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Vom Huhn bis zum Ausgabefach

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giloka_Huehner_DSC_7054_2_4c © Jasmin Mosel

In Gießen gibt es im Leihgesterner Weg einen Hofladenautomaten. Aber welchen Weg nehmen eigentlich die Eier, bis sie letztlich dort stehen?

Gießen/Pohlheim. Wer Eier einsammeln will, sollte vorsichtshalber anklopfen. Schließlich gefällt es wohl niemandem, wenn ohne Ankündigung die Tür aufgerissen wird und plötzlich ein Besucher im heimischen Wohnzimmer steht. Auch die Hühner des Obersteinberger Hofs sind da empfindlich. »Der Habicht war schon oft hier«, erklärt Landwirt Philipp Fay - und kündigt das Öffnen der Hühnermobilklappen deshalb gut hörbar an. Mit dem Wissen, dass es »nur« um ihre Eier und nicht um ihr Leben geht, zeigen sich die Hennen dann durchaus neugierig. Der Landwirt wird beim Leeren der Nester genaustens beäugt. Rund 2000 Eier kommen an einem Tag zusammen. Schon wenig später werden sie in die Verkaufsautomaten der Familie Fay einsortiert. Einer ihrer drei rund um die Uhr geöffneten Ausgaben für Hofladenprodukte steht im Leihgesterner Weg in Gießen. Doch welchen Weg nehmen die Eier, bis sie verpackt aufgereiht im Ausgabefenster stehen und nach Kleingeldeinwurf in das gut gepolsterte Entnahmefach fallen?

Beschäftigung im »Wintergarten«

Nach nur sieben Kilometern Fahrt in Richtung Süden können die Hühner normalerweise von einem Spazierweg nahe des Limes beim Scharren und Picken beobachtet werden. Nach dem Nachweis der Geflügelpest im Landkreis Gießen muss allerdings auch das Federvieh der Familie Fay drinnen bleiben. Dabei gibt es rund um den Hof Obersteinberg - gelegen zwischen Leihgestern und Pohlheim - jede Menge Platz. Ohne Zugang zu den Wiesen wird den Hühnern schnell langweilig. Philipp Fay und sein Vater Peter sorgen daher für Beschäftigungsalternativen. Scharren ist etwa auch im mit Hackschnitzel ausgelegten Stallbereich möglich, dazu werden Kürbisse zum Auspicken im sogenannten »Wintergarten« bereitgestellt. In Bottichen mit Kalk können die Tiere ihr Gefieder auf natürliche Weise reinigen. 242 Hühner teilen sich ein zweistöckiges, Hühnermobil. 50 Quadratmeter stehen ihnen so immer zur Verfügung, dazu kommen vier Quadratmeter Auslauf pro Tier. Erlaubt wären bei der Freilandhaltung laut den Minimalanforderungen der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung bis zu neun Hühner pro Quadratmeter Stallfläche.

Der Obersteinberger Hof ist ein Familienbetrieb in fünfter Generation. Der 29 Jahre alte Philipp Fay hat Landwirtschaft studiert und arbeitet seit 2017 fest auf dem heimischen Bauernhof, wo seit einigen Jahren die Umstrukturierung in Richtung ökologische Landwirtschaft läuft. Direktvermarktung spielte auf dem Hof schon immer eine Rolle. 2015 wurde in der alten Waschküche dann der erste Hofladen errichtet, der inzwischen in eine ehemalige Scheune umgezogen und damit deutlich vergrößert worden ist. Im selben Jahr schaffte die Familie ein erstes Hühnermobil an. »Am Anfang haben wir uns gefragt, wie wir die vielen Eier loswerden sollen«, erzählt Philipp Fay. Doch tatsächlich war das gar kein Problem. Inzwischen besitzt die Familie zwei kleine und zwei große mobile Hühnerställe mit insgesamt knapp 2400 Hennen. Die Eier gehen an Gastronomiebetriebe und sind im Sortiment einiger Supermärkte in der Region zu finden. Den größten Absatz erzielen die Fays aber mit dem Verkauf über die Automaten. Anfang 2016 stellten sie den ersten in Watzenborn-Steinberg auf, aufgrund der großen Nachfrage folgte Ende 2018 die Gießener Anlaufstelle für Hofladenprodukte. Im vergangenen Jahr kam ein dritter Automat in Lich dazu. Die Geräte verfügen über moderne Technik, den aktuellen Füllstand kann Philipp Fay per App jederzeit abrufen.

