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Von Finanzloch bis Sommer-Planung

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Auf dem Vorplatz des Uni-Hauptgebäudes demonstrieren vor und während der Senatssitzung Studierende des Fachbereichs 03. © Docter

Das Gremium der Universität Gießen erörterte unter anderem die Probleme am Fachbereich 03 und die Vereinbarung zum UKGM. Zudem entschuldigte sich Mukherjee für etwaige »Irritationen«.

Gießen . Gerade hatte Prof. Joybrato Mukherjee am Mittwoch im Senat der Justus-Liebig-Universität (JLU) seinen Bericht beendet, da kündigte er an, noch etwas »in eigener Sache« sagen zu wollen. Um was es dabei gehen würde, dürfte wohl jedem Zuhörer in der Uniaula und an den heimischen Bildschirmen klar gewesen sein: nämlich seine mittlerweile zurückgezogene Bewerbung für das Präsidentenamt der Humboldt-Universität Berlin. Er sei »vor zweieinhalb Wochen« vom dortigen Kuratorium »eingeladen worden«, erklärte Mukherjee, wie es dazu gekommen war, und nannte erneut die Gründe für seinen ebenso überraschenden Rückzug (der Anzeiger berichtete). Aus dem »Gebot der Fairness« gegenüber der jetzt einzig verbliebenen Kandidatin wollte er sich nicht näher zu alldem äußern. »Sollte es zu Irritationen gekommen sein, bitte ich, dies zu entschuldigen«, beendete der Unipräsident sein kurzes Statement.

Senatsmitglieder, die das Gebäude über den Haupteingang in der Ludwigstraße betraten, wurden dort von schätzungsweise mehr als 100 Studierenden des Fachbereichs 03 Sozial- und Kulturwissenschaften empfangen, die sich Corona-konform quer über den Vorplatz verteilt hatten. Sie protestierten wegen der aktuellen Finanzprobleme an ihrem Fachbereich, die Sparmaßnahmen in sechs- bis siebenstelliger Höhe erfordern. Dadurch befürchten sie schlechtere Studienbedingungen und Stellenstreichungen gerade bei wissenschaftlichen Hilfskräften und Betreuern.

»Lehre gesichert«

Von studentischen Mitgliedern des Senats wurde daher letztlich erfolgreich beantragt, diese Thematik als zusätzlichen Tagesordnungspunkt einzubringen. Hierbei wusste eine Studentin zu berichten, dass teils schon Kommilitonen angekündigt hätten, »den Hochschulort zu wechseln«, sollten die Probleme fortbestehen. Für die derzeit herrschenden Sorgen und Ängste zeigt die Dekanin des Fachbereichs, Prof. Ingrid Miethe, Verständnis. Daher versuchte sie, diese zu nehmen: »Die Lehre für das Sommersemester ist gesichert, es wird keine Engpässe geben«, betonte sie. Zudem würden die Sparmaßnahmen »bisher nur ganz wenige Mitarbeiterstellen betreffen«, Entlassungen seien keine erfolgt.

Das Dekanat soll dem Präsidium bis Ende März einen konkreten Sparplan vorlegen. Bis dahin hat JLU-Kanzlerin Susanne Kraus dem Fachbereich eine Haushaltssperre verordnet, demnach nur das verausgabt werden könne, »was dringend notwendig ist«, verdeutlichte sie. Davon ausgeklammert seien familienpolitische Maßnahmen wie etwa die Verlängerung von Verträgen bei der Betreuung eines Kindes.

Mukherjee ist zuversichtlich, »die Disbalance wieder in den Griff zu bekommen«, nachdem dies zuletzt bei zwei anderen Fachbereichen gelungen sei. Nachfragen, ob am Fachbereich 03 ein strukturelles Defizit vorliege, verneinten er und Miethe. Die Gründe für das Finanzloch sollen jedoch genau analysiert werden, »um daraus zu lernen«.

Die zwischen dem Land Hessen, den privaten Betreibern des Uniklinikums (UKGM) und den Universitäten Gießen und Marburg vereinbarte Absichtserklärung zur finanziellen Unterstützung des Großkrankenhauses mit fast einer halben Milliarde Euro in den kommenden zehn Jahren wirft auch im Senat weiter Fragen auf. Eine davon lautet, wie die Landesgelder - 45 Millionen Euro jährlich, die bis auf 54 Millionen im Jahr 2031 anwachsen - auf beide Hochschulen verteilt werden. Wobei jeweils rund 30 Millionen Euro in bauliche Investitionen fließen, da das Zentralgebäude in Gießen um einen »fünften Finger« erweitert werden soll und Instandhaltungsmaßnahmen notwendig sind.

Bleiben also noch 15 bis 24 Millionen Euro, die pro Jahr zur Verfügung stehen, sei es nun für neue medizinische Geräte zur Verbesserung der Patientenversorgung, Ärzteausbildung oder Forschung. Da dies laut Mukherjee »immer auf Antragsbasis läuft«, sei es sehr wichtig, »in enger Abstimmung« mit dem Dekanat des Fachbereichs Medizin eine genaue Projekteliste zu erstellen, deren einzelne Punkte dann zur Genehmigung vorgelegt werden. Hierzu mahnt der Unipräsident »eine faire Verteilung« zwischen Marburg und Gießen an. Wobei »eingepreist werden muss, was in den letzten Jahren geschehen ist«, fügte er hinzu, ohne konkreter zu werden. Die erste Tranche der Gelder soll in diesem Sommer zur Auszahlung kommen. Wie schon bei der Präsentation der Absichtserklärung vor wenigen Wochen der Ärztliche Geschäftsführer des UKGM-Standorts Gießen, Prof. Werner Seeger, deutlich gemacht hatte, gab auch der JLU-Präsident zu bedenken, dass es pro Jahr eigentlich Investitionsmittel in Höhe von 70 bis 85 Millionen Euro bräuchte, um allen Erfordernissen des UKGM nachzukommen. Hier sieht man den Betreiber Rhön-Klinikum AG gefordert, diese Finanzierungslücke zu schließen.

Mit Blick auf die am 11. April beginnende Vorlesungszeit des Sommersemesters kündigte Mukherjee an, dass von Krisenstab und Präsidium aktuell »eine 100-prozentige Saalbelegung« und »ein weitgehend normales Präsenzsemester« geplant sind. Je nach Pandemielage werde es flankierende Schutzmaßnahmen, wie etwa eine Maskenpflicht, geben, ist auch einer Rundmail zu entnehmen, die am Mittwoch allen Studierenden und Beschäftigten zugesandt wurde. Darin heißt es außerdem, dass digitale Formate »in gut begründeten Fällen, beispielsweise bei sehr großen Vorlesungen, in Rücksprache mit dem jeweiligen Studiendekanat möglich bleiben«.

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