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Vom langsamen Grollen

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Zwei schwere Erdbeben erschüttern den Friaul im Jahr 1976. Nordostitalien ist nicht im Herzen Europas, aber doch so nah dran, dass die Erschütterung mental nachwirkt bei den Bewohnern eines Kontinents, die seit dem Zweiten Weltkrieg in aller Regel nur Voyeure sind, wenn sich große Katastrophen in der Welt abspielen. Friaul aber ist näher, Friaul ist Europa, Friaul ist fast mittendrin - und wenn die Erde bebt inmitten der Zivilisation, werden nicht nur Fundamente von Gebäuden zerstört, sondern auch vermeintliche Gewissheiten in Schutt und Asche gelegt.

Nach dem Erdbeben von Lissabon 1755, der Ur-Katastrophe des neuzeitlichen Europas, fielen viele Menschen vom Glauben ab.

Worte zu finden für ein solches Szenario, das ist denkbar schwer. Auch als halbfiktionaler Versuch, als das, was man als »Roman« zu kennen glaubt. Selbst mit dem Abstand von rund 45 Jahren bedarf es einer Suche, des Herantastens, ja des Umkreisens, um dem gerecht zu werden, was zur Sprache kommen soll. Esther Kinsky hat es in ihrem Roman »Rombo« versucht. Sie erzählt von jenen Tagen des Bebens, dem davor und danach, sie balanciert in ihrem Sprachnetz Kapitel für Kapitel über dem Abgrund entlang. In kürzesten Abschnitten, gleichermaßen Bruchstücken, führt sie an Abbruchkanten, an deren Rand der Leser stehenbleibt, um hinabzublicken. Literatur bietet dabei größtmögliche Freiheit, ein Roman kann wie ein Steinbruch sein. Kinskys Methode ist - was dem Inhalt auch formal gerecht wird - ein Stückwerk, in kürzesten bis längeren Absätzen, immer einzeln untertitelt. An Namen, Menschen, Landschaften, Tieren, Straßen entlang entfaltet sich ihr Schreiben - grollend, wie das heranrollende Beben. »Rombo« ist der Versuch, einen Roman über Unsagbares zu schreiben. Stück für Stück zu entdecken und zu erarbeiten. Ein großes Ganzes ist es nicht. Das ist einerseits das Glück, andererseits die Hypothek beim Lesen.

Esther Kinsky: Rombo. 265 Seiten. 24 Euro. Suhrkamp.

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