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Gold Mayanga und Ilke Teerlink eröffnen die Performance im Einkaufszentrum. Foto: Wegst © Wegst

Gießen. Mittwoch Nachmittag, normaler Geschäftsbetrieb im Einkaufszentrum »Neustädter«. Menschen eilen durchs Foyer, fahren Rolltreppen hinauf und hinunter. Auf einmal lösen sich zwei Personen aus der anonymen Gruppe der Passanten, ein Mann und eine Frau. Sie bewegen sich aufeinander zu, lächeln, breiten die Arme aus und beginnen zu den Klängen von Disco-Musik zu tanzen.

Ja, ein bisschen wie in der Disco, fast wundert es, dass die umstehenden Zuschauer nicht ebenfalls zu tanzen beginnen. Ein solcher Flashmob wäre doch einmal eine schöne Idee gewesen. Bald wird allerdings klar, dass hier etwas Artifizielleres gezeigt wird als simples Disco-Dancing: Im Rahmen des Festivals TanzArt Ostwest ist die Compagnie Irene K. aus Belgien zu Gast, sie zeigt ihr aktuelles Stück »Look at me«. Die Tänzerin Ilke Teerlink und ihr Duettpartner Gold Mayanga bewegen sich zwanglos zwischen den Rolltreppen, laufen, nehmen sich in den Arm, zeigen Hebefiguren. Manchmal scheinen sie dabei wie auf der Suche nach sich selbst.

Dazu passt, was die Compagnie zu ihrer von Irene Borguet-Kalbusch entwickelten Choreografie geschrieben hat: »Sie tanzt. Schau sie an. Sie tanzt. Ihre kleine Welt dreht sich, alleine. Schau sie an. Sie tanzt. Einer kommt hinzu, noch einer, noch einer. Sie tanzen gemeinsam …«

In der Tat. Es kommen noch zwei Personen dazu. Magali Casters und Davide Zazzera. Sie tanzen allein, zu zweit, zu viert, manchmal ausgelassen, manchmal sich selbst oder die anderen suchend. Auch die Musik wird eine andere, Saxofon und Bongos lassen Melancholie anklingen.

»Look at me« handelt von der Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft. Die eigene Welt aus Gedanken und Gefühlen steht meist im Vordergrund. Durch die Verschiebung der Perspektive verschiebt sich auch die eigene Realität, man nimmt die Umgebung anders wahr, man denkt und fühlt anders.

In dieses Konzept passt die Rolltreppe gut hinein. Magali Casters und Davide Zazzera entfernen sich aus der Gruppe der Tanzenden und »entschweben« fast unbemerkt nach oben. Anderer Ort, andere Perspektive, sowohl für die Tänzer als auch für die Zuschauer. Nach einigen kleinen Tanzdarbietungen im Obergeschoss kommen die beiden wieder mit der Rolltreppe nach unten. Musik: Milan Warmoeskerken, Shana Mpunga.

Viel Applaus gab es für den netten kleinen Kunstgenuss im »Neustädter«.

Das Festival-Programm wird am heutigen Freitag um 11 Uhr fortgesetzt mit dem Stück »Deck Three« auf dem Parkdeck 3 des »Neustädter«-Einkaufszentrums. Um 20 Uhr präsentieren sich dann Preisträger internationaler Wettbewerbe in der taT-Studiobühne.

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