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Seep Jakobs

Neues Buch

Von erster Liebe und verlorener Jugend

Mit »Abgänger« legt der Gonterskirchener Autor Seep Jakobs 37 »Schülergeschichten« vor. Es geht um den Schulalltag zwischen Pubertät und erster Liebe, körperlichem Wettkampf und Zukunftsplänen.

Laubach. Mädchen gesellten sich erst in der Oberstufe in die Lateinklasse. Bis dahin waren die Jungs im Unterricht stets unter sich geblieben. Und dann schnappte sich Grete im Kursraum ausgerechnet den Stuhl neben Karl und behielt den Platz bei. Eine Schönheit, deren »atemberaubende Ausstrahlung« ihn nun aus der Nähe traf. Mehr als die Rolle des »Ersatzmannes« aber wollte sie dem Sitznachbarn nicht zuweisen, und so konkurrierten alsbald Schwärmerei und Lamento aufs Heftigste miteinander.

In der Sexta, der ersten Klasse des Gymnasiums, war den Kameraden das Fehlen weiblicher Zöglinge kaum aufgefallen. Da galt es vielmehr, untereinander die Kräfte zu messen. Als einer der Rabauken auf dem Weg zur Bushaltestelle aber den »dicken Dietmar« in die Hecke schubste, brachte diese »Untat« dem Angreifer eine Strafpredigt seines Mitschülers Klaus ein. Der »schwerste Junge« der Klasse war nämlich durch das Gestrüpp gerutscht und den Hang zum Friedhof hinuntergekullert.

Wolfram wiederum stieß ebenfalls erst drei Jahre vor dem Abitur in den Lateinleistungskurs. Schon bald sprach sich herum, dass er den Abschluss wohl mit der Maximalnote schaffen werde. Denn in allen Fächern sammelte er Einsen, ohne indes ein »missgünstiger Streber« oder ein »Triumphator« zu sein. Dieser »Wunderknabe« wollte gar einem wenig begnadeten Großmaul Nachhilfe geben und nahm als Sozius auf dessen Motorrad Platz. Dabei kam es zu einem Unfall, den der »viel verheißende Junge« nicht überlebte. Ein Schicksalsschlag, der sich den Jugendlichen tief eingebrannt hat.

Vom Schulalltag zwischen Pubertät und erster Liebe, körperlichem Wettkampf und der Suche nach Orientierung, schwärmerischen Zukunftsplänen und der jähen Konfrontation mit der eigenen begrenzten Lebenszeit erzählt Seep Jakobs in seinem neuen Buch »Abgänger«, in dem der Gonterskirchener Autor 37 Schülergeschichten versammelt, die erneut von der Künstlerin und Verlegerin Bärbel Busch liebevoll, vergnüglich und überaus treffend illustriert sind. Darin treten engstirnige Pauker ebenso auf wie engagierte Pädagogen, »deren Humanität sich den Schülern oft erst im Rückblick vollends erschließt«, fasst der 62-Jährige zusammen. Und in der wilden Schar des Klassenverbandes werden Leserinnen und Leser ganz gewiss etliche Typen, Erlebnisse und Gefühlsverwirrungen aus der eigenen Erinnerung wiederentdecken.

Ein Lebensgefühl

Zeitlich verortet zwischen den späten 1960er und 1970er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, vermittelt der Literat das Lebensgefühl einer ganzen Epoche, in der lange Haare, die englischsprachige Musik der »Beatles« oder der »Rolling Stones«, der »Kinks« und der »Allman Brothers« sowie der Traum von ausgedehnten gemeinsamen Touren Richtung Süden Ausdruck der Rebellion waren. Und räumlich angesiedelt am westlichen Rand der alten Bundesrepublik, in den Dörfern und Städtchen der Eifel, vereinen die biographischen Miniaturen gleichermaßen den Wunsch nach Freiheit und nach Geborgenheit. Zugleich eröffnen eine grundlegende Bildungsreform und verbesserte Berufsaussichten neue Perspektiven. Dank der gerade gegründeten Fachhochschulen sowie der Einführung des Bafög stand akademische Bildung nicht mehr bloß den Eliten offen.

Schlicht mit »Schüler« hatte Seep Jakobs bereits 2003 eines der »39 Malheure« in seinem Erzählband »Der Lawinenschrank« überschrieben. Diese Serie kurzer Texte ist alphabetisch von A bis N angeordnet. »Und daran konnte man absehen, dass ich mit dem Thema noch nicht so richtig fertig bin«, verdeutlicht er im Gespräch mit dem Anzeiger.

