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Vielfach einzigartig - seit 413 Jahren

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Der schönste Arbeitsplatz der Welt für Holger Laake, technischer Leiter des Botanischen Gartens. Foto: Gießen Marketing © Gießen Marketing

Kleinod, Forschungsort und Lieblingsplatz: der Botanische Garten in Gießen ist vieles, und für den Technischen Leiter Holger Laake »der schönste Arbeitsplatz, den man sich vorstellen kann«.

Gießen (red). Seit sechs Wochen ist der Botanische Garten Gießen wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Besonders das neue Gewächshäuserensemble an diesem Lieblingsort mitten in der Stadt ist ein Magnet für Gießen-Besucher und Einheimische. Seiner eigentlichen Tradition als universitärer Ort von Forschung und Lehre bleibt sich der Garten schon seit 413 Jahren treu. Die Gießen Marketing GmbH hat mit dem Technischen Leiter des Botanischen Gartens Gießen, Holger Laake, über seinen besonderen Arbeitsplatz gesprochen. Und es zeigt sich, dass das grüne Kleinod mit seiner jahrhundertealten Geschichte in mehr als nur in einem Aspekt einzigartig ist.

Herr Laake, wir sitzen hier auf der neu gestalteten Terrasse hinter dem Palmenhaus, das wie das Ernst-Küster-Haus und das Victoriahaus das neue, schmucke Gewächshäuserensemble bilden. Was erwartet die Besucher*innen hier?

Laake: »Die Häuser haben eine ganz andere Anmutung als die Vorgängerbauten. Dort konnten wir aufgrund des Platzmangels den gestalterischen Aspekt und den uns wichtigen Sammlungsgedanken des universitären Gartens nicht wirklich zeigen. Mit den neuen Häusern ist das möglich: Im Ernst-Küster-Haus präsentieren wir Pflanzen aus der mediterranen-, der tropischen- und der Wüstenzone. Den mediterranen Aspekt vermitteln wir dabei hauptsächlich mit Pflanzen aus Südafrika, Chile und Australien. Das Palmenhaus, dient der Überwinterung der Palmen und aller Arten von Kübelpflanzen. Daher hat es auch einen Betonboden. Das runde Victoria-Haus schließlich ist benannt nach der Riesenseerose Victoria cruziana, die dort in einem großen Wasserbecken untergebracht ist.«

Welche Aufgaben erfüllt der Botanische Garten Gießen?

Laake: »Der wesentliche Auftrag ist es, Pflanzen für die universitäre Forschung und Lehre bereitzuhalten. Der Garten ist Teil der Justus-Liebig-Universität (JLU) und sieht sich daher in seinem eigentlichen Selbstverständnis zuerst diesem Bildungsauftrag verpflichtet. Der Garten ist dabei nicht nur für Biologen interessant. Neben der systematischen Abteilung mit rund 800 Pflanzenarten haben wir hier einen kulturhistorischen Bereich, den es in dieser Form in kaum einem anderen Botanischen Garten gibt. Dort können die Studierenden der Agrarwissenschaften (und alle anderen Besucher*in-nen auch!) einen spannenden Ausflug durch 5.000 Jahre Kulturgeschichte unternehmen! Für die Lehramtsstudierenden ist der Garten als außerschulischer Lernort interessant. Auch ist die JLU die einzige Uni bundesweit, die für ihre angehenden Tiermediziner ein Pflichtpraktikum in einem Botanischen Garten vorsieht. Und natürlich nutzen auch die Humanmediziner den Garten, ganz im Sinne der Gründungstradition vor 413 Jahren als »Hortus medicus«.«

Was macht diesen Ort für Sie besonders?

