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Von der »Prinzessin« zur »Queen«

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Waltraud Frischholz aus Gießen tritt als Doppelgängerin der englischen Königin auf, früher war sie auf Laufstegen unterwegs.

Gießen. Eigentlich wollte Waltraud Frischholz als junges Mädchen Schneiderin werden, gerne saß sie oft an der Nähmaschine der Oma. Doch ihr Wunsch konnte leider nicht in Erfüllung gehen, denn es gab keine Lehrstelle für diesen kreativen Beruf. Einige Jahre später begann sie auf eigene Faust zu nähen, machte zunächst »alle Fehler, die man machen kann«, wie sie heute lachend zurückschaut. Nadel und Faden waren zu ihrem Metier geworden und sie zeigte Ehrgeiz beim Anfertigen von Kleidungsstücken. Waltraud Frischholz schaffte es auf den Laufsteg in der Kongresshalle bei der ersten dort stattfindenden Modenschau. 1965 errang sie den Titel »Nadelprinzessin« in Wiesbaden. Das wollte ihre Tochter nicht für sich behalten und plapperte beim Bäcker: »Meine Mutter ist eine Prinzessin!«.

Schulklasse weist auf Ähnlichkeit hin

Waltraud Frischholz nähte weiter, was das Zeug hielt und nahm an Modenschauen teil. Stolz ist sie auf das Schwarz-Weiß Foto mit Aenne Burda, der Verlegerin von Burda Moden, einer der größten deutschen Zeitschriftenverlage, die auch Modenschauen veranstaltete. Der letzte Auftritt in Wiesbaden endete mit dem dritten Platz und war ein schöner Abschluss.. Doch das bedeutete keineswegs einen Rückzug für die aktive und kreative Frau, die in Annaberg in Ostpreußen zur Welt kam und mit der Familie flüchtete.

Lange Jahre lebte sie nach der Vertreibung aus der Heimat auf der Insel Sylt in einem Lager. Acht Jahre dauerte es, bis sie ihr Vater, der in Gießen lebte, die Familie über Umwege fand und sie in die Lahnstadt holte. Da war sie 16 und fand eine neue Heimat, wo sie sich heute noch sehr wohlfühlt. Eine Sony Hi 8 Kamera besitzt sie noch, drehte Filme und fotografierte viel. Auch das Züchten von Schmetterlingen liebte Frischholz.

Zahlreichen Tanzgruppen aus der Region verhalf Frischholz zu schönen Kostümen, den Fanfarenzug Hansa Gießen stattete sie vor vielen Jahren mit neuen Uniformen aus. Das Lollarer Prinzenpaar 1984 trat in Kleidung auf, die aus dem »kleinsten Atelier in Hessen« stammte, wie die alte Dame ihren kleinen Raum mit der Nähmaschine und den vielen Erinnerungen an den Wänden bezeichnet. Sie verfüge auch über den »kürzesten Laufsteg bis zum Spiegel«, verkündet sie freudig. 30 Jahre lang nähte sie, nicht nur aus purer Freude, sondern auch zum Lebensunterhalt, das Geld in der Familie war knapp. Ihr Wissen gab die gut gelaunte Frau in Nähkursen weiter. Das Augenlicht ließ jedoch altersbedingt nach und so näht sie heute nur noch für sich.

Es war aber nicht das Ding der Wahlgießenerin, sich ganz zurück zu ziehen. »Sind Sie die Queen?«, sprach sie vor 15 Jahren auf einer Zugfahrt zu einer Beerdigung eine Schulklasse an. So fing alles an mit ihrer Rolle als Doppelgängerin. Zu Hause fiel Waltraud Frischholz im kleinen Arbeitsraum ein royalblauer Stoff in die Hände. Sie fackelte nicht lange, nähte daraus ein elegantes Kleid und wurde durch ihre Ähnlichkeit und dem Outfit zu einer Doppelgängerin der englischen Königin. Der erste Auftritt beim 80. Geburtstag ihrer Freundin, als Überraschungsgast alias »Queen Elisabeth II.« gelang. Sie erschien im royalblauen Kostüm, klassisch elegant der Schnitt, passendem Hut mit Federdekoration sowie klassischer Perlenkette samt Ohrschmuck und trug Handschuhe. Waltraud Frischholz freut sich noch heute über ihre erste Präsentation in ihrer neuen Rolle »vor begeisterten Gästen«. Wenn sie in der Öffentlichkeit auftauchte, richteten sich schnell die Objektive der Fotografen auf »Queen« Frischholz. Dabei schüttelte sie manche Hand, immer mit einem freundlich distanzierten Lächeln. So wie es die echte Königin eben tut.

Beim Stadtfest 2018 lächelte die Doppelgängerin der englischen Königin, die in diesen Tagen den Titel seit 70 Jahren inne hat, gemeinsam mit Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz in die Kamera. Im Januar 2020, als hierzulande noch niemand an Corona dachte, hatte die Frau, die Mode zeichnen kann, tanzte, steppte, den Bauchtanz mochte und gerne kocht, einen besonderen Auftrag: Als Doppelgängerin der Queen und älteste Teilnehmerin saß sie in der Jury bei der Wahl zur »Miss Deutschland«. Bei diesem Termin lernte sie König Bansah, der aus einer Königsfamilie in Ghana stammt, kennen. Er schrieb ihr eine Widmung in sein Buch. »Für die liebe Waltraud, unsere Queen Elisabeth«, steht in kunstvollen Hieroglyphen auf der ersten Seite und ein Foto erinnert an das Zusammentreffen.

Wenn Waltraud Frischholz heute an der Seite ihres Lebensgefährten (»das ist mein Bodyguard«) unterwegs ist, registriert die Gießenerin, die bald ihren 85. Geburtstag feiert, gerne die netten Begegnungen. Und trägt sie im Anschluss in ein großes Blatt ihres »Sympathiekalenders« ein. Im vergangenen September sind es 62 Striche, 30 Eintragungen weist das Blatt vom Oktober aus.

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»Queen Frischholz« lernte einen echten König kennen. © Klaus-Dieter Jung

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