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Von Rundumversorgung bis Boykott

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Von: Rüdiger Dittrich

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Symbolisch: Eine Kneipe in Rodenkirchen hat eine sehr dezidierte Haltung zur WM. Auch die Gießener Wirte haben sich so ihre Gedanken gemacht. Mit wenig Euphorie, aber unterschiedicher Herangehensweise. Symbolfoto: dpa © Red

Die WM in Katar findet auch in Gießener Kneipen ganz unterschiedliche Resonanz

Gießen . Jetzt läuft sie schon, die umstrittene Fußball-Weltmeisterschaft 2022 in Katar. Aber wer läuft mit? Auf was läuft das hinaus - und wo läuft sie überhaupt? Zum Beispiel, in welchen Gießener Kneipen, die in der Regel sport-affin sind? Nach einer repräsentativen Umfrage des Nachrichtenmagazins »Der Spiegel« wollen etwa 70 Prozent der Deutschen die WM-Spiele nicht anschauen. Wenn der Ball aber erst einmal rollt, vielleicht sogar aus deutscher Sicht in die Erfolgsrichtung, wird sich weisen, ob die Unlust und der (politische) Wille bestand haben werden. So oder so wird die Gießener Fanmeile Ludwigstraße ebenso brach liegen wie Public Viewing an den sonst üblichen Orten im Freien. Jahreszeitbedingt.

In der Hessenhalle werden die deutschen Spiele im Rudelmodus gezeigt (wir berichteten), mit welcher Resonanz, das wird sich zeigen. Und davon wird auch abhängen, ob das Angebot über die gesamten vier Wochen bleibt bzw. ausgebaut werden wird.

Thorsten Ströher, Mitorganisator beim Public Viewing in der Hessenhalle, zudem Betreiber von Apfelbaum und Klimbim, weiß um die Besonderheit dieser Winter-WM: »Wir werden im Apfelbaum nicht die Öffnungszeiten ändern, das heißt, wir zeigen nur die Abendspiele, die Mittagsspiele aber nicht. Eventuell reagieren wir in der K.O.-Runde, wenn 16 Uhr-Spiele sind, das kommt aber dann auch auf die Resonanz an. Im Klimbim zeigen wir keinen Fußball, aber im Apfelbaum wäre es unlogisch, es Sportsbar zu nennen und dann die Spiele nicht anzubieten.« Zum Boykott hat Ströher bereits im Zusammenhang mit dem Engagement in den Hessenhallen darauf hingewiesen, dass »das jeder für sich entscheiden muss, wir aber beim Public Viewing auch flankierend auf Infotafeln auf die Problematik hinweisen werden«.

Eine Sportsbar ist auch das von Stefan Hassler geführte »Ellis« im Riegelpfad. Und das mit einer ganzen Bildschirmbatterie, so dass sogar parallel stattfindende Partien gezeigt werden können. Etwas Besonderes hat Hassler nicht vor (»diese WM ist schon besonders genug«), aber er wird das volle Programm anbieten, zumindest an den ersten Tagen: »Ich öffne erst einmal bei allen Spielen und schaue mir an, wie die Resonanz ist.« Davon wird abhängen, ob der 53-jährige Fußball-Lehrer es durchzieht. »Ich persönlich möchte als Fußballer natürlich so viele Spiele wie möglich sehen, auch wenn ich Verständnis dafür habe, wenn Leute diese gekaufte Kommerzveranstaltung boykottieren.«

Im »KW« in der Goethestraße zeigt bekanntermaßen die Eintracht Flagge - und das in der laufenden Saison mit stolz geschwellter Brust. In der Eckkneipe wird Geschäftsführer Haiko Schimpf allerdings diesmal nicht das ganz große WM-Fass aufmachen. Spiele um die Mittagszeit muss man woanders schauen. »Wir zeigen die WM im Rahmen der normalen Öffnungszeiten«, lässt sich der 57-Jährige entlocken. Das heißt ab 18 Uhr.

Britta Prell, Wirtin im »Sowieso«, verzichtet ganz darauf, WM-Spiele anzubieten. Die dem FC St. Pauli verbundene Ex-Torhüterin des VfB 1900 Gießen gibt als »positiv Fußballverrückte« zu, dass ihr die Entscheidung »nicht leichtgefallen ist, aber alles andere wäre ja geheuchelt. Ich zeige die WM nicht und gucke auch nicht. Ein Grund ist, dass ich die LGBTQ-Szene unterstütze.« Prell ist wie immer offen und ehrlich: »Ich kann auch sehr gut verstehen, wenn jemand die Spiele schauen möchte, aber es wird auch ein Stück weit von mir erwartet, das zu boykottieren«.

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