1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Von Wieseck in die USA und zurück

Erstellt:

giloka_1501_Wieseck-July_4c
Beachtliche Karriere: Sigmund Livingston mit Ehefrau Blanche und ihren Kindern Kathryn und William in ihrer amerikanischen Heimat im Jahr 1920. © Grossman

Ursula Schroeter und Hanno Müller haben eine außergewöhnliche Quelle veröffentlicht. Das Mohelbuch eines ausgewanderten Wieseckers dokumentiert Beschneidungen von 1825 bis 1864.

Gießen . Sigmund Löwenstein packte wenige Wochen vor dem 15. Geburtstag seine Sachen, verabschiedete sich von den Eltern und machte sich auf den Weg nach Amerika. Dorthin waren bereits 30 Jahre zuvor ein Onkel und eine Tante ausgewandert, denen weitere Angehörige folgten. Dennoch ist ungewiss, was den jungen Wiesecker dazu veranlasst hat, im Juni 1885 ebenfalls diese abenteuerliche und keineswegs ungefährliche Reise anzutreten. Während sich seine Verwandten in Illinois niedergelassen hatten, zog es den Buben nämlich nach St. Louis in Missouri. Fest steht indes, dass in der »Neuen Welt« Löwenstein zu Livingston wurde. Mit diesem Nachnamen legte Sigmund als Geschäftsmann eine beachtliche Karriere hin, heiratete Blanche Mendel, deren Eltern gleichfalls aus Deutschland stammten, und gründete eine eigene Familie.

Zwei Generationen später starteten Richard Livingston und Jane Grossman die Suche nach ihren deutschen Vorfahren. Dabei knüpften der Cousin und die Cousine per E-Mail-Kontakt zu Hanno Müller, dessen langjährige Recherchen unglaubliche Details zu jüdischen Familien in Stadt und Landkreis Gießen zu Tage gefördert haben. Schnell war klar, dass Jane Grossman die Enkelin von Sigmund Löwenstein ist. Sie übermittelte im vergangenen September an Ursula Schroeter vom Heimatverein Wieseck nicht nur etliche Fotos der Familie, sondern auch eine Ablichtung des Beschneidungsbuchs, das ihr Ururgroßvater Michael Löwenstein von 1825 bis 1864 geführt hat. Und dieser außergewöhnliche Fund, dessen Wert als historische Quelle kaum überschätzt werden kann, konnte nun dank der Kooperation von Hanno Müller und Ursula Schroeter in einer deutsch-englischen Fassung publiziert werden. Finanziell gefördert hat dieses Projekt, das bereits beim Jüdischen Museum in Berlin auf großes Interesse gestoßen ist, nach Angaben von Vorstandsmitglied Christel Buseck die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar.

Nur Männer mit einem untadeligen Ruf können Beschneider oder Mohel werden. Ihre fachmännische Arbeit, der eine lange Ausbildung vorangeht, wird in der Regel acht Tage nach der Geburt eines jüdischen Jungen gebraucht, erläutert Ursula Schroeter bei der Vorstellung des liebevoll edierten Verzeichnisses. Es umfasst neben rund 150 Einträgen samt Erläuterungen auch den Ehevertrag von Sigmunds Eltern, Meyer Löwenstein und seiner zweiten Frau Kätchen Löber, aus dem Jahr 1861 sowie zahlreiche Fotoaufnahmen und Informationen zu der weitverzweigten Familie.

»Wir wissen nicht, wann und wie das Mohelbuch und der Ehevertrag von Deutschland in die USA gelangt sind«, so die Wieseckerin. Das hätten auch Jane Grossman und ihre Verwandten nicht rekonstruieren können. »Gemäß der jüdischen Tradition hat Sigmunds Sohn William M. Livingston diese Unterlagen wiederum an seinen Sohn William Jr. übergeben.«

In dem Beschneidungsbuch notierte der Mohel zu jedem seiner Termine die Namen des Jungen, des Vaters sowie mindestens einen Paten samt Ort und Datum. Da viele der Fachmänner ihre Tätigkeit über Jahrzehnte ausübten und dabei nicht nur an einem Ort, sondern in einer ganzen Region zum Einsatz kamen, enthalten diese Verzeichnisse zahlreiche Details. Diese erweisen sich für die jüdischen Gemeinden ebenso wie für die genealogische Forschung insgesamt als wertvolle Überlieferung.

