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Vom Punk-Fritz zum Filmpreisanwärter

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Mit Fritz Roth verliert das Fernsehen einen Charakterkopf und viele Gießener einen alten Freund. Hier war der aus dem »Polizeiruf« bekannte Schauspieler eine Institution in der linken Szene.

Gießen/Berlin. Wenn man mit alten Weggefährten und Freunden von Fritz Roth spricht, fällt immer wieder ein Name: »Bimbo-Markt«, aber dazu später mehr. Lange bevor der am 8. August nach schwerer Krankheit in Berlin verstorbene Schauspieler einem bundesweiten Publikum als Ermittler im »Polizeiruf 110« aus Brandenburg bekannt wurde, war er bereits eine Institution in der Gießener linken Szene. Zu alten Freunden an der Lahn hatte er bis zum Schluss den Kontakt gehalten.

Aus der Kulisse ...

Friedrich »Fritz« Roth wurde am 11. Februar 1955 in Laasphe im Marburger Hinterland geboren, wo er auch aufwuchs und die Schule besuchte. In Gießen lebte er im legendären ersten besetzten Haus an der Südlage, wenn auch regulär zur Miete in einer sechsköpfigen WG im Erdgeschoss, die Hausbesetzer hausten ein Stockwerk drüber. Vielen dürfte Roth noch ein Begriff als Sänger und Saxofonist der Punk-Band »Akupunktur auf der Flucht« sein.

Seine Schauspielkarriere begann der bodenständige Lebemann als Kulissenschieber am Stadttheater, bevor er 1992 mit seinem Kumpel Christoph Nix nach Berlin ging, wo er kleine Rollen am Berliner Ensemble übernahm. Mit Nix ging er auch ans Theater Nordhausen. Als der ihn aber nicht mit nach Kassel nahm, wo Nix Intendant am Staatstheater wurde, verlegte sich Roth aufs Fernsehen.

Bevor er vor allem als Polizeibeamter Wolfgang Neumann in der ARD-Krimireihe Polizeiruf 110 bekannt wurde, zeigte er sein markantes Gesicht als Nebendarsteller in zahlreichen Fernsehproduktionen und Kinofilmen. Neben vielen von ihm selbst als Brotjobs betrachteten Auftritten in der Flut an Fernsehkrimis, mit denen das öffentlich-rechtliche Fernsehen seit Jahren die Zuschauer malträtiert, hatte Roth aber auch kleinere Rollen in Kinofilmen, unter anderem an der Seite von Stars wie Liam Neeson, Bruno Ganz, Kate Winslet, Ralph Fiennes, Emma Thompson oder Brendan Gleeson. Auch in herausragenden deutschen Produktionen wie »Good Bye, Lenin!« oder »Muxmäuschenstill« war er zu sehen. Für seine Darstellung des begriffsstutzigen Gehilfen Gerd im letzteren Film wurde Roth 2004 als »Bester Nebendarsteller« für den Deutschen Filmpreis nominiert.

... ins Rampenlicht

Von seiner humorvollen Seite kann man Roth in der schrägen Komödie »Tod den Hippies!! Es lebe der Punk!« erleben, in der er gleich drei Rollen übernahm. Er spielt dort einen Beamten, einen Puffgänger und: Rainer Werner Fassbinder. Übrigens ein dankbarer Part, in dem er sich nur schweigend in eine Szenebar stellen und von Filmstudenten anhimmeln lassen musste. Fritz Roths vielleicht denkwürdigster Auftritt wurde ebenfalls auf Film festgehalten, auch wenn dieser wohl nicht mehr erhalten ist, womit wir wieder beim »Bimbo-Markt« wären.

Ab 1975 studierte Fritz Roth in Gießen zuerst Landwirtschaft, später dann Deutsch und Philosophie. In den Semesterferien jobbten er und seine Freunde auf Baustellen oder in Handwerksbetrieben. Und auf der Fahrt zu einer dieser Semesterferienarbeitsstätten kam man auch zweimal täglich durch Aßlar, erinnert sich Paul Römer, wo der Name des örtlichen Lebensmitteleinzelhandelsunternehmens Roths wachsenden Unmut erregte, Weil damals in Aßlar die deutsche Nachkriegswelt noch in Ordnung war und selbst in Amerika niemand wusste, was »woke« ist, hieß jener Laden »Bimbo-Markt«. Das würde heute natürlich den Shitstorm des Jahrhunderts auslösen, regte damals aber niemanden auf - außer Frítz Roth.

Der reagierte wie Punks eben reagieren: Mit einer Aktion, die heute sicherlich als nicht minder anstößig betrachtet würde, wie ihr Ziel. Roth also machte sich nackig, bis auf ein kleines Baströckchen, rieb sich mit Schuhcreme ein und steckte sich einen Kochen durchs Haupthaar. In diesem Outfit spazierte er in den »Bimbo-Markt« und dort dann mit einer Packung des Waschmittels »Weißer Riese« an die Kasse, wo er seinen Einkauf mit einer Handvoll Muscheln bezahlen wollte. Statt Wechselmuscheln herauszugeben, wie sich’s gehört, rief die Kassiererin die Polizei, und Roths Freunde hatten eine Anekdote, die sie sich noch heute erzählen.

Ein Freund, der später Kameramann beim Fernsehen wurde, hat das Happening damals gefilmt. erinnert sich Paul Römer, »aber ob der Film noch existiert?«

Den Kontakt zu seinen Gießener Freunden ließ Roth nie abreißen. Viele besuchten ihn in Berlin und versorgten ihn in der kulinarischen Einöde Brandenburgs mit Handkäs’ und grie Soß, auch noch in den letzten Wochen und Monaten, als es mit ihm sichtlich zu Ende ging. Fritz Roth hat sein Leben immer in vollen Lungenzügen genossen und auch gerne getrunken. Den Lungenkrebs habe er als Preis für dieses Leben akzeptiert, meint Hildegard Pollak, die damals mit Roth in der WG gelebt hat und heute dankbar für eine »lange und intensive Freundschaft« ist. »Er hat nie mit seinem Schicksal gehadert.«

Und bekanntlich geht man ja auch nie so ganz. In dem Krimi »Polizeiruf 110: Abgrund« kann man Fritz Roth im Herbst 2022 zum letzten Mal in seiner bekannten Rolle im Ersten sehen. Eine Rolle, die er schon deshalb geschätzt hatte, weil sie ihm zum ersten Mal in einem langen und unsteten Künstlerleben ermöglicht habe, etwas Geld »für später« zurückzulegen, erinnert sich sein früherer Mitbewohner und Bruder von Paul, Rainer Römer. Zu diesem »später« ist es nun nicht mehr bekommen, aber, meint Rainer Römer, »der Fritz war halt immer für eine Überraschung gut«.

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