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Von Frauen, Elsen, Douglasetten

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Besang auch die Frauenfeindlichkeit der Nachkriegsjahre: Katie Freudenschuss. © Schultz

Gießen. Große Freude brachte am Sonntagabend Multitalent Katie Freudenschuss den Zuschauern im Astaire’s. Die Kabarettistin, Musikerin und Entertainerin stellte mit ihrem Programm »CompliKatie« eine Zweistundenshow auf die Bühne, bei der sich viel Witz und nachdenkliche Momente miteinander abwechselten.

Freudenschuss, 1976 in Gießen geboren, studierte in Hamburg Popularmusik und war im ZDF Comedyformat »Durchgedreht« aktiv, tourte im Duo mit der Kabarettistin Andrea Bongers (»Schuh-Mädchen-Report«) durchs deutschsprachige Europa und begleitete Grand-Prix-Gewinnerin Lena Mayer-Landrut als singende Keyboarderin auf Tour. Überdies spielt sie regelmäßig Impro-Theater (»Hidden Shakespeare« und »Placebotheater«). Sie ist also eine erfahrene Bühnenkünstlerin, die so routiniert wie respektvoll Kontakt zum Publikum aufzunehmen versteht.

Ihr musikalisches Markenzeichen setzte sie mit »Compli-Katie«, einer witzigen deutschen Version des Liedes, das einst Avril Lavigne zum Hit machte. Im Astaire’s warf Freudenschuss einen Begriff in den Raum, auf dem sie dann genüsslich herumkaute. Dazu zählt etwa »Prokrastination«, sogleich auch als Verb eingeführt. »Man könnte auch Abhängen sagen,« meinte sie, »aber das klingt einfach schlauer.« So entstand wortgewandte, schnelle und geistreiche Konversation mit dem Publikum. Und Freudenschuss machte klar: Hohles Labern ist nicht ihr Ding.

Stattdessen erzählte sie etwa die Geschichte eines österreichischen Mädchens aus den 1950ern. Darauf stieß die Kabarettistin in einem Tagebuch, das sie in einem alten, von ihr gekauften Tisch fand. Es geht darum, wie diese junge Frau verheiratet wird, wie man anhand ihrer Aufzeichnungen erkennen muss. Katie Freudenschuss warf so einen genauen Blick auf die Jahre nach dem Krieg, als übersteigertes männliches Selbstbewusstsein zu ungenierter Frauenfeindlichkeit führte.

Dazu passt auch ihre Neuentdeckung eines sogenannten »Frauentonikums«, des »Frauengolds« (Alkoholgehalt 16,5 Prozent), das beruhigend und stimmungshebend auf »die Frau« wirken sollte. Dazu spielte die Kabarettistin einen sehr lustigen Original-Radiowerbespot ein. Leider war dieses Gold zugleich gesundheitsschädigend und wurde wegen Krebsförderung und Nierenschädigung verboten - im Jahr 1981. Der Rest der Familie griff damals zurück auf »Klosterfrau Melissengeist« (79 Prozent Alkohol), ein Kräuterpräparat, das auch zur äußeren Anwendung gedacht war und bis heute verkauft wird. Freudenschuss bekam es elegant hin, auf diese frauenfeindlichen Zeiten zu deuten, machte sich aber auch sehr unterhaltsam über Kosmetikfachverkäuferinnen lustig (»Douglasetten«), die »Dermalinguistik« studiert haben und die Kundin fragen, »was sie mit ihrer Haut erreichen« will.

Leicht bitter verspottete sie das Klischee der damaligen Frau (»Mit 26 war sie eine uralte Schachtel, noch knackig, aber schon dankbar«). Empfehlungen, die in Ratgebern wie »Für die Frau« gedruckt waren, zeigten sich als Festschriften des Chauvinismus, über die man sich heute nur noch fassungslos erheitern kann. Das alles baute der spitzzüngige Gast mit schnellen Schnitten in die seelische Szenerie ihrer Frauenfigur ein.

Kernig machte sie sich auch über die Freuden lustig, die den islamischen Terrorkämpfer angeblich im Paradies erwarten. »72 Jungfrauen - wo soll da der Spaß sein? Die können doch nix, die Elsen«. Das verpackte sie in den sarkastischen Song »Entjungfer’ mich«, bei dem die Frauen im Saal den gleichlautenden Refrain mitsangen - ein wirklich witziger Moment.

Freudenschuss besitzt zudem die geniale Fähigkeit, aus im Publikum eingesammelten Brocken Lebensrealität oder einer Paargeschichte (das Einsammeln war zäh, die Kandidaten mussten lange überlegen) spontan ein neues Lied mit (überwiegend) gereimten Versen zu fertigen.

Als Zugabe gab es dann ein schmeichelhaftes Lied über Gießen von der gebürtigen Mittelhessin und aktuellen Trägerin des Deutschen Kleinkunstpreises in der Kategorie Musik. Das hörte man mit vor Staunen geöffnetem Mund an - ein Riesenspaß.

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