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Viele Stolperfallen

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Ärgernis für sehbehinderte Menschen: Das Leitsystem ist blockiert. © Schäfer

Von Buden zugestellte Leitsysteme für Blinde, Kabelstränge als Hindernis für Gehbehinderte : Es gibt erneut Kritik an der Ausgestaltung des Weihnachtsmarktes in der Innenstadt.

Gießen. Wer über den Gießener Weihnachtsmarkt schlendert, kann sich an zahlreichen Buden, Karussells für die Kleinen, Verzehrständen und Trink-Arealen erfreuen. Ab und zu liegt zwar ein dicker Kabelschutzstrang quer im Laufbereich, aber der lässt sich problemlos übersteigen. Menschen mit Behinderung werden jedoch erneut an vielen Stellen arg beeinträchtigt und eingeschränkt. Beispielsweise sind die Blindenleitpfade von Buden und Ständen zugestellt, querende Kabelschutzstränge sind zusätzliche Hindernisse..

So müsste der Rat an einen sehbehinderten Menschen eigentlich lauten, bis zum Neujahrsbeginn einen großen Bereich der Innenstadt eher zu meiden. Gehbehinderte erkennen wiederum im Dämmerlicht die Hindernisse am Boden nicht, die sich schnell als Stolperfallen erweisen. Diejenigen, die auf einen Rollator oder Rollstuhl angewiesen sind, haben es besonders schwer, über die dicken Blockaden zu gelangen.

Beim Weihnachtsmarkt vor zwei Jahren - der letztjährige fiel wegen Corona aus - wurde zumindest mit ein paar breiten,hellblauen Querungshilfen nachgebessert, um diesen Mitbürgern das Passieren zu erleichtern. Diese »Rollstuhlrampen« waren damals schon sehr rar. In diesem Jahr gar Fehlanzeige.

»Ist die Innenstadt ein Sperrgebiet?«

Verärgert darüber zeigt sich Jürgen Becker, bis März des Jahres als Behindertenbeauftragter der Stadt fungierend. »Auf dem Seltersweg sind fast alle Blindenstreifen zugestellt. Ist für Menschen mit Sehbehinderung die Innenstadt ein Sperrgebiet?«, fragt er. »Diese Mitbürger sind auf den Blindenleitstreifen angewiesen, um sich entsprechend orientieren zu können.« Für die Durchsetzung der Rechte gemäß der Behindertenkonvention gebe es immer noch sehr viel zu tun, so der Wiesecker.

Zu einer Anfrage dieser Zeitung bezüglich der zugestellten Blindenleitstreifen nahmen die Stadt und Gießen Marketing als Veranstalter gemeinsam Stellung wie folgt: Tatsächlich sei ihnen bekannt, dass die für blinde/sehbehinderte Menschen geschaffenen Leitstreifen teilweise durch Buden und Stände zugestellt wurden. »Allerdings sind dies Einzelfälle.« Bei den Veranstaltungen der Gießen Marketing wäre es bisher aufgrund der Größe mindestens eines Standes nötig gewesen, dass Leitstreifen temporär belegt seien. »In diesem Jahr waren allerdings leider Pandemie-bedingt kurzfristige Umstellungen notwendig, um die Abstände zwischen den Ständen zu gewährleisten, weshalb die Blindenleitstreifen an mehreren Stellen belegt werden mussten.« Dies sei bedauerlich, aber leider in diesen Einzelfällen auch schwer anders zu lösen. »Denn die beengten Platzverhältnisse in der Innenstadt lassen es leider nicht zu, dass bei Märkten und Festen diese Leitstreifen durchgängig und ohne Ausnahme frei bleiben.« Das Problem sei auch bei der Planung und dem Umbau/der Sanierung der Fußgängerzone vor rund zehn Jahren bereits so mit den Behindertenverbänden besprochen worden. Es habe Einvernehmen darüber bestanden, dass bei Märkten und Festen »ausnahmsweise« eben auch so gehandelt werden könne.

»Die tatsächlich für alle Blinden/Sehbehinderten wertvolle Orientierung, die wir sehr bewusst als Hilfestellung geschaffen haben, hilft an mehr als 350 Tagen im Jahr. In den besonderen Zeiten der Nutzung der Fußgängerzone als Markt- oder Festort - was ja auch zur Attraktivität der City für alle Menschen beiträgt - hilft sie leider nicht vollständig und überall.« So wie der Kompromiss damals geschlossen worden sei, so werde auch heute noch gehandelt. Ziel sei es natürlich auch weiterhin, die Stände so aufzubauen, dass keine Leitstreifen zugestellt würden.

»Missstände« bereits Thema im Beirat

»Es ist bedauerlich«, waren die ersten Worte von Sven Germann, Vorsitzender des Behindertenbeirates, im Gespräch mit dem Anzeiger. Bereits vor zwei Jahren hatte er diese »Missstände« im Beirat massiv kritisiert. Zu der zehn Jahre alten Absprache sagte er, dass die Verhältnisse seinerzeit mit der viel geringeren Anzahl und der kleineren Standflächen nicht so wie heute gewesen seien. »Buden standen früher mal hier und da. Dies nimmt von Jahr zu Jahr zu.« So moniert er auch die platzierte Wasserzapfstelle in der Nähe der Engel-Apotheke. »Es ist auch nicht nur das Problem beim Weihnachtsmarkt, sondern jeglicher innerstädtischer Festivitäten. Auch bei Ständen, die wochenends aufgestellt sind.« Corona sieht er als ein lediglich vorgeschobenes Argument. Dass das Blindenleitsystem angeblich an mehr als 350 Tagen unbeeinträchtigt sei, kann er rein rechnerisch nicht nachvollziehen.

Zu dem Weihnachtsmarkt gesellten sich auch noch Stadtfest, Krämer- und Stoffmarkt. »Die Stadtmarketing sieht sich anscheinend außerstande, die Standbesitzer zu leiten und zu lenken.« Allein durch einen Meter hier und einen Meter da an Platzveränderung wäre viel gewonnen. Auch könne man durchaus die Stände anders anordnen. »Was ich nicht verstehen kann, ist, dass die Stadtmarketing damit nicht konstruktiv umgeht.«

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Die Kabelschutzstränge bilden zusätzliche Hindernisse. © Schäfer

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