Viele Exemplare gerettet

Zum Artikel »An Ria Deeg scheiden sich die Geister« vom 4. Dezember: Da ich Ria und Walter Deeg persönlich gekannt habe, kann ich sagen, dass Ria das Gegenbild einer »Stalinistin« (wie etwa Hilde Benjamin) verkörperte - sie wirkte sympathisch und liebenswürdig. Sie kam wegen ihres politischen Widerstandes ins Gefängnis, ihr Mann Walter als Kommunist zur »Umerziehung« ins KZ Osthofen bei Worms.

Beide bewahrten unter anderem die »Oberhessische Volkszeitung« (SPD) auf, deren meiste Jahrgänge von der SA bei der Bücherverbrennung in Gießen 1933 zusammen mit dem »Gießener Echo« (Zeitung der KPD) öffentlich vernichtet wurden. Davon haben die Deegs von Januar 1931 bis März 1933 unter Lebensgefahr viele Exemplare gerettet. Schon dafür gebührte ihnen eine besondere Ehrung. Ria fragte mich dazu und ich habe ihr geraten, ihre Materialien an das Stadtarchiv Gießen weiterzugeben, was sie auch tat.

Gießen war eine braune Universitätsstadt mit einem Zentrum der »Rassen«-Forschung - die Stadt Gießen hatte nach meiner derzeitigen Auszählung mindestens 5857 NSDAP-Mitglieder, davon 587 Frauen - darunter auch viele Professoren, was in der »offiziellen« lokalen Geschichtsschreibung gern verschwiegen wird. Auch Straßennamen sind weiterhin nach ehemaligen NSDAP-Mitgliedern benannt. Ehemalige Nazis machten 1945 fröhlich in der Lokalpolitik weiter: Dr. Hugo Lotz, 1.3.1933 NSDAP, ab 1936 Kreisdirektor, 1949 CDU-Stadtrat, danach bis 1957 Oberbürgermeister, ein Misstrauensantrag der SPD scheiterte.

Die um den Ruf der Stadt Gießen Besorgten sollten sich auch einmal um die NS-Verfolger, zum Beispiel der Deegs, kümmern: Heinz Jost, 9.1933 Polizei-Direktor in Gießen (Freund Dr. Werner Bests), 3.1942 Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes in Riga, er war als Kommandeur der »Einsatzgruppe A« für zahllose Morde verantwortlich - im Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg zu »lebenslänglich« verurteilt, wurde er bereits 1951 aus Landsberg entlassen - den Massenmördern ist nach 1945 bis auf wenige Ausnahmen wenig passiert.

Denen, die teilweise aus parteipolitischen Motiven in Gießen heute eine wirkliche Widerstandskämpferin anfeinden: Die einfachen Kommunisten hatten 1945 auch nur die Infos aus zwölf Jahren Nazi-Presse, woher hätten sie die Wahrheit über den »Stalinismus« wissen können?

Jörg-Peter Jatho, Gießen

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