Unerwartet sei er 2017 bei einer Lesung in einem Museum nahe seines Heimatortes Schönecken abermals mit dem Sujet Schule konfrontiert worden. »Dort gibt es ein Klassenzimmer als Ausstellungssaal und der Museumsleiter hat vorgeschlagen, dass die Veranstaltung in diesem Ambiente stattfindet.« Passend dazu habe er einige Schultexte vorgetragen. Zudem seien zu jener Zeit erst sein Vater und später seine Mutter gestorben, das Elternhaus wurde verkauft und »mein zweiter Wohnsitz in der Eifel ist weggefallen«. Das habe bewirkt, »dass ich mich gedanklich wieder stärker in die Vergangenheit zurückbegeben habe«. Die Erinnerungen an die eigene Kindheit und den Alltag als Schüler auf der Volksschule in Schönecken sowie auf dem humanistischen Gymnasium in Prüm seien in den Vordergrund gerückt.

Wohl vor allem wegen des persönlichen Hintergrunds sind etliche der Geschichten anrührend und voller Wehmut. »Abgänger« ist insbesondere ein Buch der Verluste, der verlorenen Träume, der verlorenen Jugend. Und doch blitzen immer wieder auch Humor und Mitgefühl mit den Geplagten und Scheiternden auf.

Faible für Gedichte

Seep Jakobs, der als Pressesprecher der Technischen Hochschule Mittelhessen seinem Broterwerb nachgeht, hat tatsächlich als erste Fremdsprache Latein in einer reinen Jungenklasse gelernt. Als Kind und Heranwachsender ist er mit den Klassenkameraden durch das waldreiche Grenzgebiet der Westeifel gezogen. »In die Geschichten sind natürlich meine eigenen Erfahrungen eingeflossen, und ich habe die Schwerpunkte meiner Schulzeit aufgegriffen«, schildert der 62-Jährige. Durchweg autobiografisch seien die Erzählungen allerdings nicht. Die konkreten Orte werden nicht genannt, auch nicht die Schulen, die Namen der Personen sind allesamt verändert. Obendrein werden reale Gegebenheiten ergänzt, verfremdet oder gänzlich abgewandelt. »Mein gealterter Kopf kehrt über eine Distanz von 45 Jahren und mehr zurück, mehr als Inspiration können die Erinnerungen folglich nicht sein«, sagt Jakobs. Gleichwohl kommt mancher Protagonist seiner damaligen Persönlichkeit »sehr nahe«, wenn er etwa von dem extrem talentierten Fußballer mit dem Faible für Gedichte schreibt. Auch der tragische Tod eines überaus begabten Mitschülers durch einen Verkehrsunfall wurde in der Realität betrauert. »Und ich gehörte zu denen, die richtig wilde Jungs waren«, gesteht er ein. Einen Mitschüler habe er dabei einst unsanft in die Hecke befördert. »Aber das war mir vorher selbst passiert«, erzählt der Autor lachend. Damals verhinderte ein kurz zuvor im Training gebrochener Mittelfußknochen sogar seine Teilnahme an einem Sichtungslehrgang des DFB. Als die Verletzung des Mittelstürmers verheilt war, »habe ich nie mehr so gut gespielt wie davor«. Der Hang zur Poesie habe die Oberhand gewonnen, zumal er schon für die Schülerzeitung erste Gedichte geschrieben hatte. Und wer Seep Jakobs näher kennt, kann sich den ruhigen, bedachten und stets freundlichen Literaten kaum als echten Flegel vorstellen. Unverkennbar ist indes seine Absicht, »jene tollen Lehrer, die uns mit Themen und Gedanken in Verbindung gebracht haben, von denen man sein ganzes Leben zehrt«, literarisch zu würdigen.

Wenn man erzähle, in der katholischen Provinz aufgewachsen zu sein und die Schulzeit an einem humanistischen Gymnasium verbracht zu haben, seien stets die gleichen Klischees zu hören: lustfeindlich, rückständig, konservativ, autoritär. »Das gibt es alles, aber eben nicht nur.« Dank der vielen geistigen Anregungen habe er sich für das Studium der Germanistik, Philosophie sowie Journalismus entschieden. Inzwischen kann Seep Jakobs auf eine beachtliche Palette von Veröffentlichungen zurückblicken, zu denen zwei Romane und Tiergedichte gehören. Seine größte Stärke aber sind seine Erzählungen und Kurzgeschichten, das unterstreichen die »Abgänger« nachdrücklich.

Seep Jakobs: Abgänger. Schulgeschichten mit Zeichnungen von Bärbel Busch, edition buschwerk Schwollen 2021, 212 Seiten, 16 Euro.

Im Fürstensaal: Bei der Klassenarbeit in der Aula war Abschreiben nicht drin - und das ließ so manchen Schüler »absaufen«.
Klassenfoto ohne Mitschülerinnen: Auf dem altsprachlichen Gymnasium bildeten 32 Jungs eine Schicksalsgemeinschaft. Zeichnungen: Bärbel Busch

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