Laake: »Es ist der schönste Arbeitsplatz, den man sich als gelernter und studierter Gärtner vorstellen kann: Ich selbst bin gebürtiger Gießener und kenne den Garten schon seit meiner Kindheit. Dass ich mal hier arbeiten würde, hätte ich damals nicht gedacht. Und jetzt bin ich schon seit 1995 Technischer Leiter des Gartens, umgeben von 7500 verschiedenen Pflanzenarten auf knapp drei Hektar. Binnen Minuten kann ich Pflanzen aus allen Kontinenten sehen. Der Gießener Garten ist ja nach Padua der älteste, der sich an seinem ursprünglichen Ort befindet. Und wir haben dank des persönlichen Interesses unseres Gärtnermeisters Michael Jaegers, eine Sammlung fast aller Edelweiß-Arten, die auf der Erde vorkommen. Die Pflanzen waren auch schon Teil eines Forschungsprojektes mit mehreren Universitäten. Wir sind vernetzt mit 450 Gärten in aller Welt und tauschen seit 200 Jahren regelmäßig Samenlisten aus. Unser ältester Samenkatalog stammt aus dem Jahr 1823. Das ist auch ein Jubiläum, das wir nächstes Jahr feiern werden: 200 Jahre Index Seminum!«

Neben seinem universitären Auftrag hat der Garten für viele Gießener und auch Gießen-Gäste einen ganz besonderen Reiz als Erholungsraum.

Laake: »Natürlich. Gerade nach der Winterpause und den langen Schließungszeiten aufgrund der Corona-Pandemie ist das Interesse an dem Garten besonders groß. Wir bieten auch zahlreiche Führungen an für angemeldete Gruppen an. Wer Interesse hat, schreibt uns einfach eine E-Mail. Im nächsten Jahr hoffen wir auch wieder, die offenen Sonntagsführungen anbieten zu können, für die keine Anmeldung nötig ist. Unser Angebot für Kindergruppen und Schulklassen, die Grüne Schule, bietet vielfältige Mitmachangebote und besondere Themenführungen an, die von dem Pädagogen und Biologen Dr. Martin de Jong betreut werden. Übrigens ist der Einsatz, den auch die Stadt Gießen über den Verein Ehrenamt für unseren Garten einbringt, nicht hoch genug zu schätzen! Auch unser Förderverein Freundeskreis Botanischer Garten, der in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert, leistet viel für den Garten. So wird er auch die Renovierung des Brunnenbeckens unterhalb des Palmenhauses mitfinanzieren.«

Herr Laake, Sie kennen den Garten sicher in- und auswendig. Haben Sie einen Lieblingsort hier?

Laake: »Ich schaue jeden Tag nach der Victoria. Sie bildet immer nur eine Knospe, blüht zwei Nächte und dann ist die Blüte wieder verschwunden. Und das Alpinum finde ich faszinierend. Jetzt im Mai ist es dort besonders spannend. Wir haben hier 1000 Arten kleinräumig versammelt, die gerade explosionsartig zu großem Leben erwachen.«

Neben den rund 7500 Pflanzenarten ist der Garten sicher auch ein wichtiger Lebensraum für Tiere in der Stadt?

Laake: »Ja, auf jeden Fall. Der Garten ist ein Hotspot für Insekten. Gerade zeigen wir hier eine Infotafel-Ausstellung von dem Diplom-Biologen Hans Bahmer, der seit vielen die Tierarten im Garten ehrenamtlich erfasst. Er hat sogar für Hessen einige Neufunde bestimmen können. Gerade im Bereich der Wildbienen und Käfer ist der Garten ein wichtiges Refugium. Insgesamt hat er hier bisher 850 Tierarten gezählt. Neben den Insekten, auch Frösche, Molche und Vogelarten. Nicht zu vergessen ist auch unser Gartenkater »Schnurrbert«. Er wohnt eigentlich in der Nachbarschaft, ist aber jeden Tag hier.

Welchen Herausforderungen muss sich der Garten in Zukunft stellen? Was wünschen Sie ihm?

Laake: Der Klimawandel ist sicher ein Thema. In den drei Jahren der großen Trockenheit haben wir Baumverluste hinnehmen müssen. Wir müssen mehr bewässern, was viel Arbeitskraft bindet. Ich hoffe, dass der Garten weiterhin in seiner Anbindung an die Universität existiert. Das erhält ihn in seiner Vielfalt und verhindert auch, dass er zu einer beliebigen Parkanlage wird. Der Garten wird sich verändern, immer wieder, das hat er ja auch die vergangenen 413 Jahre getan. Er ist ein Bildungs- und Forschungsort - schon Kindergartenkinder können hier durch Anschauung lernen, wie wichtig die Natur für uns alle ist und das wir hier etwas Besonderes haben - mitten in der Stadt.«

Weitere Infos unter www.uni-giessen.de/ueber-uns/botanischer-garten.

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