1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Vom Fuß an die Hand

Erstellt:

giloka_0508_skate_ebp_04_4c_1
An der Ständerbohrmaschine verpasst Anton Schultheis den Skateboard-Ringen den letzten Schliff. Foto: Pfeiffer © Pfeiffer

Mit Skateboards kann man mehr machen, als Sport und Tricks: Anton Schultheis aus Gießen haucht alten Brettern neues Leben ein und baut aus ihnen Ringe, Lampen und mehr

Gießen . Bunt gestreift und zart glänzend: So sieht er aus, der Ring, den Anton Schultheis an seinem Finger trägt. Auf den ersten Blick würde wohl kaum jemand erahnen, dass das Schmuckstück vor nicht allzu langer Zeit noch unter den Füßen »getragen« wurde, anstatt an der Hand. Denn Schultheis haucht alten Skateboards neues Leben ein. Aus den gebrauchten Decks - so heißen die Bretter - baut er beispielsweise Lampen, Schallplatten- und Kerzenständer, Wandbilder oder eben Ringe.

In der Werkstatt, die sich der 24-Jährige in der Garage eingerichtet hat, reiht sich ein ausrangiertes Deck an das Nächste, in einem Glas warten Ring-Rohlinge auf den nächsten Arbeitsschritt. Schultheiß steht an der Ständerbohrmaschine und bearbeitet gerade eines der Schmuckstücke mit Schleifpapier. »Für einen Ring brauche ich ungefähr eine Stunde.«

Erfindergeist

Den Herstellungsprozess hat er nach und nach perfektioniert und dabei auch viel getüftelt. Zwar werden die Ringe dank Ständerbohrmaschine und Schleifpapier außen schön glatt, die Innenkante ist aber zu scharf, um den Schmuck bequem tragen zu können. Ein selbst gebautes Futter, in das die Ringe beim Schleifen der Innenseite eingelegt werden können, schafft Abhilfe.

Und auch für das Finish hat Schultheis einiges getestet und dann kurzerhand das passende Hilfsmittel selbst entworfen: »Ich habe sowohl Lack als auch Lasur ausprobiert, aber das Ergebnis war nicht so, wie ich es wollte.« Die Lösung: UV-Harz. Damit das Harz auf den Schmuckstücken gleichmäßig unter der UV-Lampe trocknet, hat der 24-Jährige eine Drehhalterung gebaut, die er scherzhaft seinen »Dönerspieß« nennt. »Manchmal muss man ein wenig um die Ecke denken.«

Schultheis, der an der Justus-Liebig-Universität Erziehungswissenschaften studiert, ist begeisterter Skateboarder, der Verschleiß mitunter hoch. »Die alten Boards lagen bei mir zu Hause rum, zum wegschmeißen sind sie zu schade.« Er beginnt zu experimentieren und stellt bald fest: Skateboards sind »ein cooler Werkstoff«. Die Bretter bestehen aus sieben Schichten Sperrholz, der Querschnitt zeigt die verschiedenen Farben der einzelnen Lagen. Bei der Weiterverarbeitung müsse man aber vorsichtig sein, denn die einzelnen Schichten können absplittern.

Für größere Projekte schneidet Schultheis die Skateboards in Streifen und leimt diese zusammen. So entstehen kunterbunt gestreifte Holzblöcke, die dann weiter verarbeitet werden können. Doch zuvor muss erst einmal das Griptape von der Oberfläche der alten Skateboards entfernt werden. »Ich erwärme es mit einem Fön, dann kann man es abziehen.« Anschließend geht es ans abschleifen, damit der Leim hält.

Nachschub bekommt der Student nicht nur durch den eigenen Verbrauch. Auch sein Bruder steuert regelmäßig ausrangierte Decks bei, andere bekommt er von Freunden oder Gleichgesinnten im Skatepark in der Wieseckaue. »Wenn man viel fährt, kann das Board schon nach zwei Wochen durch sein«, erzählt Schultheis. Und wer etwas forscher fährt, dem breche das Brett mitunter auch schon beim ersten Einsatz.

Zum Skaten ist der Gießener durch seinen älteren Bruder gekommen, als Teenager lernte er mit dessen Board die ersten Tricks. Nach einer längeren Pause entdeckte er das Hobby vor fünf Jahren wieder für sich - und war damit nicht allein: »Mein halber Freundeskreis war plötzlich wieder am fahren.«

Und auch, dass man alte Decks nicht wegschmeißen muss, hat sich mittlerweile rumgesprochen. Im Internet finden sich zum Beispiel Anleitungen, wie man aus dem Freizeitgerät Regale baut. Die Skateboard-Reste, die in seiner Werkstatt übrig bleiben, weil sie für ihn zu klein sind, schmeißt Schultheis übrigens nicht weg, sondern hebt sie für eine Freundin auf, die daraus unter anderem Ohrringe herstellt.

Ausgleich in der Pandemie

Noch fertigt er seine Unikate für sich selbst oder für Freunde. »Die Nachfrage steigt«, sagt der junge Mann und lacht. Gerade während der Corona-Pandemie sei das Arbeiten in der Werkstatt für ihn ein gutes Ventil gewesen. Nur die Zeit, die fehle ihm für die vielen Ideen, die er für weitere Upcycling-Projekte hat. Langfristig kann er sich vorstellen, seine Produkte auch in einem Onlineshop anzubieten. Seine fertigen Stücke präsentiert er bereits jetzt auf seinem Instagram-Account anoja_designs.

Das Interesse am Handwerken und an ungewöhnlichen Werkstoffen hat er geerbt: »Mein Opa hat eine große Werkstatt und hebt alles auf, weil man es wiederverwenden könnte.« Bei der Einrichtung seiner Garagen-Werkstatt hat ihn der Vater unterstützt. »Ohne ihn würde ich hier immer noch nur mit einem Akkubohrer rumwerkeln.«

giloka_0508_skateb_ebp_0_4c
Bevor sie weiterverarbeitet werden können, müssen die Decks erstmal abgeschliffen werden. Foto: Pfeiffer © Pfeiffer
giloka_1008_skate4_ebp_1_4c_1
Die Skateboards werden in Streifen schnitten und verleimt. Aus den Blöcken werden auch Kerzenständer. Foto: Schultheis © Schultheis

Auch interessant