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Vom Toilettenhaus bis nach Afrika

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Stephan Hähnel, ein Meister des schwarzen Humors, las im Saunabereich des Schwimmbads. Foto: Czernek © Czernek

Stephan Hähnel bot im Schwimmbad amüsante Mordgeschichten, im Netanya-Saal widmeten sich Helmut Barz und Kai Magnus Sting lustvoll dem Verbrechen.

Gießen . Für ungewöhnliche Veranstaltungsorte ist das Krimifestival Gießen seit vielen Jahren bekannt. So auch diesmal: Die Stadtwerke Gießen öffneten den Saunabereich des Schwimmbads an der Ringallee, um einem Autor eine besondere Bühne zu bereiten. Aktuell ist dieser Bereich aus Energiespargründen komplett stillgelegt, was den speziellen Charme für die Lesung von Stephan Hähnel nur noch mehr erhöhte. Natürlich musste das Publikum sich für die Lesung aber kein Badehandtuch umlegen. Die Liegen im Ruheraum waren durch Plastikstühle ersetzt worden und auch sonst fand die Lesung im üblichen - bekleideten - Rahmen statt.

Dauergast aus Berlin

Der Berliner Stephan Hähnel ist für die Gießener Krimifreunde kein Unbekannter. Auch er liebt es, an ungewöhnlichen Orten zu lesen. So berichtete er, dass er schon in einer Blutwurstfabrik, einer alten Straßenbahn und sogar schon einmal in einem Freudenhaus aufgetreten ist. Nun erheiterte er schon zum vierten Mal mit seinen rabenschwarzen Geschichten das zahlreich erschienene Publikum. Es war ein bunter Mix aus seinen Büchern, die so vielsagende Titel tragen wie »Gift hat keine Kalorien«, »Gießt Du die Pflanzen, entsorge ich Deine Frau«, »Alte Frau zum Kochen gesucht« oder »Gefallen auf dem Feld der Ehe«. Wer seinen Geschichten solche klingenden Titel gibt, kann nur ein Könner des schwarzen Humors sein.

Hähnels Kurzgeschichten haben es tatsächlich in sich: Pointiert und detailreich beschreibt er menschlichen Schwächen, die den Partner zur Verzweiflung - oder gar zu einer Mordtat bringen können. Besonders angetan haben es dem 61-Jährigen Menschen, die sich ihre Zeit mit Gewinnspielen vertreiben. Diese Leidenschaft beschrieb er in zwei seiner Geschichten. In beiden Fällen enden sie mit dem Ableben eines Partners.

Hähnel schafft es auch, aus einem scheinbar simplen Szenario wie den Besuch einer öffentlichen Toilette eine bitterböse Erzählung zu formen. In diesem Fall treibt Toilettenwärter Karl Emanuel Rinn einen Besucher schier zu Weißglut, da er ihn mit kleinkarierten Fragen über die Art und Dicke des Toilettenpapiers löchert. Dabei beschreibt Hähnel - sehr zum Vergnügen seiner Zuhörer - sämtliche Facetten dieses speziellen Orts. Und er schafft es, dass man Mitgefühl mit den Tätern bekommt, denn deren Opfer hatten sich ihre Ermordung redlich verdient.

Das Krimfestival bietet noch bis zum 31. Oktober in Stadt und Landkreis Gießen nahezu täglich Krimiunterhaltung auf höchstem Niveau. Abschlossen hingegen ist nun die aktuelle Marktlauben-Reihe »Einer liest«. Am Sonntag verbreitete Helmut Barz mit seinem jüngsten Krimi »African Boogie« mörderisch gute Urlaubsstimmung im Netanya-Saal. Und wer sich einmal eingehend mit den unterschiedlichsten Mordmethoden beschäftigen wollte, der war am Samstagabend bei Kai Magnus Sting und seinem »ABC des schönen Mordens« im Netanya-Saal genau richtig. Bei Stings Geschichten konnte man sich köstlich amüsieren, nur eins durfte man nicht: sie für bare Münze nehmen.

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Mit dem Hemd zum Thema: Helmut Barz verbreitete mörderisch gute Urlaubsstimmung im Netanya-Saal. Foto: Czernek © Czernek

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