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»Vom Musketier zum Weltautor«

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Vorsitzende Brigitte Sekula bedankt sich bei Referent Hans Sarkowicz für seinen Vortrag. Foto: Hahn-Grimm © Hahn-Grimm

Gießen (uhg). Referent Hans Sarkowicz formulierte es salopp: »Das war so keine zarte Sorte.« Die frühen Quellen über die Vorfahren des Barockdichters Hans Jakob von Grimmelshausen in Thüringen und Hessen zeichnen ein Bild, in dem immer wieder von Schlägereien, Trunksucht und Schulden die Rede ist. Es ist das Jahr 1621 oder 1622, als der kleine Hans Jakob in Gelnhausen als Sohn eines Bäckers auf die Welt kommt und schon mit zwölf Jahren in den 30-jährigen Krieg geworfen wird.

Wenn die Quellenlage so dünn ist, wie dies für die Kinderjahre von Grimmelshausen zutrifft, muss der Biograf auch kombinieren können und verschiedene Erkenntnisse zusammentragen, erklärte Sarkowicz seine Arbeitsweise. Er ist zusammen mit Heiner Boehncke Verfasser des Buches »Grimmelshausen - Leben und Schreiben. Vom Musketier zum Weltautor«.

Jetzt stellte er sein Buch bei der Gießener Gruppe des Vereins »Frau und Kultur« vor. Vorsitzende Brigitte Sekula freute sich, den langjährigen HR-Hörspielchef erneut als Referenten im Netanya-Saal im Alten Schloss begrüßen zu können. Sie betonte, dass der Verein nach der pandemiebedingten Unterbrechung nun wieder regelmäßig seine Vortragsreihe im Alten Schloss anbieten könne.

Bereits in seiner frühen Kindheit muss Grimmelshausen Lesen und Schreiben gelernt haben, im Krieg wird zunächst kaum Gelegenheit dazu gewesen sein, mutmaßt Autor Hans Sarkowicz. Doch wer so umfassende und moderne Werke schreibt wie Grimmelshausen, muss sich seine profunden Kulturtechniken irgendwann angeeignet haben. Das kann nur in frühen Jahren in der heimischen Klosterschule gewesen sein. Sein Stief-Großvater war zudem Verleger und reiste bei der Familie immer mit interessanten Schriftrollen an.

Der 30-jährige Krieg erreicht Gelnhausen und Hanau, der junge Hans Jacob Grimmelshausen wird von marodierenden Horden geschnappt, bis Kriegsende 1648 bleibt er Soldat. Seine Kriegserlebnisse verarbeitet er unter Pseudonymen in Romanen und kleineren Schriften, allen voran Simplicissimus Teutsch (1668/69). »Wir haben es mit einem Pazifisten zu tun, der im Krieg nur das Schlimme sieht«, kommentiert Sarkowicz. »Und beim Lesen über Grausamkeiten und Blutvergießen hat man manchmal das Gefühl, dass sich seither nicht so viel verändert hat.«

Grimmelshausen übersteht den Krieg, er heiratet bald schon in Offenburg und bleibt bis zu seinem Lebensende im Badischen. Mit seiner Frau Katharina hat er zehn Kinder, er wird Verwalter von Schloss Schauenburg und anderen Gütern und beendet sein Leben schließlich als Schultheiß in der kleinen Stadt Renchen, wo sich auch ein Gedenkstein befindet. Das Schreiben war ihm all die Jahre wichtiger Bestandteil seines Daseins, noch heute ist ein Schreibtisch in seiner Wohnung im Haus des »Silbernen Stern« im benachbarten Oberkirch zu besichtigen.

Zur Person

Hans Sarkowicz wurde 1955 in Gelnhausen geboren. Er studierte 1974 bis 1979 Germanistik und Geschichte an der Johann-Wolfgang-Goethe Universität Frankfurt und absolvierte als Magister. 1979 wurde er beim Hessischen Rundfunk Leiter des Bereichs hr2-Literatur und Hörspiel. Gemeinsam mit weiteren Autoren veröffentlichte er Biografien, unter anderem über Erich Kästner und Heinz Rühmann. Er ist Autor von rundfunkhistorischen Publikationen, so beispielsweise über das Radio im Dritten Reich. 2022 wurde Sarkowicz von der JLU die Ehrendoktorwürde als einer der wichtigsten Förderer von Kunst und Literatur im Öffentlichen Rundfunk verliehen.

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