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Vom Schläger zum Geschäftsmann?

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Nicht um ihre Köpfe mit Wissen zu füllen, sondern um auf andere Köpfe einzuhauen, hatten sich sechs junge Leute vor zwei Jahren vor dem Unihauptgebäude getroffen. Der letzte von ihnen wurde jetzt zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Archivfoto: Mosel © Red

Nicht um ihre Köpfe mit Wissen zu füllen, sondern um auf andere Köpfe einzuhauen, hatten sich sechs junge Leute vor zwei Jahren vor dem Unihauptgebäude getroffen. Der letzte von ihnen wurde jetzt zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Gießen. Glimpflich davongekommen ist ein 20-Jähriger Angeklagter, der sich am Mittwoch vor einem Jugendschöffengericht wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung in zwei Fällen und des Handels mit Betäubungsmitteln in fünf Fällen verantworten musste. Der Vorsitzende Richter Heiko Kriewald verurteilte den jungen Mann zu einer Haftstrafe von acht Monaten, die für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt ist. Zudem muss er 1000 Euro an den Kinderschutzbund zahlen, 25 gemeinnützige Arbeitsstunden leisten und in den nächsten beiden Jahren zwei unangemeldete Drogentests hinnehmen.

Der Angeklagte hatte am 5. September 2020 mit fünf Freunden auf dem Vorplatz des Uni-Hauptgebäudes Streit mit einer anderen Gruppe gesucht. Diese spontane Schlägerei wurde nach einer Verabredung durch einen Mittelsmann über einen Messengerdienst zwei Tage später an der Lahn fortgesetzt. Bewaffnet mit einem Messer, Totschlägern, Flaschen und einem Teleskop-Schlagstock schlug das aggressive Sextett die Konkurrenten erneut in die Flucht und setzte ihm trotz zahlreicher Passanten am Lahnufer bis zum Bootsverleih nach.

In der Verhandlung zeigte sich der Angeklagte geständig und präsentierte sich als geläuterter junger Mann mit Ambitionen. Der 21-jährige, der das zwölfte Schuljahr abgebrochen hat und noch immer bei seiner Mutter lebt, habe seit drei Monaten eine eigene kleine Trockenbaufirma mit seiner Schwester und mit Hilfe seines in der Branche bereits tätigen Bruders aufgebaut und bereits erste Aufträge aus der Verwandtschaft und von Bekannten erhalten, berichtete sein Verteidiger Ramazan Schmidt. Er räume sowohl die Drogenvergehen als auch Schläge gegen einen Kontrahenten vor dem Uni-Hauptgebäude ein. Er habe damals einem Kumpel helfen wollen. Bei der Auseinandersetzung zwei Tage später sei er zwar dabei gewesen, habe aber an dieser nicht aktiv teilgenommen. »Mein Mandant will einen Schlussstrich ziehen und ein neues Leben beginnen«, betonte Schmidt.

Die Beweisaufnahme verlief danach zügig und ohne Vernehmung der sieben einbestellten Zeugen, da das zweimal verschobene Verfahren das letzte von sechs war, und der Ablauf des Geschehens daher bereits weitgehend aufgearbeitet war.

Die Staatsanwältin forderte in ihrem Plädoyer eine Freiheitsstrafe von acht Monaten, zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, sowie 130 Arbeitsstunden und erklärte: »Mein persönlicher Eindruck lässt mich hoffen, dass die Wandlung vom Straftäter zum Geschäftsmann gelingen kann.« Vor diesem Hintergrund wolle sie auch die fünf Drogendeals, die durch Chatprotokolle belegt seien, nicht strafverschärfend berücksichtigen, da man angesichts der geringen Menge nicht von einem gewerbsmäßigen Handel mit Betäubungsmitteln ausgehen könne.

Dem schloss sich auch Verteidiger Schmidt an und regte nur an, die Arbeitsstunden in einen Geldstrafe von 900 Euro umzuwandeln, da sein Mandant als selbstständiger Handwerker kaum die Zeit haben werde, diese abzuleisten.

Richter Kriewald folgte in seinem Urteil weitgehend beiden Plädoyers und gab dem Angeklagten noch mit auf seine weiteren Lebensweg: »Sie sollten sich auch weiterhin vernünftig verhalten, denn sie sind jetzt erwachsen. Das gleiche Delikt würde künftig zwingend eine Haftstrafe nach sich ziehen, betonte er. Die bewaffnete Hetzjagd am Lahnufer hätte man durchaus auch als Landfriedensbruch werten können. »Sie haben also keinen Grund, künftig Mist zu machen. Auf die Arbeitsstunden wollte Kriewald nicht ganz verzichten. Es sei dem Angeklagten durchaus zuzumuten, diese auch an dem einen oder anderen Wochenende abzuleisten.

Das Urteil ist bereits rechtskräftig, da sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung nach der Urteilsverkündung auf weitere Rechtsmittel verzichteten.

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