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Viele Journalistinnen haben aufgegeben

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Rund drei Viertel der afghanischen Journalistinnen mussten seit Beginn der Taliban-Herrschaft ihren Beruf aufgeben. Foto: Imago-images / Le Pictorium / Adrien Vautier © Imago-images / Le Pictorium / Adrien Vautier

Gießen (red). Auf die Bedrohung und Verfolgung von Schriftstellern und Journalisten wollen Studierende der Justus-Liebig-Universität (JLU) aufmerksam machen. Im Jahr 2008 gründeten sie die Initiative »Gefangenes Wort«, die sich längst zu einem Verein weiterentwickelt hat. Um noch intensiver auf Einzelschicksale hinzuweisen, kooperiert der Anzeiger mit dem Verein und stellt monatlich einen Fall vor.

Heute berichtet Lena Frewer über die unsichtbaren Journalistinnen in Afghanistan.

Im vergangenen Monat jährte sich die Machtübernahme der Taliban, nachdem im August 2021 die verbliebenen NATO-Truppen aus dem Land abgezogen wurden. Der Abzug hinterlässt eine fatale Bilanz: Nicht nur, dass ein Jahr nach den erschütternden Bildern vom Kabuler Flughafen noch immer geschätzt 9000 Ortskräfte im Land sind, sich verstecken müssen und ein Leben in Angst führen. Auch die aktuelle Situation des Journalismus in Afghanistan zeigt, dass 20 Jahre NATO-Präsenz und der überstürzte Truppenabzug im vergangenen Jahr dem Land auf lange Sicht mehr Instabilität als die von Verantwortlichen der NATO erhoffte Demokratisierung brachten.

Dabei war die Medienlandschaft in Afghanistan bis zum Ende der 20-jährigen Besatzungszeit durchaus vielfältig: Unter den 547 Medien gab es allein über 200 Printmedien, fast 12 000 Menschen waren in der Medienbranche tätig. Heute könnte die Bilanz nach einem Jahr Taliban-Regime fataler nicht ausfallen: Etwa 39 Prozent der Medien wurden gänzlich eingestellt und zwei Drittel der Journalisten und Journalistinnen arbeiten nicht mehr in ihrem Beruf. Diese Zahlen basieren auf Befragungen der Organisationen »Reporter ohne Grenzen« und der »Vereinigung unabhängiger afghanischer Journalisten« im Juli 2022.

Auffällig ist, dass viele Frauen ein Jahr nach Beginn der Taliban-Herrschaft nicht mehr als Journalistinnen tätig sind. Damit sind sie nicht nur etwa als Moderatorinnen vor der Kamera in den Nachrichtenmagazinen weniger sichtbar. Es sind auch ihre Geschichten und Perspektiven, die in journalistischen Recherchen und Texten fehlen. Über 76 Prozent der afghanischen Journalistinnen haben im ersten Jahr der Taliban-Herrschaft ihre Arbeit verloren oder verließen das Berufsfeld freiwillig. Die verbliebenen Frauen müssen ihren Arbeitsalltag mehr und mehr an Regeln für »moralisches Verhalten« ausrichten, wenn sie sich nicht auf Dauer in Lebensgefahr begeben wollen. So müssen etwa Moderatorinnen im Fernsehen seit Mai 2022 ihr Gesicht bedecken, ihre Gehälter wurden vielfach massiv gekürzt.

Diese Entwicklungen der letzten Monate führen dazu, dass schon jetzt in elf der 34 afghanischen Provinzen keine Frauen mehr als Journalistinnen tätig sind. Viele von denen, die noch berichten, schreiben, dokumentieren, können dies nur unter Pseudonym tun.

In dieser Situation können die wenigsten Journalistinnen offen über ihre Lage sprechen, die Angst vor Verfolgung und Bedrohung bleibt oft auch im Exil. Organisationen wie »Reporter ohne Grenzen« können bis heute nicht genau sagen, wie viele Journalistinnen sich überhaupt noch in Afghanistan aufhalten, da diejenigen, die sich versteckt halten, häufig auch keinen Zugang zum Internet haben.

Zwei Journalistinnen, die noch in den Tagen der Machtübernahme flüchten konnten, sind die Schwestern Zainab und Raihana Farahmand. Zainab schrieb seit 2014 als Freie Journalistin für Zeitungen, ihre Schwester Raihana hat lange für verschiedene Radiosender gearbeitet und war dann als Reporterin tätig. Sie erlebte in den letzten Jahren die Ermordung ihres Kollegen und einen Anschlag auf ein Botschaftsgebäude. Heute leben sie im Exil in Deutschland.

Wenn immer weniger Journalistinnen in Afghanistan berichten und in Sicherheit leben können, heißt das auch, dass ihre Lebenswirklichkeit in den Medien weniger Raum einnimmt, dass ihre Interessen und politischen Forderungen weniger Gewicht in der Öffentlichkeit bekommen und dann irgendwann ganz aus der Wahrnehmung verschwinden.

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