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Virtuell durch die Altstadt

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Zählt beim Publikum zu den beliebtesten Ausstellungsstücken des Oberhessischen Museums: das Stadtmodell. © Museum

Das Oberhessische Museum plant eine digitale Version des Vorkriegs-Gießens, durch das die Besucher flanieren können.

Gießen. Die Gießener Altstadt existiert nur noch auf verblassten Fotos, auf Bildern und in mancher Erinnerung alteingesessener Bewohner - doch das soll sich ändern. Das Oberhessische Museum wagt sich dank der Aufnahme in ein bundesweites, von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz geleiteten Förderprojekts an eine herausfordernde Aufgabe: Die Häuser, Straßen und Plätze des Vorkriegs-Gießens sollen im virtuellen Raum durchwandert werden können. Ende des Jahres soll das Projekt starten. Nun wurden die Pläne bei einem Pressegespräch vorgestellt.

Für Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher ist es »schon eine ziemlich Sensation«: Von den 27 für das Projekt ausgewählten Ausstellungshäusern und Institutionen, darunter so klangvolle Namen wie die Klassik Stiftung Weimar oder die Staatliche Kunstsammlung Dresden, seien nur zwei in kommunaler Trägerschaft. Eins davon ist das nun hinzugekommene Oberhessische Museum, das aufgrund einer Empfehlung des Hessischen Museumsverbands in Berlin ausgewählt wurde. Das sei der Lohn einer hervorragenden Arbeit des Museumsteams, zeigt sich Becher überzeugt. Finanziell bedeute die Aufnahme für Gießen »eine sechsstellige Summe«, mit der »wir nun experimentieren können«, wie Museumskuratorin Dr. Julia Schopferer berichtete.

Denn mit dem Fördergeld sei keine konkrete Vorgabe verbunden. Es gehe vielmehr darum, neue Wege für Museen zu öffnen. Das Gießener Team fährt daher derzeit zweigleisig. Zum einen wird recherchiert, wie die Stadt in den 1930ern ausgesehen hat, welche Geschichten sich damit verbinden lassen, und wie sie in den virtuellen Rundgang Eingang finden können. Zum anderen wird gemeinsam mit IT-Spezialisten an der digitalen Umsetzung gefeilt.

Als Vorlage dient dem Museumsteam das Stadtmodell, das 1969 von Volker Dräbing entworfen wurde und zu den beliebtesten Ausstellungsobjekten des Oberhessischen Museums zählt. Dieses Miniatur-Gießen ist häufig der Ausgangspunkt für Stadtführungen, zu denen die Besucher vom Museum aus aufbrechen. Derzeit arbeiten zwei ehrenamtliche Helfer des Museums, Werner Schmidt und Swen Richert, an der Restaurierung und Erweiterung dieses liebevoll gestalteten Modells aus Pappe. Denn einige markante Bauwerke sind darin bislang noch nicht enthalten, die Synagoge oder das Stadttheater etwa. Große weiße Flächen dieser Altstadt im Maßstab 1:200 »werden nun mit Leben gefüllt«, berichtet Museumsmitarbeiterin Linn Mertgen.

Stadtmodell wird erweitert

Und was ab Mai wieder bei einer Ausstellung analog zu entdecken ist, soll in einigen Monaten auch digital möglich sein. Für die Umsetzung eines 3D-Modells stehe das Haus derzeit in Kontakt mit Experten des Gießener Makerspace. Doch wie das Projekt am Ende konkret aussieht, ist noch nicht ausgemacht. Julia Schopferer beschreibt das Ganze wie eine Art Google Street View, in der sich die digitalen Flaneure durch die Straßen bewegen, aber auch in das ein oder andere Gebäude hineinschauen können, etwa das Alte Rathaus, das im Zweiten Weltkrieg komplett zerstört wurde. Dabei ließe sich dann vielleicht ein Bürgermeister treffen, der über psönliche Geschichten ein Bild seiner Zeit vermittle, so eine Idee. Dazu »müssen wir aber natürlich wissen, wie es damals in den Häusern ausgesehen hat«, erklärt Mario Alves vom Museumsteam. Noch viel Recherche, viel Arbeit im Stadtarchiv sei dazu nötig. Und für weitere Objekte und Geschichten sei das Haus auch weiterhin immer offen.

Diese Form der sogenannten Augmented Reality (AR), zu Deutsch: erweiterte Realität, biete ganz neue Möglichkeiten, um das Publikum mit der Geschichte vertraut zu machen, sagt Julia Schopferer. Die Besucher sollen dann über mobile Audiogeräten an festinstallierten Medienstationen in die vergangene Stadt hineingezogen und auch zur Interaktion aufgefordert und ins Staunen versetzt werden. Diese Pläne sollen irgendwann auch für andere, kleinere Museen nutzbar sein. Wie sich das Projekt in den nächsten Monaten weiter entwickelt, will das Haus transparent bekanntgeben. Und ab September, so die Hoffnung, sollen die ersten Besucher die virtuelle Stadt ausprobieren können, für die im Erdgeschoss des Alten Schlosses ein Raum eingerichtet wird. Mehr über das bundesweite Projekt mit dem Namen Verbund museum4punkt0 ist im Internet zu erfahren: www.museum4punkt0.de/.

Eine Führung bietet das Oberhessische Museum am Sonntag, 8. Mai, um 11 Uhr an. Gemeinsam mit dem Künstler Daniel Horvat erkunden die Teilnehmer im Alten Schloss die Malerei des 20. Jahrhunderts in der Gemäldegalerie, insbesondere die Kunst nach dem Zweiten Weltkrieg. Es soll ein Austausch über die verschiedenen künstlerischen Strategien, aber auch über die spezielle Ausstellungssituation in der Galerie entstehen. Eine Anmeldung ist erforderlich, online unter www. museum.giessen.de. (red)

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