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Eine doppelte Drehbühne symbolisiert die Innen- und und Außenräume der Geschichte und soll gleichzeitig für zusätzliches Tempo der Inszenierung sorgen.

Premiere im Stadttheater Gießen

Von Menschen und Viechern

Michail Bulgakows Satire »Das hündische Herz« erzählt von einem Experiment mit einer Kreatur zwischen Tier und Mensch. Am Samstag feiert das Schauspiel Premiere in Gießen.

Gießen. Das Manuskript brachte den Moskauer Michail Bulgakow im Jahr 1925 arg in die Bredouille. Bei einer Wohnungsdurchsuchung wurde es konfisziert und verschwand in den Archiven der stalinistischen Staatsorgane. Veröffentlicht wurde der Roman erstmals 1968 in einem Frankfurter Exilverlag, da war der Schriftsteller bereits 28 Jahre tot. In der Sowjetunion selbst dauerte es sogar bis 1987, ehe »Hundeherz« erstmals als Buch zu kaufen war. Das Problem der Zensoren war die unverkennbare Allegorie auf die sowjetische Bürokratie, wie André Becker, Chefdramaturg am Gießener Stadttheater, im Pressegespräch berichtet. Doch was geht das Gießener Publikum von heute die Verhältnisse in der frühen Sowjetunion an? »Wir machen hier natürlich keine Historienstunde«, betont Becker. Im Stoff stecke aber so viel mehr, was die Geschichte um die Verwandlung eines Straßenköters in einen Hundemenschen zeitlos aktuell mache. Manches davon habe der Russe damals selbst nicht ahnen können. Am Samstagabend (19.30 Uhr) feiert »Das hündische Herz«, wie das Werk seit einer aktuellen Neuübersetzung heißt, Premiere im Großen Haus.

Ein zehnköpfiges Ensemble des Theaters erzählt von einem wissenschaftlichen Experiment. Ein berühmter Professor implantiert Hoden und Hirnanhangdrüse eines toten Straßenkünstlers in einen streunenden Hund: Fortan wird aus Lumpi Lumpikow. Lukas T. Goldbach spielt diesen Hundemensch, der aufrecht gehen, sprechen, fluchen und saufen kann. Es ist ein überaus ordinärer Typ, der zudem immer wieder in alte, tierische Verhaltensmuster zurückfällt. Zugleich sieht er in seinem Erschaffer (Roman Kurtz) eine Vaterfigur - was allerdings nicht auf Gegenliebe des Professors beruht. So thematisiert Bulgakows Erzählung den Unterschied zwischen Mensch und Tier. Weitere zeitlos aktuelle Themen des Stücks sind der Hang zur Selbstoptimierung und die Gefahren größenwahnsinniger Schöpfungsfantasien.

Gastregisseur Wolfgang Hofmann, ein alter Bekannter in Gießen (zuletzt: »Die Schmachtigallen - Das Vermächtnis«), erzählt davon in einer Mischung aus Satire, Farce und absurden Momenten, wie er im Pressegespräch berichtet. Eine der wichtigsten Fragen, die das Stück für ihn bereithält, ist das Verhältnis von Mensch und Tier. Für den Theatermacher sind »wir doch schließlich alle nur vernunftbegabte Viecher«. Der Regisseur lässt zunächst den Hundemensch sprechen, indem er die vierte Wand durchbricht und sich direkt ans Theaterpublikum wendet. Später wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven beleuchtet. »Es ist ein wildes Gemisch aus Erzählhaltungen«, berichtet Hofmann, der das Thema Selbstoptimierung auch durch einige leibhaftige Bodybuilder auf der Bühne visualisiert.

Der Grundton des 90-minütigen Abends sei heiter, aber auch psychologische Momente seien zu entdecken. »Wir wollen aus der Unterhaltung heraus ein Gedankenfenster aufstoßen«, hat sich Hofmann für seine neue Inszenierung vorgenommen.

Angesichts der aktuellen Regel 2G+ für Veranstaltungen mit mehr als 100 Plätzen ist auch der Besuch im Stadttheater Gießen nur noch für geimpfte oder genesene Personen möglich. Zusätzlich muss ein tagesaktueller negativer Test oder eine Booster-Impfung nachgewiesen werden. Die Sitzplätze werden im Schachbrettmuster besetzt. Die Maskenpflicht gilt auch am Platz während der Vorstellung. Weitere Informationen bietet die Internetseite des Stadttheaters. (red)

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