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Vom Tapissier zum Raumausstatter

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Von: Petra A. Zielinski

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Lena Segieth (links) zeigt Julia Melina Fandrich, wie man einen alten Stuhl polstert. Foto: Zielinski © Zielinski

Antike Sofas aufpolstern und moderne Markisen anbringen: Lena Segieth liebt die Abwechslung in ihrem Beruf. Als Raumausstatterin arbeitet seit 2005 bei Robert Farnung in Gießen-Wieseck.

Gießen . »Ein Bürojob wäre nichts für mich gewesen«, sagt Lena Segieth. Über eine Maßnahme zur Einstiegsqualifizierung der Agentur für Arbeit ist sie 2005 auf den Beruf des Raumausstatters/der Raumausstatterin aufmerksam geworden. »Es war Liebe auf den ersten Blick«, erzählt die junge Frau, die bereits 2013 erfolgreich ihre Meisterprüfung abgelegt hat. Nach Ende ihrer Ausbildung 2008 ist Lena Segieth ihrem Unternehmen, der »Robert Farnung Raumausstattung« in Wieseck, treu geblieben. »Wir sind ein kleiner Betrieb, bei dem jeder alles macht«, freut sie sich. Am liebsten ist ihr aber die klassische Polsterei, die in der Regel bei antiken Möbelstücken angewendet wird.

»Hier arbeitet man noch wie vor 200 Jahren ohne Schaumstoff, während in der modernen Polsterei mehrschichtiges Schaumstoffpolster verwendet wird«, erklärt sie. Zumeist kämen Privatleute mit Familienerbstücken oder Flohmarktkäufen, um diesen neues Leben einhauchen zu lassen. Dabei arbeitet die Raumausstatterin auch gerne mit teuren Stoffen, wie beispielsweise Rosshaarstoff. »Der umfangreichste Auftrag war die Polsterung eines Biedermeiersofas«, erinnert sie sich. Daran habe sie rund 60 Stunden gearbeitet.

»Es gibt nur wenige Raumausstatter, die noch klassisch polstern können«, unterstreicht ihr Chef Robert Farnung. Das Handwerk sterbe leider langsam aus. Generell würde es im Raum Gießen nur noch wenige Betriebe geben, die in der Branche tätig sind. »Viele Inhaber gehen aus Altersgründen in den Ruhestand, ohne einen Nachfolger gefunden zu haben.« Doch nicht nur polstern und Stoffe reparieren gehört zu den Aufgaben eines Raumausstatters, sondern auch die Bereiche Raumdekoration, Wand- und Deckendekoration, Licht-, Sicht- und Sonnenschutzanlagen sowie Insektenschutz.

»Im zweiten Lehrjahr kann man einen Ausbildungsschwerpunkt wählen«, erklärt Lena Segieth. So weit ist Julia Melina Fandrich noch nicht. Aktuell befindet sich die Absolventin der Aliceschule im ersten Lehrjahr bei Robert Farnung. »Auf Anraten meiner Eltern habe ich zunächst eine Lehre zur Kauffrau für Büromanagement gemacht«, erzählt sie. »Das war jeden Tag das gleiche.«

Ein Praktikum im Handwerk zu finden, habe sich dann allerdings schwieriger gestaltet als vermutet. »Ich wollte gerne eine Lehre zur Schreinerin machen, wurde aber mit dem Argument, dass dies kein Beruf für Frauen sei, abgewiesen.« Auf der Suche nach Alternativen sei sie schließlich auf den Beruf der Raumausstatterin gestoßen. Einem Praktikum schloss sich ab 1. August dieses Jahres die Ausbildung an. »Diese Arbeit ist Abwechslung pur«, so das Fazit der 23-Jährigen.

Bis zu 15 Bewerbungen erhält Robert Farnung pro Jahr. »Aber Menschen lassen sich nicht dem Papier nach beurteilen«, weiß er. Nur ein Praktikum erachtet er als zielführend. Ihren Freunden muss Julia Melina Fandrich allerdings oft erklären, was sie wirklich macht. »Einige wollten anfangs eine Einrichtungsberatung von mir«, erzählt sie lachend. Auch mit einem anderen Vorurteil räumt sie auf. »In meiner Berufsschulklasse in der Willy-Brandt-Schule sind mehr Mädchen als Jungen.«

Der Beruf des Raumausstatters reicht zurück bis ins Jahr 1300 und hat seinen Ursprung in Frankreich. Damals wurde die Tätigkeit noch als »Tapissier« bezeichnet. Dieser kümmerte sich in der Regel um die Ausstattung von Adelshäusern und Burgen. Seine Hauptaufgabe war es, Teppiche zu verlegen und mit Stoffen zu arbeiten. Bevor der Beruf 1965 seinen heutigen Namen erhielt, wurde er Polsterer, Dekorateur oder auch Tapezier-Dekorateur genannt.

Robert Farnungs Urgroßvater Karl Stark gründete das heutige Unternehmen 1904 als Sattlereibetrieb, seit 1975 firmiert es unter Raumausstattung. »Unser Aufgabengebiet hat sich im Laufe der Jahre stark weiterentwickelt«, betont er. »Nach Bodenbelag kam Sonnenschutz hinzu.« Aktuell beschäftigen sich Farnung und seine beiden Mitarbeiterinnen viel mit außenliegendem Sonnenschutz wie Jalousien oder Markisen. Besonders nachgefragt seien spezielle, energetisch wirksame Behänge. Hier berät Farnung seine Kunden gerne und umfassend. Während die Werkstatt in Wieseck ansässig ist, teilt sich Farnung mit anderen Betrieben der Bau- und Ausbaubranche ein Ausstellungszentrum in Staufenberg. Die Inflation habe bisher keine Auswirkung auf sein Unternehmen.

»Ein Einbruch ist bei uns nicht in Sicht, im Gegenteil«, unterstreicht er. Auch die Nachfolge ist bereits gesichert: Lena Segieth wird den Betrieb übernehmen.

Kreativität, gestalterisches Talent sowie handwerkliches Geschick sind wichtige Voraussetzungen für eine Ausbildung zum Raumausstatter. Darüber hinaus sollte man körperliche Arbeit nicht scheuen, denn die Ausführung gehört ebenso zum Beruf wie die Planung und Beratung. Auch wenn heute viele Stoffe nur ge- tackert werden, sollten Raumausstatter(innen) die Nähmaschine beherrschen.

In der Ausbildung zum Raumausstatter gibt es verschiedene Tätigkeitsschwerpunkte, auf die man sich im dritten Lehrjahr spezialisieren muss. Der Schwerpunkt Boden beinhaltet zum Beispiel das Entwerfen von Designverlegungen, im Schwerpunkt Polstern geht es primär darum, Polstermöbel herzustellen und instand zu setzen. Neben der handwerklichen Tätigkeit gehören zudem kommunikative Kompetenzen im Umgang mit Kunden dazu.

In der Regel wird ein mittlerer Bildungsabschluss für die dreijährige duale Ausbildung erwartet, wobei es aber keine gesetzliche Regelung gibt. Das Bruttogehalt liegt im ersten Lehrjahr bei 650 Euro pro Monat, im zweiten bei 740 Euro und im dritten bei 840 Euro. Im Anschluss an die Gesellenzeit kann direkt eine Meisterschule besucht werden. (paz)

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Auch das Beladen des Autos gehört zum Job von Julia Melina Fandrich, Lena Segieth und Robert Farnung (v.l.). Foto: Zielinski © Zielinski

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