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»Viel zu lange ein Stiefkind«

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Gießen (red). »Zieht man aus Mietersicht eine Bilanz der Wohnungspolitik der Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, so fällt einem der bekannte Satz von Michael Gorbatschow ein: ›Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.‹ Zu spät handelte die OB in der städtischen Wohnungspolitik immer, aber bestraft wird sie nicht dafür, sondern die vielen wohnungssuchenden Menschen in Gießen, vor allem diejenigen, die eine Sozialwohnung benötigen«, kritisiert der Mieterverein in einer Pressemitteilung.

2011 sei bei einer Anhörung im Rathaus von allen anwesenden Wohnungsfachleuten, auch vom Mieterverein, festgestellt worden, dass es einen signifikanten Mangel an preisgünstigen Wohnungen in Gießen gebe. Dies habe Grabe-Bolz »missachtet«, meint der Vorsitzende Stefan Kaisers. »Vielmehr lief sie noch bis 2014 durch die Stadt und erklärte, der Wohnungsmarkt in Gießen sei ›im Wesentlichen ausgeglichen‹.« Dabei hätte die Oberbürgermeisterin als Vorsitzende des Verwaltungsrates der städtischen Wohnbau und angesichts stetig steigender Einwohnerzahlen »die Signale hören müssen«. Im Jahr 2015 habe sie dann ein Wohnraumversorgungskonzept in Auftrag gegeben, das der Stadt ein Defizit von 1500 Sozialwohnungen bescheinigte. »Bei der Kommunalwahl 2016 bekam die Partei der OB einen ordentlichen Denkzettel der Wählerinnen und Wähler. Allerdings dauerte es noch bis 2018, bis der Magistrat beschloss, 400 neue Sozialwohnungen zu bauen. Davon sind bis heute wegen der langen Planungszeiträume noch nicht einmal 100 Wohnungen bezugsfertig«, so Kaisers weiter.

»Nie Herzenssache«

In ihrem Abschiedsinterview sagte die Oberbürgermeisterin im Anzeiger: »Neben der Bürgerbeteiligungssatzung und der Bewältigung des ›Schutzschirms‹ war für mich ganz maßgeblich, wieder - mit Reinhard Thies als Motor - in den sozialen Wohnungsbau eingestiegen zu sein und Wohnen als städtische Aufgabe zu verankern. Das lag lange brach.« Stefan Kaisers entgegnet: »Da hat sie nicht Unrecht. Wohnungspolitik war vor ihrem Amtsantritt ein Stiefkind der Stadtpolitik. Aber auch unter ihrer Regentschaft blieb das leider viel zu lange so. Eines steht fest: Die städtische Wohnungspolitik war nie Herzenssache von Dietlind Grabe-Bolz. Die Konzepte dazu ließ sie sich von Wohnbauchef Thies schneidern.« Die Mieterschaft müsse nun genau beobachten, ob ihr Nachfolger anders agiere.

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