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Von der Endlichkeit des Lebens

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Von: Lukas Jahn

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Sterbehilfe steht derzeit in der Diskussion. Professorin Gehring sieht die Beteiligung Dritter kritisch. Symbolfoto: dpa/Oliver Berg © Red

Philosophie-Professorin Petra Gehring von der TU Darmstadt lieferte zum Auftakt der JLU-Vortragsreihe in Gießen eine kulturgeschichtliche und philosophische Einordnung von Tod und Sterben.

Gießen. Im Alter an Selbstbestimmtheit verlieren und letztlich unter Schmerzen an Maschinen auf den Tod warten - unschöne Vorstellungen wie diese vom eigenen Ableben beschäftigen immer mehr Menschen. Folglich sind auch Sterbehilfe und assistierter Suizid in den Fokus öffentlicher Debatten gerückt. Daher wurde diesem Thema der erste Termin der neuen Vortragsreihe »Medizin im Dialog« des Instituts für Geschichte der Medizin der Justus-Liebig-Universität gewidmet.

Der Vortragsreihe liegt das Verständnis von Institutsleiter Prof. Volker Roelcke, der Medizin als »Teil von Kultur und Gesellschaft« sieht, zugrunde. Daher sollen bei den Veranstaltungen Aspekte aus Ethik, Kultur und Politik diskutiert werden.

Einen ersten Beitrag dazu lieferte Philosophie-Professorin Petra Gehring von der Technischen Universität Darmstadt. Sie lieferte eine kulturgeschichtliche und philosophische Einordnung des Todes und des Sterbens und äußerte sich dabei durchaus kritisch zur Vorstellung eines freien und selbstbestimmten Todes durch fremde Hand.

»Wir nehmen den Tod nicht mehr wahr«, war die Ausgangsthese Gehrings. Im Vergleich zu früheren Zeiten nehme die Bedeutung des Todes als solchem im täglichen Leben ab, er sei eher in Film, Fernsehen oder Videospielen präsent. Dies ist sei auch eine Folge längerer Lebenserwartung. Dafür sei aber der Sterbeprozess als solcher in den Mittelpunkt gerückt. Umstände des eigenen Ablebens wie Behandlungen, Maßnahmen oder Schmerzen beschäftigen die Menschen. Der Tod werde damit vielmehr zu einem individuell gestaltbaren Stück des Lebens diagnostiziert Gehring, die von einer »Pragmatik des Sterbens« und einer »Entsinnlichung des Todes« spricht.

Das Altern als Schwund von Vitalität und Prozess des Abbauens stehe im Vordergrund, weniger der Tod als Ende dieses Prozesses. Dabei solle die Forschung zum einen mit »Anti-Aging-Effekten« das Leben verlängern, zum anderen aber auch eine einfache und selbstbestimmte Beendigung ermöglichen. Darin sieht Gehring einen Fokus auf die Ausreizung qualitativ hochwertigen Lebens, während das Alter als minderwertiger gesehen wird.

Anders als den eigenhändigen Suizid sieht die Darmstädter Professorin die Beteiligung Dritter durchaus kritisch. Bereits an der Vermeidung strafrechtlich aufgeladener Vokabeln wie Tötung oder dem Wort Tod zeige sich ein grundlegendes Problem der Debatte.

Wunsch nach Würde

Verständlich ist zunächst der Wunsch nach Würde und Selbstbestimmung auch im letzten Akt des Lebens. Die Erwartung vieler Menschen, beispielsweise bei der Abgabe einer Patientenverfügung, sei Gleichsetzung eines guten Todes mit der Selbstbestimmtheit des Todes. Ob man einen solchen allerdings durch das Ausfüllen solcher Formulare erreichen könne, zweifelt Gehring an. Viele hätten eine falsche Vorstellung von den Wirkungen der Entscheidung beispielsweise für eine Patientenverfügung. Eine gefährliche »Kontrollillusion« könne so entstehen. Diese wenig individualisierte Vorgehensweise könne das »Sterben entwerten«. Autonomie beim Ableben meine in diesen Fällen lediglich Absicherung, nicht aber Freiheit, gibt Gehring zu Bedenken.

Ein bei umfangreicher Legalisierung der Sterbehilfe mögliches »Sterben per Bestellzettel« könne die verständlichen Wünsche und Ängste vieler Menschen nicht befriedigen. Assistierter Suizid sei im Ergebnis kein heroischer, selbstbestimmter Akt. In ethischer Hinsicht warnt die Philosophieprofessorin vor dem Abschieben der Verantwortung im Falle umfangreicher Legalisierung auf die Medizin. Solche möglicherweise dann sogar als Kassenleistung ausgestalteten Dienste seien potenziell unvereinbar mit dem ärztlichen Berufsbild und wären eine gravierende Veränderung des klinischen Betriebes. Letztlich könnten Einwilligungen dazu dann sogar durch Betreuer oder die Rechtsfigur des mutmaßlichen Willens geschehen.

Stattdessen könne man auch das Sterben und die Endlichkeit des Lebens als Lehren begreifen und das Thema des Todes nicht von sich wegschieben. Freiheit im grundsätzlichen Sinn werde schließlich auch von der Endlichkeit des Lebens ausgemacht. Foto: Jahn

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Petra Gehring © Lukas Jahn

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