»Dieses Beschneitungsbuch geheret an den Isralit Michel Lewen Stein in Altenbuseck geschrieben den 4. Mertz 1831 durch Ephraim Goldschmidt.« Mit diesem Eintrag wurde der Großvater von Sigmund Löwenstein von seinem Vorgänger eingesetzt. Ursprünglich stammte der 1804 oder 1805 geborene Michael Löwenstein aus Alten-Buseck, war aber 1871 mit seinem Sohn Meyer nach Wieseck gezogen. Der Geschäftsmann hatte dort das Haus Nummer 155 (später Gießener Straße 80) gekauft. Die Familie genoss schon bald hohes Ansehen. »Deshalb erhielt sie sogar den Dorfnamen Mägersch«, weiß Ursula Schroeter zu berichten. Michael Löwenstein starb 1888 und ist auf dem jüdischen Teil des Friedhofs in Wieseck beigesetzt.

Ein Mohelbuch ist allerdings selbst für Historiker nur schwer zu lesen. Die Beschneider schrieben mit hebräischen Buchstaben in einer Mischung von Hebräisch, Jiddisch und Deutsch. Das gilt auch für Michael Löwenstein und seine Notizen. »Wir haben jedoch auch eine englische Übersetzung der hebräischen Einträge aus Amerika erhalten«, sagt Ursula Schroeter. Andreas Schmidt aus Wettenberg, der Hebräisch lesen kann, hat das Manuskript durchgesehen, wichtige Hinweise gegeben und Verbesserungen angeregt. »Er hat sogar herausgefunden, dass wiederholt Formulierungen im Wiesecker Platt auftauchen.«

Mit beeindruckender Geschwindigkeit und der längst bekannten Akribie ist es dem Genealogen Hanno Müller gelungen, fast alle beschnittenen Jungen und die zugehörigen Familien sowie die Paten zu identifizieren. Dabei konnte er auf die von ihm erarbeiteten und herausgegebenen Familienbücher aus Ortschaften des Landkreises sowie der Stadt Gießen zurückgreifen.

Die Publikation, deren Drucklegung bereits Anfang Dezember 2021 abgeschlossen war, soll nun an über 30 Archive und jüdische Institutionen verschickt werden. Da Jane Grossman zu alledem auch noch Kopien von drei handschriftlichen Briefen seines Vaters Meyer und seiner Schwester Rosa an Sigmund Löwenstein nach Wieseck übermittelt hat, wurde offenkundig, wie eng die Bindungen innerhalb der Familie über den großen Teich hinweg waren. »Daraus konnten wir entnehmen, dass sein jüngerer Bruder Robert im Mai 1906 mit dem Schnelldampfer ,Kronprinz‹ von Bremen in die USA gereist war, um an der Hochzeit von Sigmund und Blanche teilzunehmen«, erzählt Ursula Schroeter. Und sein älterer Bruder Albert, der 1879 nach Illinois ausgewandert war, kam 1909 mit Ehefrau und Kind sogar für einen Besuch der Eltern nach Wieseck zurück.

Nach Theresienstadt

Seit langem bekannt ist hingegen, dass mit Max Löwenstein noch ein weiterer Bruder in die USA übergesiedelt ist, und dass er gemeinsam mit Sigmund den 1879 geborenen Moritz finanziell unterstützte. Er war wie Rudolf der Sohn von Meyer Löwenstein mit seiner dritten Frau Johanette und wegen einer Behinderung auf den Rollstuhl angewiesen. Nach dem Tod der Eltern lebte er weiterhin in der Gießener Straße 80, wo seit 2009 ein Gedenkstein an ihn erinnert. Es lässt sich nach Angaben der Koordinierungsgruppe Stolpersteine, der Ursula Schroeter und Christel Buseck angehören, nicht mehr feststellen, zu welchem Zeitpunkt er in ein Altersheim in Frankfurt gebracht wurde. Von dort deportierten ihn die NS-Schergen jedenfalls im August 1942 nach Theresienstadt. Moritz Löwenstein verstarb sieben Monate später.

giloka_1501_Grabstein_14_4c
Ehrendes Gedenken: Der Mohel Michael Löwenstein ist auf dem jüdischen Teil des Wiesecker Friedhofs begraben. © Schroeter
giloka_1501_Jane-Grosman_4c
Jane Grossman © privat

Auch interessant