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Vom Elend und Leid des Krieges

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Pianist Evgeni Ganev (vorne) spielt ein Ravel-Konzert nur für die linke Hand. Martin Spahr steht heute erstmals beim Sinfoniekonzert am Dirigentenpult. © Schmitz-Albohn

Das Programm des heutigen Sinfoniekonzerts im Stadttheater Gießen ist von erschreckender Aktualität.

Gießen (tsa). Der aus Worms stammende Komponist Rudi Stephan galt als große Hoffnung. Offen für alle musikalischen Strömungen seiner Zeit, war er besonders von Claude Debussy und Maurice Ravel beeinflusst. Gleichwohl zeigte seine musikalische Sprache eine große Eigenständigkeit und einen starken Gestaltungswillen. Der Krieg machte jedoch alles zunichte: Stephan starb im Alter von nur 28 Jahren als Soldat des Ersten Weltkriegs bei Tarnopol in der Ukraine. Seine »Musik für Orchester« aus dem Jahre 1912 erklingt heute Abend im Stadttheater unter der Leitung des Ersten Kapellmeisters Martin Spahr, der damit sein Debüt als Dirigent eines Sinfoniekonzerts gibt. Es spielt das Philharmonische Orchester Gießen.

Nicht nur Stephans Werk, sondern auch alle anderen Werke des Abends spiegeln Schrecken, Leid und Elend des Krieges wider. Ursprünglich war das Programm 2019 zum 75. Jahrestag der Bombardierung Gießens vorgesehen. »Man hat sich aber«, so Spahr, »für einen kleineren Rahmen in der Pankratiuskapelle entschieden und verlegte das Konzert auf die nächste Saison. Dann kam mehrmals Corona dazwischen, und nun bekommt der Abend eine Aktualität, die er vorher nicht gehabt hätte.«

Das Kriegsgeschehen bildet auch den Hintergrund im Klavierkonzert für die linke Hand D-Dur von Maurice Ravel. Der musikalisch hochbegabte Pianist Paul Wittgenstein aus einer schwerreichen Wiener Fabrikantenfamilie hatte als Soldat im Ersten Weltkrieg im Feld den rechten Arm verloren und Ravel daher zu diesem Werk beauftragt. »Man muss dieses Konzert genießen, denn es ist sehr klug und wahnsinnig gut geschrieben«, schwärmt Evgeni Ganev im Pressegespräch. Der am Stadttheater als Solorepetitor engagierte Pianist ist dem Gießener Publikum seit Jahren als Solist in Matineen, Kammer- und Sinfoniekonzerten wohlbekannt. Für ihn ist es das erste Mal, dass er das Ravel-Konzert spielt - und natürlich freut er sich darauf.

Gustav Mahlers 1888 geschaffene »Totenfeier« und Benjamin Brittens instrumentale »Sinfonia da Requiem« von 1940 runden das Programm ab. Erst einige Jahre nachdem Mahler die Tondichtung beendet hatte, stellte Mahler seine sinfonische Dichtung an den Anfang seiner 2. Sinfonie. Brittens Komposition entstand ursprünglich als Auftragswerk für das Thronjubiläum des japanischen Kaisers, doch wegen seiner christlichen Form fühlten sich die Auftraggeber brüskiert und wiesen es erbost zurück. Es ist ein tönendes Mahnmal gegen den Krieg voller Trauer und Erinnerung.

Martin Spahr wird nach seinem ersten Sinfoniekonzert heute Abend wohl nicht so bald wieder am Dirigentenpult stehen - wenigstens nicht in Gießen. Im Führungsstab der künftigen Intendantin Simone Sterr übernimmt er nämlich den Posten des Betriebsdirektors, und da kommt der gebürtige Gießener nicht mehr zum Dirigieren, sondern muss sich um die künstlerischen Abläufe und Belange kümmern. Dieser Schritt, so Spahr im Pressegespräch, öffne ihm natürlich auch Türen, beispielsweise bei Bewerbungen als Operndirektor. »Dirigieren muss ich dann eben woanders.«

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