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Vom Mittelalter bis zu QAnon

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Der LZG-Vorsitzende Sascha Feuchert diskutierte mit Olga Grjasnowa (links) und Jo Glanville. Foto: Czernek © Czernek

Die langen Linien des Antisemitismus: Eine Podiumsdiskussion beim Literarischen Zentrum widmete sich einem Thema, das uralt ist, aber bedrückend aktuell bleibt.

Gießen. Vor wenigen Tagen war es mal wieder soweit: Eine Karikatur in der Süddeutschen Zeitung schlug medial hohe Wellen, weil sie sich bei der Darstellung Wolodymyr Selenskyjs den Vorwurf des Antisemitismus einhandelte. Zu sehen ist darin der ukrainische Präsident als riesengroßer Gast des Davoser Weltwirtschaftsgipfels, der einen Tisch mit winzigen Sitzungsteilnehmern beherrscht: »geifernd, übergroß und mächtig«, wie es in den Kritiken hieß.

Die Karikatur wecke tatsächlich »bei einigen Menschen antisemitische Assoziationen«, bedauerte die Chefredaktion anschließend. Und selbst wenn man dem Blatt keinen bösen Willen unterstellen will (und sollte): Auffällig bleibt, wie häufig solche Klischees vom strippenziehenden, bösartigen und die Mehrheitsgesellschaft bedrohenden Juden immer wieder aufs Neue auftauchen.

Doch wo kommen diese ewig gleichen Narrative eigentlich her? Damit beschäftigte sich eine Podiumsdiskussion, zu der das Literarische Zentrum Gießen (LZG) am Mittwochabend in die Alte Uni-Bibliothek eingeladen hatte. Zu Gast waren die renommierte englische Kulturjournalistin Jo Glanville sowie die in Baku, Aserbaidschan, geborene und in der Wetterau aufgewachsene jüdische Schriftstellerin Olga Grjasnowa, die als eine der wichtigsten literarischen Stimmen ihrer Generation gilt, wie Moderator Sascha Feuchert in den Abend einführte.

Zunächst las Glanville aus ihrem im Mai 2021 erschienenen Sammelband »Looking for an Enemy« (Ausschau nach einem Feind), in dem sie acht Essays jüdischer Schriftsteller zusammengefasst hat. Darin wird dargelegt, wie alt die Mythen um Kinderschändung oder Ritualmorde in der englischen Geschichte sind und wie hartnäckig sie reproduziert werden. So gibt es etwa die von einem Benediktinermönch um das Jahr 1150 aufgeschriebene Geschichte des William von Norwich, der 1144 das angebliche Opfer eines solchen Ritualmords gewesen sein soll. Diese Erzählung gilt als Beginn der Ausgestaltung der Ritualmordlegende im mittelalterlichen Europa.

Die britische Expertin legte eindrucksvoll dar, wie immer neue Geschichten den alten Mythos aufgreifen und variieren. Das führt bis in die heutige Zeit, in der Verschwörungstheoretiker unter dem Namen QAnon von einer satanistischen Elite fabulieren, die Kinder entführe, um aus ihnen ein Verjüngungsserum zu gewinnen. So absurd und bizarr solche Theorien auch sind, sie basieren doch immer wieder auf dem gleichen Stoff. Für Jo Glanville steckt darin die abgründige Faszination für Horror, Verbrechen, Bedrohung und Verschwörung, die sich bis ins 21. Jahrhundert in immer neuen Aufgüssen zeige.

900 Jahre alter Mythos

Olga Grjasnowa las anschließend aus einem Essay, in dem sie aktuelle Phänomene rund um das Thema zusammentrug. Dazu zählte sie etwa die vieldiskutierten Tabubrüche der Kabarettistin Lisa Eckhart: »Ich bin entsetzt darüber, wie wohlwollend ihr medial begegnet wird.« Zudem erinnerte sie an den russischen Außenminister Sergej Lawrow, der gerade den jüdischen Präsidenten der Ukraine mit Adolf Hitler in Verbindung brachte und gleichzeitig antisemitische Propagandalügen unter das eigene Volk streut.

In der anschließenden Debatte mit dem Publikum im vollbesetzten Saal zeigte sich dann, wie schwierig, komplex und vielschichtig das Phänomen ist, wenn es um die aktuellen Bezüge geht. So verteidigte eine Besucherin Lisa Eckhart gegen den Vorwurf des Antisemitismus, weil ihre Methode darin bestehe, mit Klischees zu spielen, auch wenn es etwa um Männer, Behinderte oder die Kirche gehe. Eine weitere Besucherin wies auf den Antisemitismus hin, der sich etwa bei Demonstrationen im islamischen Teil der Bevölkerung zeige.

Die Formen des Antisemitismus, soviel wurde bei dieser Diskussionsrunde einmal mehr deutlich, sind vielgestaltig. Ob sie jedoch rechtsradikal, islamisch, evangelikal oder von einer antikapitalistischen Linken stammen: Immer wieder bemühen sie die gleichen uralten Narrative. Und denen lässt sich nur mit Fakten begegnen, ist Olga Grjasnowa überzeugt.

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