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Von OP-Tischen bis Röntgengeräten

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Von: Frank-Oliver Docter

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Neben verletzten Zivilisten kommen die medizinischen Materialien auch Soldaten zugute. Foto: Bernat Armangue/AP/dpa © Bernat Armangue/AP/dpa

Das Uniklinikum Gießen und seine Partner haben bislang knapp zehn Hilfstransporte in die Ukraine entsendet. PD Dr. Lyubomyr Lytvynchuk und Prof. Matus Rehak schildern ihre Eindrücke.

Gießen . Wenn Privatdozent Dr. Lyubomyr Lytvynchuk von Gießen aus mit seinem Kollegen in Charkiw telefoniert, sind im Hintergrund immer wieder Raketeneinschläge zu hören. Denn die ostukrainische Großstadt ist weiterhin Ziel von Angriffen der russischen Aggressoren. Und daher einer der Hauptanlaufpunkte für Hilfstransporte, die das Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM) bereits seit Anfang März in das Krisengebiet entsendet. Bislang sind knapp zehn Lieferungen angekommen, »die letzte in Lwiw, wo wir wie auch in Kiew ein Zwischenlager haben. Von dort werden die Sachen an verschiedene Krankenhäuser und Militär-Hospitäler verteilt«, und das auch in den heftig umkämpften Regionen in der Ost- und Südukraine, erzählt der stellvertretende Leiter der Gießener Augenklinik im Gespräch mit dem Anzeiger. Bei der Organisation der Transporte wird Lytvynchuk vor allem von Klinikdirektor Prof. Matus Rehak unterstützt.

Spendenkonto

Beide berichten, dass neben OP-Tischen, Klinikbetten, Röntgen- und Ultraschallgeräten, Defibrillatoren, endoskopischen Instrumenten sowie Naht- und Verbandsmaterial insbesondere Dinge zur Behandlung von Augenverletzungen eine wichtige Rolle spielen. Denn ihr Anteil belaufe sich bei Soldaten und Zivilisten auf fast zehn Prozent aller vorkommenden Verletzungen. »In diesem Krieg verwendet der Feind verbotene Waffen sowie Phosphorbomben und Streumunition«, weiß Lytvynchuk, der selbst Ukrainer ist und zehn Jahre als Augenarzt in Kiew tätig war.

Gerade Explosionen führten durch herumfliegende Teile häufig zu komplexen Augenschädigungen, die neben dem Augapfel auch Lid, knöcherne Augenhöhle und umliegendes Gewebe in Mitleidenschaft ziehen. Sollten zudem lebensbedrohliche körperliche Verletzungen vorliegen, »verzögert das die Evakuierung um mehrere Tage und somit auch den Zugang zu einer spezialisierten augenärztlichen Abteilung«, nennt der Mediziner als ein weiteres Risiko.

Die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft und der Berufsverband der Augenärzte haben seit Beginn der Aktion mehrfach kistenweise Materialien zur Verfügung gestellt. Doch auch die enorme Spendenbereitschaft seitens UKGM-Mitarbeitern und -Klinikleitern habe die Organisatoren »sehr positiv überrascht«, bedankt sich Rehak im Namen beider Ärzte. Wie wichtig die Hilfe für die Ukraine ist, zeigt sich allein an der Tatsache, dass im gesamten Land bislang rund 930 medizinische Einrichtungen zerstört wurden, schildert Lytvynchuk. Etwas mehr als 50 davon seien bereits vollständig wiederhergestellt worden, weitere 200 zumindest teilweise.

Andererseits sei ein »großer Verlust von medizinischem und technischem Personal und auch Handwerkern und Ingenieuren« zu beklagen. Für den Betrieb eines Krankenhauses eigentlich unerlässlich, sind sie vielfach in den Westen der Ukraine oder Nachbarländer geflohen.

Augenärzten, die auf diese Weise nach Deutschland gekommen sind, möchte man jedoch helfen. Für sie geht es darum, sich möglichst rasch Sprachkenntnisse anzueignen und die in der Heimat erworbene Ausbildung und Zeugnisse anerkennen zu lassen, um schließlich mit einer Approbation, also der staatlichen Zulassung, ärztlich tätig sein zu können. Auf dem Weg dorthin bietet die Gießener Augenklinik die Möglichkeit zur Hospitation. »Sie dürfen hierbei zwar noch keine Patienten selbst behandeln, lernen aber schon einmal die klinischen Abläufe und unser Gesundheitssystem kennen«, nennt Rehak die Idee dahinter.

Bei der Zusammenstellung der Hilfstransporte richten sich die Organisatoren danach, was in den Krankenhäusern und Militärspitälern im jeweiligen Zeitraum besonders gebraucht wird. So schaue man »gezielt nach den Bedarfen in den einzelnen Regionen«, erläutert Rehak. Beispielsweise geht es darum, all die Materialien zu liefern, welche die Möglichkeit für Hornhaut-Operationen eröffnen.

Auf das im März eingerichtete Spendenkonto IBAN DE44 5139 0000 0020 2972 12 der Johanniter-Unfall-Hilfe, das auch für Gelder zur Finanzierung der UKGM-Hilfstransporte gedacht ist, können weiterhin Spenden überwiesen werden. Als Verwendungszweck »wirfürdieukraine« angeben.

Wie lange diese Transporte noch notwendig sein werden, kann derzeit niemand sagen. »Ein schnelles Ende des Krieges ist nicht in Sicht«, zeigt sich Rehak realistisch. Die Motivation zu helfen, reißt derweil nicht ab. »Wir können uns hierzulande gar nicht vorstellen, was die Menschen vor Ort alles ertragen müssen. Angst und Hilflosigkeit sind ihre ständigen Begleiter«, macht Lytvynchuk deutlich.

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Hauptorganisatoren der UKGM-Lieferungen: PD Dr. Lyubomyr Lytvynchuk (l.) und Prof. Matus Rehak. Foto: Docter © Docter

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