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Vom Überleben der Todeslager

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Er laus aus den Erinnerungen von Max Mannheimer und richtete sich auch gegen die Vereinnahmung des Holocaust durch Impfgegner: Michael Stacheder. © Czernek

Gießen (bcz). Der 27. Januar 1945 war der Tag der Befreiung des KZ Auschwitz. Seit 1996 wird dieser Tag als Gedenktag für alle Opfer des Nationalsozialismus begangen. Für Max Mannheimer, einen Überlebenden und bedeutenden Zeitzeugen der Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Dachau, war der Tag der Befreiung ein anderer: Erst drei Monate später, am 28.

April 1945, war die Tortur des NS-Regimes für ihn zu Ende. Über seinen Lebensweg, den er in dem Buch »Spätes Tagebuch« zusammengefasst hat, referierte der Schauspieler und Regisseur Michael Stacheder am Donnerstagabend in der Pankratiuskapelle. Zunächst skizzierte Stadträtin Astrid Eibelshäuser die Lebensstationen Mannheimers. Und sie zitierte den italienischen Schriftsteller und Auschwitz-Überlebenden Primo Levi: »Es ist geschehen, folglich kann es auch wieder geschehen.« Einführende Worte sprach auch Waltraud Burger, Leiterin der Gießener Volkshochschule, die zuvor acht Jahre als pädagogische Leiterin in der KZ-Gedenkstädte Dachau gearbeitet, Mannheimer 2010 kennengelernt und mit ihm bis zu seinem Tod 2016 zusammenarbeitete hat. Sie beschrieb ihn als energischen Mann, der wusste, wie man seinem Anliegen Gehör verschaffen konnte. Sein Ziel sei es gewesen, Erinnerungsorte zu schaffen. Das habe er erreicht. »Er hatte eine große Präsenz, ihm konnte man sich nicht entziehen«. Burger zitierte ihn mit den Worten: »Ich komme als Zeuge, nicht als Ankläger«.

Max Mannheimer, 1920 in Neutitschein (Tschechoslowakei) geboren, wurde gemeinsam mit seiner Frau und seiner Familie 1942 nach Theresienstadt sowie anschließend weiter nach Auschwitz deportiert. An der Todesrampe von Auschwitz sah er seine Frau zum letzten Mal. Er überlebte das Lager, kam 1945 nach Dachau und wurde am 28. April 1945 in einem Außenlager bei Mühldorf durch die Amerikaner befreit.

Mannheimer ging zurück in seinen Geburtsort, bevor er trotz der erlittenen Pein wieder deutschen Boden betrat, weil er hier eine Zukunft für seine neue Familie sah. Von 1990 bis zu seinem Tod lebte er in München und engagierte sich als Zeitzeuge gegen das Vergessen. Seine Erinnerung an die Jugend und die NS-Zeit mit Deportation, Gewalt und Massenvernichtung hatte er ursprünglich privat für seine Tochter verfasst, erst später wurden sie veröffentlicht. Die Texte bestechen durch ihre kühle und sachliche Wortwahl.

Stacheder las das kleine Buch nahezu komplett und ergänzte den Text durch weitere Zitate. Der Schauspieler traf mit seinem wohldosierten Ton genau den rationalen Stil Mannheimers, der das Grauen des Erlebten in den Köpfen der Zuhörer entstehen lässt. Im Sinne Mannheimers verwies Stacheder darauf, dass dieser Tag kein Tag der reflexartigen Kranzniederlegungen werden dürfe. Und er fand klare Worte über sogenannte »Spaziergänger« und Rechtspopulisten: »Wenn der Davidsstern mit den Worten »Impffrei« oder »ungeimpft« versehen wird, dann ist das bodenloser Missbrauch der Holocaust-Opfer. Wir, die schweigende Mehrheit, müssen jetzt lauter werden und für eine lebendige Erinnerungskultur kämpfen. Das ist das Vermächtnis der Zeitzeugen.«

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