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Von Winterlinde bis Traubenkirsche

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Von: Thomas Wißner

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Eindeutig beschildert: die Bismarck-Eiche. Foto: Wißner © Wißner

Bestandsaufnahme im Akademischen Forstgarten am Schiffenberg bei Gießen zum 200. Geburtstag in 2025: Beschilderungen zur Kennzeichnung der Baumarten werden angebracht.

Gießen. Es tut sich was im einzigartigen Akademischen Forstgarten - und zum 200. Geburtstag 2025 soll dieser wieder in neuem Glanz erstrahlen. Wobei das mit dem »Glanz« angesichts einer über Jahrzehnte und Jahrhunderte gewachsenen Natur nicht wörtlich zu verstehen ist. Forstamtsleiter Ralf Jäkel und Revierförster Jörg Sennstock informierten bei einem Ortstermin im Beisein des Amtes für Umwelt und Natur der Universitätsstadt, Dr. Gerd Hasselbach, Vertreter der Agendagruppe, Nachbarn und drei Studenten der Justus-Liebig-Universität (JLU), die in den vergangenen Wochen und Monaten sich intensiv mit dem Akademischen Forstgarten befasst und für eine neue Beschilderung gesorgt haben.

Bereits 1985 wurde die »Keimzelle der forstlichen Lehre und Forschung in Deutschland; Freilandlabor als Bindeglied zwischen forstpraktischem Unterricht und botanischer Forschung«, wie es die damalige hessische Ministerin für Landwirtschaft, Forsten und Naturschutz Irmgard Reichhardt formulierte, neu belebt. Doch so ganz haute das nicht hin, wurden die Bemühungen wieder zurückgeschraubt und auch das Interesse ließ nach. Durch die Corona-Pandemie noch verstärkt wurde der Drang in die Natur, und so hat Reichhardts Aufforderung von vor fast vier Jahrzehnten heute immer noch Bestand: »Besuchen Sie den Gießener Forstgarten zu verschiedenen Jahreszeiten, verweilen sie zwischen den lebenden Zeugnissen einer traditionsreichen Vergangenheit und gewinnen Sie hieraus Mut und Kraft für die Bewältigung uns aller bedrückender Probleme im Bereich des Umwelt- und Naturschutzes«.

Forstdirektor Klaus Schwarz, der das Forstamt Gießen leitete, hatte 1985 ein 184 Seiten umfassendes Buch zum Akademischen Forstgarten Gießen verfasst und darin auch alle 204 Bäume und Sträucher numerisch aufgelistet, die sich hier finden - von der Winterlinde bis hin zur Gemeinen Traubenkirsche. An jener Auflistung und Ziffernvergabe orientierten sich die beiden Biologiestudenten Jeremy Meiss und Rieke Beckmann, die nun 82 Baum- und Straucharten bestimmten und diese mit den neu angefertigten Schildern versahen. Auf diesen ist der Name wie auch die wissenschaftliche Bezeichnung aufgeführt, samt der von Schwarz einst vorgegeben Nummerierung. »Diese 82 Baumarten wurden ausgewählt, da diese nun eine besondere Beachtung finden sollen«, so Hasselbach, der ebenso wie Jäkel bedauerte, dass längst nicht mehr alle 204 Arten vorhanden sind.

Was Schwarz in seinem Buch klarstellt, hat sich durch eine Anfrage aus Freiburg geradezu bestätigt. »Die langjährig im Forstgarten durchgeführten wissenschaftlichen Untersuchungen und die dabei gewonnenen Erkenntnisse haben forstliche Entscheidungsfindung grundlegend geprägt. Der heutige Waldaufbau und das Waldvorkommen lassen sich umfassend und ausgewogen nur mit geschichtlichen Zusammenhängen beurteilen«. Heute liegt auch ein Schwerpunkt darauf, ob sich aufgrund des Bestandes im akademischen Forstgarten ableiten lässt, welche Bäume den Widrigkeiten am besten standhalten. »Forstwissenschaften suchen nach solchen Räumen, wo man auf Bäume blicken kann, die man ansonsten hier nicht findet. Gerade das Klimaproblem wird hier in den nächsten Jahren noch mehr in den Fokus rücken. Wenn diese Baumarten, etwa die Schwarzkiefer, hier wächst, dann kann man davon ausgehen, dass sie auch woanders wächst. Wir suchen nach Wegen zum Wiederaufbau eines klimastabilen Waldes. Da gehören solche Dinge dazu«, erläutert Jäkel mit Verweis auf die Anfrage eines Professors der Uni Freiburg, der sich gerne einmal mit Studenten im Forstgarten umschauen möchte.

»Wenn man die Straßen ausblendet, ist der Forstgarten ein Kleinod am Rande Gießens, am Fuße des Schiffenbergs. Er ist mit viel Arbeit verbunden. Mittlerweile hat die Politik begriffen, dass man einen Wald ohne Menschen nicht bestellen kann«, so Jäckel. Er wies darauf hin, dass die Fichte in den letzten drei Jahren so gut wie ganz aus unserer Region verschwunden ist. »Im Moment macht uns die Buche Sorgen, die 60 Prozent unseres Waldbestandes ausmacht und die uns wegstirbt. Deshalb konnten wir wenig Input in den Akademischen Forstgarten geben«.

Jäkels Dank galt Sennstock, der hier mit Schulklassen der Willy-Brandt-Schule und anderer Schulen einiges gemacht hat und auch der Agenda-Gruppe sowie dem Dienstagskranz, der zuletzt die Heyer-Eiche besuchte und einen Betrag für die Sanierung der Holzorgel zusicherte. Komplettiert werden soll nun die bereits erfolgte Beschilderung, soll jeder Baum noch mit einem QR-Code versehen werden, über den dann weitere Informationen zum Baum, über Lebensdauer und Holzverwendung zu erhalten sind. Daran arbeitet Lea Schmidt, eine Master-Biologiestundentin der JLU. »Mit der Beschilderung sind wir auf einem guten Weg und haben die wichtigsten Arten, besonders für Kindergärten und Schulen, rot gekennzeichnet«, so Sennstock.

Schwierig gestaltet sich die Bestimmung des Alters der Bäume, denn nicht jeder ist so einfach auszumachen wie etwa die am 1. April 1895 gepflanzte und mit Herkunfts-Hinweisschild versehene »Bismarck-Eiche aus dem Sachsenwalde« .

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Ortsbegehung mit Dr. Gerd Hasselbach (links), Forstdirektor Ralf Jäkel (3. v. l.), Jeremy Meiss (4. v. l.), Lea Schmidt (5.v.l.), Rieke Beckmann (6.v.l.) und Revierförster Jörg Sennstock. Foto: Wißner © Wißner

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