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Von Ausgrenzung bis Popkultur

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Die markanten Backsteinhäuser der Gummiinsel, wo das Manische zuhause war. © Stadtarchiv

Das Manische in Gießen: Eine spannende Ausstellung erzählt von der Sprache einer jahrzehntelang ausgegrenzten Bevölkerungsgruppe.

Gießen. Latscho, tschü Lowi, Rackelo, Gatsch und ulai: Wörter, die zum Sprachgebrauch vieler alteingesessener Gießener gehören. Diese Begriffe aus dem Manischen sind mittlerweile zu einer Art Erkennungsmerkmal der Stadt geworden, das Tassen, T-Shirts, Baseball-Kappen und sogar den Namen eines Basketballteams ziert. Das Manische hat sich damit als Spezifikum einer lokalen Identität in Popkultur verwandelt. Das war noch vor einigen Jahrzehnten unvorstellbar. Denn die Sprache diente als Code, mit dem sich die ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen der Jenischen miteinander verständigten - um nicht verstanden zu werden. Eine so vielfältige wie erhellende Sonderausstellung des Oberhessischen Museums erzählt jetzt im Alten Schloss von der Geschichte des Manischen - Hörbeispiele inklusive.

Dass die Museumsmacher mit der Schau unter dem Titel »Digge mal!« einen Punkt getroffen haben, zeigte sich schon bei der Eröffnung am Mittwochabend, als zahlreiche Besucher im Kabinett des Alten Schlosses einen ersten Blick auf Wandtafeln, Fotos, Modelle, Objekte, Dokumente und Filmausschnitte warfen. Kein Wunder: Ist es doch die erste Museumsausstellung überhaupt, die sich mit dem für die Identität Gießens so bedeutenden Thema beschäftigt, wie Museumsleiterin Dr. Katharina Weick-Joch erklärte.

Kurator Mario Alves hat dazu zahlreiche Gespräche mit Menschen aus den Stadtteilen geführt, in denen das Manische vor allem gesprochen wurde und in Teilen noch immer gesprochen wird: Eulenkopf, Gummiinsel, Margaretenhütte. Und der Kulturwissenschaftler hat auf seiner Spurensuche anschaulich zusammengetragen, wie es kam, dass sich an diesen Orten eine Sondersprache entwickelt hat, deren Wurzeln im Mittelalter liegen und die sich vor allem aus dem Romanes sowie dem Jiddischen und Hebräischen, dem Französischen und Rotwelsch zusammensetzt - nicht zu vergessen der hessische Zungenschlag.

Manisch war die Sprache der in Gießen seit Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelten Jenischen, die ihr Geld als Schausteller, Schrottsammler oder Scherenschleifer verdienten und geografisch, kulturell und ökonomisch am Rande der Gesellschaft lebten. Der Obrigkeit galten die Jenischen, die als »fahrendes Volk« seit rund 300 Jahren im deutschsprachigen Raum ihre Spuren hinterließen, als verdächtig, weil sie beim Reisen von Ort zu Ort auch Nachrichten weitertrugen und sich der Kontrolle entzogen, wie Mario Alves erläuterte.

Die in Gießen lebenden Angehörigen dieser Gruppe wurden nach dem Ersten Weltkrieg zunächst in ausrangierten Bahnwaggons im Stadtteil Margaretenhütte ghettoisiert und in der Nazi-Zeit wie Sinti und Roma verfolgt und ermordet. Ein bislang weitgehend unaufgearbeitetes Kapitel, wie der Kurator berichtete. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand dann die Siedlung Eulenkopf, in der Obdachlose und Flüchtlinge untergebracht wurden. Dort herrschte über Jahrzehnte ebenso große Armut wie auf der Gummiinsel, dem in den 1930ern errichteten und durch die Lahn von der Stadt getrennten Viertel in der Weststadt.

Gemeinsam waren diesen Wohnquartieren, dass sie bis in die 1970er Jahre von Verwaltung und Stadtgesellschaft weitgehend sich selbst überlassen wurden - während ihre Bewohner erfolglos um Anerkennung kämpften. Für Alves ist aus heutiger Sicht »unvorstellbar«, wie lange diese Marginalisierung andauerte. In der Ausstellung lässt sich diese Atmosphäre anhand von Filmausschnitten einer TV-Dokumentation erahnen, die aus den 70er Jahren stammt. Gießener Passanten wurden da auf der Straße zu den Bewohnern der Siedlungen befragt. »Assozial« war das Erste und manchmal auch Einzige, was ihnen einfiel.

Nachdem der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter zusammen mit einigen Mitstreitern die Bewohner des Eulenkopfs in den 70ern ins öffentliche Blickfeld rückte und sie zugleich zunehmend selbst erfolgreich für die eigenen Belange kämpften, drehte sich endlich der Wind. Und statt der im Museum auf Schwarzweiß-Fotos zu sehenden Autowracks und Wellblechhütten entstanden auf der Gummiinsel die schmuck hergerichteten Backsteinhäuser, von denen zwei Modelle in der Ausstellung zu sehen sind.

Dennoch liegen noch immer Teile dieser einzigartigen Stadt- und Sozialgeschichte im Dunkeln. Etwa die der Lederinsel, einer abseitig an der Krofdorfer Straße gelegenen Siedlung, von deren Existenz selbst Experte Alves bis zur Ausstellung keine Ahnung hatte. Nun sucht das Ausstellungsteam nach Hinweisen und Zeitzeugen, die Informationen oder gar Objekte beisteuern können.

Überhaupt ist es den Machern wichtig, in dieser Ausstellung mit den Besuchern ins Gespräch zu kommen, wie Museumsleiterin Weick-Joch betonte. Dazu gibt es neben einem Gästebuch auch neue Formate wie eine Station, an der sich über Kopfhörer erlauschen lässt, wie das Manische klingt. Auf einer Tonspur zu hören sind ein Volkslied, Geschichten zu »Igelsuppe« und »Bauernkupfer« sowie sogar eine vom Gießener »Hütt«-Bewohner Erwin Pitz übersetzte Fassung von »Hänsel und Gretel«. Latscho!

Die Sonderausstellung »Digge mal! Das Manische in Gießen« ist bis zum 1. Mai im Alten Schloss am Brandplatz zu sehen. Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr sowie an verschiedenen Donnerstagen bis 19 Uhr. Zum Rahmenprogramm zählt ein Vortrag von Kurator Mario Alves am 23. März um 19 Uhr. Außerdem plant das Museum Führungen durch die Stadtteile, die allerdings noch nicht terminiert sind. Weitere Hinweise im Internet unter www.museum.giessen.de. (bj)

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Ein weitgehend unbekanntes Kapitel Stadtgeschichte: die Siedlung Lederinsel lag westlich der Lahn. © Red

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