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Von Tagebuch-Gedicht zu Langgedicht an Zimmertür

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giloka_GefangenesWort_06_4c_7 © Red

Die ukrainische Journalistin Victoria Feshshuk ist im »Hafen der Zuflucht« angekommen. Am 15. November ist sie in Gießen zu Gast zu einer Lesung.

Gießen (red). Auf die Bedrohung und Verfolgung von Schriftstellern und Journalisten wollen Studierende der Justus-Liebig-Universität (JLU) aufmerksam machen. Im Jahr 2008 gründeten sie die Initiative »Gefangenes Wort«, die sich längst zu einem Verein weiterentwickelt hat. Um noch intensiver auf Einzelschicksale hinzuweisen, kooperiert der Anzeiger mit dem Verein und stellt monatlich einen Fall vor. Heute berichtet Michael Novian über Victoria Feshshuk.

Am 24. Februar begann Putins Angriffskrieg auf ein russisches Nachbarland: die Ukraine. Damit änderte sich das Leben nahezu aller Ukrainerinnen und Ukrainer - so auch das von Victoria Feshchuk. Der 24. Februar bildet zugleich den Auftakt für ein Tagebuch-Gedicht der 1996 in der Region Riwne geboren Journalistin, Dichterin und Übersetzerin. Jeden Tag, den der Krieg andauert, fügt sie drei Zeilen hinzu.

Seit dem 19. Juli setzt Victoria Feshchuk die Arbeit an ihrem Tagebuch-Gedicht im beschaulichen Kassel fort, im pittoresken, ehemaligen Wohnhaus des Dichterehepaares Brückner-Kühner. Ermöglicht hat dies ein neues Stipendiaten-Programm: Hafen der Zuflucht Hessen.

Gefördert durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst (HMWK) stellt der Verein Gefangenes Wort als Reaktion auf die zunehmende Verfolgung von Medienschaffenden, Künstlerinnen und Künstlern weltweit, Stipendien zur Verfügung, mit Hilfe derer die Stipendiatinnen und Stipendiaten ihrer Arbeit in hessischen Zufluchtsorten nachgehen können - in Kürze auch in Gießen. Victoria Feshchuk ist die erste Stipendiatin, die im Rahmen des Programms unterstützt werden konnte. Ermöglicht hat dies die Zusammenarbeit mit der Stiftung Brückner-Kühner, die Schriftstellerinnen und Schriftsteller im In- und Ausland unterstützt und die sowohl das Dichterhaus in Kassel als Zufluchtsort zur Verfügung gestellt hat als auch bei der Betreuung der Stipendiatin vor Ort aktiv mitwirkt.

In Kiew hat Victoria Feshchuk in Anthologien veröffentlicht, übersetzte Gedicht aus dem Russischen, Polnischen und Englischen und wurde für ihre Tätigkeiten in mehreren Wettbewerben als Preisträgerin ausgezeichnet. In Deutschland muss sie zunächst einmal wieder Netzwerke aufbauen, sich einer Öffentlichkeit durch Lesungen und Veranstaltungen, wie zuletzt auf der Frankfurter Buchmesse, bekannt machen und das Schreiben im fremden Umfeld neugestalten.

Ihr Tagebuch-Gedicht führte sie zunächst als Tür-Gedicht fort, indem sie Zeilen an die Tür des Wohnraums des Dichterhauses schrieb, der ihr als privater Rückzugsraum dient. Sie verarbeitete darin auch das Dasein in Deutschland und die Wahrnehmung des Angriffs-Krieges aus dieser Perspektive. Besucherinnen und Besucher des Dichterhauses, das weiterhin für die Öffentlichkeit zugänglich ist, können diese Zeilen lesen und werden so gleichsam mitgenommen an die Schwelle des Lebensraums der Künstlerin. Am 24. August, dem Ukrainischen Unabhängigkeitstag, beendete Feshchuk ihr Langgedicht und widmet sich nun anderen Projekten.

Der neue Kasseler Lebensraum ist, wie Victoria Feshchuk selbst schreibt, zerbrechlich, das gegenwärtige Sicherheitsgefühl bleibt augenblickhaft und fragil angesichts eines Krieges, der nicht endet, von dem weiterhin Familienangehörige, Freunde und Bekannte betroffen sind und der in all seinen Facetten auch in Deutschland nah bleibt. Die eigene Unversehrheit schreibt sie in Dichtung ein, wie es Feshchuk selbst zum Ausdruck bringt.

Wer sich von dieser Dichtung ein Bild machen möchte, dem bietet sich auch fern des Dichterhauses demnächst Gelegenheit dazu: Am kommenden Dienstag, 15.November, dem internationalen Writer-in-Prison-Tag, veranstaltet Gefangenes Wort mit Unterstützung des HMWK und des Kulturamts der Stadt Gießen eine Lesung mit Victoria Feshchuk im Hermann-Levi-Saal des Gießener Rathauses. Die interessierte Öffentlichkeit ist ab 19.30 Uhr bei freiem Eintritt herzlich willkommen. Musikalisch gerahmt wird der Abend, durch den Moderatorin Annika Teichmann führt, durch Darja Goldberg am Akkordeon. Antje Tiné (Stadttheater Gießen) liest die deutschen Passagen.

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Um Netzwerke neu aufzubauen, war Victoria Feshchuk zu Gast auf der Buchmesse. Foto: Gefangenes Wort © Gefangenes Wort

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