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»Völlig schockierende Bilder«

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Passanten blicken in Almaty auf das Rathausgebäude, das deutliche Spuren der Auseinandersetzungen trägt. © dpa

Prof. Mark Kirchner skizziert im Interview die geschichtlichen und kulturellen Hintergründe, die zur derzeitigen gewalttätigen Lage im zentralasiatischen Binnenstaat.

Gießen. Prof. Mark Kirchner ist seit über 30 Jahren mit Kasachstan verbunden und gilt an der Justus-Liebig-Universität (JLU) als Experte für den zentralasiatische Staat. Der Professor für Turkologie an der JLU promovierte 1989 mit einer Studie zur Phonologie des Kasachischen und ist seit 2012 Honorarprofessor an der Abylajkhan Universität in Almaty, der früheren kasachischen Hauptstadt. Kirchner skizziert im Interview die geschichtlichen und kulturellen Hintergründe, die zur derzeitigen gewalttätigen Lage im zentralasiatischen Binnenstaat geführt haben.

Geschichtlich und kulturell ist Kasachstan als Nachfolgestaat der Sowjetunion ein besonderer Fall, allein aufgrund des etablierten Personenkults um Ex-Präsident Nursultan Nasarbajew. Wie kann man die derzeitige Situation kulturell und historisch einordnen?

Ja, es ist die große Frage, wie weit man zurückgehen kann, soll und muss, um die Entwicklung einigermaßen einordnen zu können. Kasachstan ist die ehemalige Sowjetrepublik, die am stärksten in ihrer ethnischen Zusammensetzung Veränderungen erfahren hat. Es war ursprünglich ein überwiegend kasachisch besiedeltes Gebiet. Gegen Ende der Sowjetunion wurden die Kasachen zu einer Minderheit in ihrem eigenen Gebiet. Nach der Unabhängigkeit gab es wiederum massive Veränderungen. Mittlerweile sind über zwei Drittel der Bevölkerung Kasachstans ethnische Kasachen. Wir haben unglaublich viel Bewegung in dieser Region. Ich spreche hier von Zwangsumsiedelung in die Region und Auswanderung aus der Region. All das macht Kasachstan zu einem enorm instabilen Land, wenn man die letzten 50 Jahre betrachtet.

Instabil, aber bisher friedlich? Weshalb hat sich das geändert?

Was immer der Faktor war und was auch diese Autokratie, die dort aufgebaut wurde, legitimiert hat, war, dass diese enormen Bevölkerungsveränderungen in äußerst friedlichen und stabilen Rahmenbedingungen abliefen, im Vergleich zu Ex-Jugoslawien oder dem Kaukasus. Das hat das enorme Renommee von Kasachstan ausgemacht. Woran jetzt die Entwicklung gescheitert ist, ist die Tatsache, dass nach dem Ende der Herrschaft Nasarbajew 2019, dem formalen Ende nach 30 Jahren, vermutlich irgendeine Form von Wandel erwartet wurde. Genau dieser Wandel ist nicht eingetreten. Gleichzeitig verstärkt mit sozialen Problemen und externen Problemen wie Corona. Eine Stagnation ist eingetreten, vergleichbar mit der Sowjetunion unter Breschnew. Viele sehen: Es passiert nichts, aber es müsste etwas passieren. Das ist mit so eine Grundlage für die Dinge, die jetzt plötzlich, auch für mich vollkommen unerwartet, auf uns zugekommen sind.

Die Ära Nasarbajew endete nach über 30 Jahren. Wie war der Transformationsprozess? Gab es keine Transformation des Systems? Welche Rolle spielt der neue Präsident Kassym Tokajew?

Ich vermute, dass er jetzt eine Rolle zu spielen beginnt. Mit dem Amtsverzicht von Nasarbajew und der Übernahme von Tokajew hatte sich außer einem zunehmenden Personenkult rund um Nasarbajew eigentlich sehr wenig verändert. Das wurde im In- und Ausland nicht anders wahrgenommen. Jetzt ist es etwas geschehen, irgendwelche Entwicklungen haben angefangen und wir wissen noch nicht, in welche Richtung sie laufen, aber eventuell hat Tokajew jetzt zum ersten Mal die faktische Macht im Staat.

Die ethnische Zusammensetzung der letzten 30 Jahre in Kasachstan unterstand einem stetigen Wandel. Inwiefern sorgt es dafür, dass die Situation in Kasachstan entstehen konnte?

Wir sehen die Wirtschaft als wichtigen Faktor, allerdings: Es wurde immer wieder gesagt, dass in Kasachstan das Leben teurer geworden ist und fast EU-Niveau erreicht haben, was ein belastender Faktor ist. Allerdings, was mir jetzt als fachlich informierten Beobachter aufgefallen ist: Der enorme starke ethnisch kasachische Anteil bei den Demonstranten. Es waren definitiv keine Demonstrationen, die von dem Bevölkerungsquerschnitt der Minoritäten mitgetragen worden sind. Es waren fast ausschließlich Kasachen und es waren jüngere, männliche Kasachen.

Ist es also ein Protest der ethnischen Gruppe und kein allgemeiner Unmut?

Aus dem Sprachgebrauch, den ich aus den Videoaufnahmen heraushören konnte, war es zudem außergewöhnlich, dass ich fast ausschließlich Kasachisch und nicht Russisch gehört habe. Insgesamt auch vom Habitus scheint es mir so zu sein, dass es da ein eher ländlich-nationalistisches Klientel in äußerem Maße unzufrieden war. Das bürgerlich-gehobene und multiethnische Klientel scheint sich wohl mit der Regierung in Astana besser vertreten gefühlt. Es sieht mir stark danach aus, als seien die Proteste aus einer kasachisch, nationalistischen und ethnischen Unzufrieden entstanden.

Dann ist es doch umso paradoxer, dass der Präsident im Fernsehen sagt, dass die Demonstranten Banditen, Terroristen sowie ausländische Söldner seien und einen Schießbefehl erteilt?

Man muss wissen, dass es in Kasachstan unter den Kasachen zwei Gruppierungen gibt, die sich in ihrer kulturellen Orientierung sehr unterscheiden. Zum einen ist es das eher ländliche Klientel, was sich auch bei den Demonstrationen bemerkbar gemacht hat, das sich eher kasachisch fühlt. Das sind meist auch Leute, die repatriiert wurden, aus der Mongolei oder China. Das eher kasachische Klientel. Dann gibt es die Kasachen im Norden, die nicht primär kasachisch-sprachig sind und sich eher Richtung Russland fokussieren und auch russische Medien verfolgen. Die wollen ein offenes Kasachstan in alle Richtungen, also Richtung Moskau, Europa und China. Und da gibt es Spannungen zwischen den beiden Gruppen. Als Beobachter von ganz außen könnte es so wirken, dass diese beiden Gruppierungen gewissermaßen in Konflikt gekommen sind.

Foto: privat

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Kirchner © Red

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