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Von Leidenschaft und Leidenswegen Liebigs

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Bernd Commerscheidt an seiner Wirkungsstätte: dem Liebig-Laboratorium. © Leyendecker

Bernd Commerscheidt stieß in seiner Studienzeit durch Zufall auf das Liebigmuseum in Gießen - und wurde Teil des Erinnerungsortes. Als Kurator führt er Interessierte durch das Haus.

Gießen (fley). Der akademische Rat und Diplom-Chemiker Bernd Commerscheidt stieß in seiner Studienzeit durch Zufall auf das Liebigmuseum - und wurde Teil des Erinnerungsortes. Als Kurator führt er Interessierte durch das Haus und berichtet allerhand Wissenswertes über Liebigs Wirken in der Universitätsstadt.

Seine ehrenamtliche Tätigkeit als Mitglied der Liebig-Gesellschaft nimmt Bernd Commerscheidt sehr ernst. Dabei kam er eher zufällig zu seiner Tätigkeit im Liebigmuseum: »Ich habe in den 80ern in Aachen Chemie studiert und in Gießen promoviert. Ich mache seit den 90er Jahren Führungen, nachdem mich Kommilitonen auf das Museum aufmerksam machten und bin seit 13 Jahren Kurator«.

Der analytische Chemiker betont, dass die Räume nicht als Museum konzipiert wurden, sondern die originalen Lebensräume von Justus von Liebig seien. »Das war ursprünglich kein Labor, sondern ein Wachhaus einer Kaserne«. Als der Chemiker Liebig einzog, wurden im Obergeschoss seine Wohnräume und unten sein Labor eingerichtet.

Im Auditorium des Liebigmuseums hielt der berühmte Chemiker selbst Vorlesungen, teilweise mit über 100 Zuhörern. »Wenn heute hier 60 Leute sitzen, dann ist es schon ordentlich voll«, erzählt Commerscheidt den Teilnehmern. Der Kurator berichtet von den Leidenschaften, Leidenswegen und dem Lebensweg Justus von Liebigs sowie über allerhand Kurioses. »Liebig mochte alles, was knallt und stinkt. Er war von den Chemikalien seines Vaters ebenso begeistert wie von den Marktschreiern«. Liebigs Leidenschaft ist einer der Gründe, weshalb das Museum heute noch Experimentalvorlesungen anbietet - eine Hommage an den Chemiker. »Ich frage mich immer, wie er mit brisanten Stoffen experimentiert hat, ohne in die Luft zu fliegen«, meint Commerscheidt lachend.

Der Burschenschaftler Liebig hatte eine sehr progressive Einstellung, vor allem, was den damaligen Chemieunterricht anging. Aber auch die Gedanken der Französischen Revolution waren bei dem jungen Mann aus gutem Hause präsent. »Fast immer begehren die jungen Leute auf. Die, die nichts zu verlieren haben. Damals wie heute«, erinnert der Kurator. Der berühmte Forscher Alexander von Humboldt äußerte sich einst über Justus Liebig und attestierte, dass dieser junge Mann berühmt werden würde. »Es wird ein Chemiker sein, der seinem Land Ehre machen wird«, soll Humboldt gesagt haben.

Als Liebig als Dozent an die Gießener Universität kam, wollte ihn anfangs niemand dort haben. Doch der junge Professor unterschied sich damals schon aufgrund seines Experimentalunterrichts von seinen Kollegen und wurde in der Studierendenschaft überaus beliebt. »Liebig bezog Substanzen von Merck aus Darmstadt. Merck ist bis heute einer der größten Lieferanten für spezielle Chemikalien«.

Liebigs Errungenschaften reichen weit über das bekannte Fleischextrakt, das es bis heute zu kaufen gibt, hinaus. »Bekannt ist der Mineraldünger von Liebig. Ihm wurde klar: Es ist egal, wie der Pflanze die Substanz zugeführt wird. Hauptsache sie ist drin«, erzählt Commerscheidt.

Möglich wurde dies durch Liebigs extrem präzise Analytik. »Chloroform, das damalige Betäubungsmittel, geht auch auf Liebig zurück und das endete im großen Streit mit der katholischen Kirche, die Schmerzen als gottgewollt ansah«. Liebigs Labor wurde Blaupause aller chemischen Laboratorien der Welt, da es eines der fortschrittlichsten seiner Zeit war. Grund genug für Commerscheidt und die Liebiggesellschaft, dafür zu werben, das Museum eines Tages zum Weltkulturerbe zu ernennen. Bis dahin jedoch steht der Verein unter Druck. »Wir haben keine laufenden Zuschüsse von Stadt und Land. Wir dürfen nicht in die Miesen kommen, sonst müssen wir das Gebäude verkaufen«, betont der Kurator. Zwar bekomme die Gesellschaft immer mal wieder Zuwendungen, aber allein die Stromkosten für alles belaufen sich auf rund 10 000 Euro im Jahr.

An sein eigenes Studium hat Commerscheidt im Übrigen positive Erinnerungen. »Der damalige Stundenplan zu Zeiten Liebigs war härter als heute. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass ich mich im Studium gelangweilt habe«.

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