur Absicherung der sehr umfangreichen Wiederherstellungs- und Pflegemaßnahmen 2010 ein Ökokontokonzept durch PlanWerk erstellen. Im Zuge der Pflegemaßnahmen wird der überwiegende Teil mit einer Wanderschäferei gepflegt, zudem wurde eine Teilfläche eingekoppelt und durch die Urwildpferde beweidet.

Das Land-Reitgras ist eine in der gemäßigten Zone Europas heimische Art, die auf vielen ehemaligen Truppenübungsplätzen ein flächendeckendes Sukzessionsstadium (Pflanzenrückkehr) im Offenland darstellt. Auch auf der Hohen Warte hat es nach der Nutzungsaufgabe das Landschaftsbild entscheidend mitgeprägt. Durch die enorme Wuchshöhe dieses Grases von bis zu 1,5 Metern und die massive Ausbreitung, erlangt die Art meist hohe Deckungsgrade. Sie bildet zudem eine schwer zersetzbare Streu, die zu einem rapiden Rückgang der floristischen Diversität führt. Die Verbreitung des Grases ist ein entscheidender Parameter für den Erfolg der Pflegemaßnahmen.

Bauer wohnt seit 22 Jahren auf der Hohen Warte. Zuständig ist er für 34 Liegenschaften des Bundes im mittelhessischen Raum. Gießen ist die größte Liegenschaft. »Manche sind nur ein oder zwei Hektar groß.« Bauer beklagte, dass ihm bisher lediglich fünf Hinweisschilder für Zugangswege zu dieser Naturschutzfläche zur Verfügung gestellt wurden. Viele Menschen würden sich nicht an die Verbote halten. Dauernd müsse er einschreiten - so auch während der Führung.

Turnusmäßig beweidet ein Schäfer mit 700 Schafen und 30 Ziegen das Areal. »70 Prozent schaffen die.« Sieben Prozent des »bösen Grases«, gemeint ist das Land-Reitgras, blieben nach der Beweidung übrig und könnten, falls unbearbeitet bleibend, flächig eine Monokultur ausbilden. Mit einem 300 PS starken, nur oberirdisch zerkleinernden Mulchgerät werde die Fläche im Spätsommer bearbeitet. Der Revierförster zeigte einen von 20 von ihm angelegte Tümpel, durch die die Gelbbauchunke sich wieder ansiedeln sollte. »Leider sind fast alle Amphibien außer ihr gekommen.« Wenn die Fläche nicht durch aktive Maßnahmen offengehalten würde, »haben wir nach zehn Jahren hier Pappeln, nach 15 Jahren Kiefern und in hundert Jahren Wald.«

Vorletzten Halt gab es bei einer umzäunten, etwa 20 ha großen Fläche, die teils noch mit Beton versiegelt ist. Hier steht eine riesige Voltaikanlage, die als einzige der Stadt gehört und Energie für 500 Haushalte liefere. Auf dieser Fläche hätte die US-Armee damals mehr als 400 000 Liter Sprit oberirdisch gebunkert.

Interessant ist außerdem, dass durch den Rückbau des Areals mehr als 10 Millionen Ökopunkte verkauft werden konnten. »Alle neugebauten Brücken im Umkreis von 100 Kilometern sind damit errichtet worden.« Ein Ökopunkt habe einen Basiswert von etwa 35 Cent. Alle seien abgearbeitet. Jetzt bliebe nur noch der Rückbau der noch vorhandenen Panzerstraße.

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