Die Haltung von Legehennen ist eigentlich prädestiniert »für faule Bauern«, sagt er mit einem Augenzwinkern. Gemeint ist damit die Uhrzeit, auf die der morgendliche Wecker gestellt werden muss. Die Hühner kommen in der Frühe nämlich erst einmal alleine klar. Um 10 Uhr öffnen sich die Auslaufklappen automatisch, die Stromversorgung läuft über Solarpanels auf dem Stalldach. Kurz darauf werden dann die Eier eingesammelt. Bei den kleinen Mobilen leeren Philipp Fay oder sein Vater von Hand die Ablagestellen aus Dinkelspelz, die natürlichen Nestern nachempfunden sind. Gefüttert werden die Tiere ausschließlich mit selbst erzeugtem Getreide. Bei Sonnenuntergang gehen die Türen zum sicheren Stall wieder zu. Abends fängt Fay dann noch die ausgebüxten Hühner ein. Die säßen aber meist ohnehin schon vor dem Eingang bereit »und das weiß auch der Fuchs ganz genau.«

Die beiden größeren Ställe, in denen je circa 950 Hühner leben, sind technisch aufwendiger ausgestattet. Die Eier fallen hier in spezielle »Abrollnester« und werden so auf einer Art Fließband per Lichtschranke herausgerollt. »Das macht die Arbeit deutlich einfacher«, sagt Fay. Danach kommen die Eier in eine Sortiermaschine, die sie nach den unterschiedlichen Größen - von S bis XL - kategorisiert. Bevor der obligatorische Erzeugerstempel aufgebracht wird, werden die Eier nochmals durchleuchtet.

Komplette Herden ausgetauscht

Mit 19 Wochen kommen die Junghennen vom Ebsdorfergrund auf den Obersteinberger Hof. »Die kurze Fahrt bedeutet wenig Stress«, verdeutlicht Philipp Fay. Ihre ersten Eier legen die Hennen schließlich mit 20 bis 22 Wochen. Nach 15 Monaten Legezeit wird die komplette Herde ausgetauscht. Dass es Probleme mit sich bringen kann, die Tiere nach und nach zu ersetzen, habe schon seine Oma mit ihren damals 50 Hühnern auf dem Hof erfahren müssen. »Hackordnung«, sagt der Landwirt knapp. »Die neuen Tiere werden fertiggemacht.« Und auch die Übertragung von Keimen sei ein wichtiger Grund, die Herden nicht zu durchmischen. Geschlachtet werden die Hennen ebenfalls vor Ort. »Normalerweise zahlen die Betriebe für die Entsorgung«, erklärt Fay. Auf dem Obersteinberger Hof können die Tiere allerdings als Suppenhühner über den Hofladen vermarktet werden. Das selbst hergestellte Hühnerfrikassee im Glas landet auch in den Verkaufsautomaten - und steht dort direkt neben den Eiern.

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Die großen Ställe sind technisch aufwendig ausgestattet und erleichtern so die Arbeit. Bevor sie im Automaten landen, werden die Eier sortiert, durchleuchtet und gestempelt. © Jasmin Mosel
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giloka_Huehner_DSC_7057_2_4c © Jasmin Mosel
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giloka_Huehner_DSC_7061_2_4c © Jasmin Mosel
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giloka_Huehner_DSC_7064_2_4c_1 © Jasmin Mosel

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