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Viel Zeit, um im Gefängnis »nachzudenken«

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Gießen (bcz). Neun Jahre und sechs Monate Haft lautet das Urteil für einen 22-Jährigen. Die neunte Strafkammer des Landgerichts Gießen sprach ihn schuldig, zwischen September 2021 und März 2022 einen Wohnungseinbruchsdiebstahl und drei Raubüberfälle auf Spielhallen in Gießen begangen zu haben. Die Anklage war zunächst von vier Überfällen ausgegangen, einer konnte ihm jedoch nicht eindeutig nachgewiesen werden.

Der junge Mann mit marokkanischen Wurzeln erbeutete bei seinen Raubzügen 9455 Euro. Von dem Geld finanzierte er sein Leben, teure Markenkleidung und einen Kurzurlaub in einem Luxushotel in Leipzig. Die Überfälle verübte er immer nach dem gleichen Muster: Er ging in die Spielhalle, verschwand kurz auf der Toilette, um anschließend die Angestellten mit einem langen Küchenmesser oder - in einem Fall mit einer Schreckschusspistole - zu bedrohen.

»Dreist und gegen den Rechtsstaat gerichtet«

Besonders unverfroren habe er bei dem Einbruchsdiebstahl agiert: Kaum, dass er in eine WG eingezogen war, brach er ins Zimmer seiner Mitbewohnerin ein und entwendete ihr Handy sowie rund 2000 Euro, die der Frau nicht einmal gehörten. Als er den letzten Überfall auf eine Spielhalle in der Bahnhofstraße beging, war er einen Tag zuvor vom Amtsgericht Gießen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. »Das ist dreist und gegen den Rechtsstaat gerichtet«, sagte der Vorsitzende Dr. Klaus Bergmann in der Urteilsbegründung. Positiv wertete die Kammer, dass der Angeklagte seine Taten eingeräumt und sich auch bei den Opfern entschuldigt hatte. Negativ schlug wiederum die lange Liste an Taten zu Buche. Insgesamt zählte Bergmann elf Vorstrafen auf, alle im Bereich Diebstahl, Körperverletzung oder dem Erschleichen von Leistungen.

Seit seinem 16. Lebensjahr stand der Angeklagte mindestens einmal pro Jahr vor Gericht. Das sei in Anbetracht seines jungen Alters »ziemlich legendär«, so der Vorsitzende. Mit Befremden habe die Kammer auch seine »letzten Worte« wahrgenommen, habe er doch tatsächlich erklärt, bisher zu gering bestraft worden zu sein.

Narzisstische Tendenzen

Wenn die Justiz ihn früher zu einer höheren Strafe verurteilt hätte, wäre ein besserer Mensch aus ihm geworden. »Das ist blanker Hohn gegenüber der Gerichtsbarkeit. Nun haben Sie genügend Zeit, darüber nachzudenken, was aus Ihrem Leben werden soll. Nutzen Sie diese Chance!« Insbesondere müsse er an seinen narzisstischen Tendenzen arbeiten. Ohne entsprechende Einsicht prognostizierte Bergmann dem 22-Jährigen eine weitere kriminelle Karriere. »Noch ist es nicht zu spät.«

Die Staatsanwaltschaft hatte zehn Jahre und elf Monate Gefängnis gefordert, während Verteidiger Tomasz Kurcab auf acht Jahre und fünf Monate plädierte.

Mit diesem Urteil hatte der hochgewachsene junge Mann offenkundig trotzdem nicht gerechnet, denn bei der Urteilsverkündung musste er mehr als einmal heftig schlucken, nahm die weiteren Erläuterungen ansonsten aber regungslos hin. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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