Vor allem Normalität ohne Corona wäre schön

»Das wünsche ich mir für 2022«: Menschen aus Gießen schildern, was sie sich fürs neue Jahr erhoffen. Ganz oben rangiert das Ende der Pandemie. Ein Wunsch dreht sich auch um Eintracht Frankfurt.

Gießen (bl/fley). Wenn Kinder zu Weihnachten und zum Geburtstag ihre Wunschzettel schreiben, gehen die darauf ans Christkind oder die Eltern gerichteten Bitten doch ziemlich oft in Erfüllung. Der Alltag der Erwachsenen hat dagegen meist mehr von »So isses« als von »Wünsch’ Dir was«. Weder gibt es eine »Bezaubernde Jeannie«, die nur mit den Augen blinzeln und dem Kopf nicken muss, noch ist im passenden Moment Aladins Wunderlampe zur Hand. Der Jahreswechsel ist dennoch bestens dazu geeignet, sich nicht nur gute Vorsätze zu fassen, sondern auch, um sich etwas zu wünschen. Schließlich drückt sich darin eine gewisse Hoffnung aus - und die Zuversicht, Dinge verändern, ja vielleicht sogar verbessern zu können. Der Anzeiger hat daher Menschen aus Gießen gefragt, was sie sich für 2022 wünschen. Ganz oben steht natürlich die Rückkehr zur Normalität. Aber auch mehr ehrenamtliches Engagement, mehr Wertschätzung, weniger Hass und Hetze, erfolgreiche Schulabschlüsse und das Gänsehaut-Feeling in einem vollen Stadion der Frankfurter Eintracht werden genannt. Die Düsseldorfer Punkrocker »Die Toten Hosen« waren jedenfalls schon vor drei Jahrzehnten überzeugt: »Es kommt die Zeit, in der das Wünschen wieder hilft.«

Frank-Tilo Becher , Oberbürgermeister der Stadt Gießen : »Wie so viele Menschen treibt mich die Frage um, ob wir das kommende Jahr noch als ein Jahr mit oder schon nach Corona erleben werden? In Gießen mal wieder ein Fest ohne Wenn und Aber feiern, das wäre schön - und es steht für meinen Wunsch, dass wieder so etwas wie Normalität einkehrt. Das wünsche ich mir besonders mit Blick auf die Kinder und jungen Menschen, auf Kitas, Schulen und Hochschulen. Vielleicht sollten wir aber auch Geduld und Durchhaltevermögen mit auf den Wunschzettel nehmen. Und gleichzeitig wünsche ich uns mutige Diskussionen darüber, wie unsere Normalität in Zukunft aussehen soll. Denn das Klimathema wird uns allen Verhaltensänderungen abverlangen, da bin ich sehr sicher. Das wird uns in politischen wie in persönlichen Entscheidungen fordern. Zum Jahreswechsel passt es, auch dafür neue Wege und gute Vorsätze in den Blick zu nehmen. In unserer Stadt wünsche ich mir zudem Freundlichkeit im alltäglichen Umgang. Das ist eigentlich für jede und jeden ganz leicht zu machen. Darüber hinaus konkrete Hilfsbereitschaft und wo gefordert, die Zivilcourage, anderen zur Seite zu stehen. Ich wünsche mir, dass wir für die Konflikte in unserer Welt, die Menschen auf die Flucht treiben, Lösungen finden. Und auch im kommenden Jahr sollten wir in Gießen tun, was in unseren Kräften steht, um denen zu helfen, die einen sicheren Hafen nötig haben.«

Anja Helmchen , Präsidentin der Gießener Fassenachts-Vereinigung : »Ich wünsche mir gar nicht viel: Ich wünsche mir, dass Normalität in unser Leben zurückkehrt - unbeschwert und unbefangen Menschen treffen, ausgehen und ohne Vorbereitungen etwas unternehmen können. Für die Fastnacht wünsche ich mir, dass wir wieder Veranstaltungen planen können, ohne diese Planungen ständig sich ändernden Vorgaben anpassen zu müssen, und dass wir endlich wieder eine Kampagne durchführen können, wie wir Fastnachter und die Menschen, die gerne Fasching feiern, sie gewohnt sind.«

Marina Weber, Pflegerin auf der Operativen Intensivstation am Uniklinikum Gießen :»Ich wünsche mir eine höhere Impfquote und andere Rahmenbedingungen vom Gesetzgeber, was unsere Situation angeht. Wir haben eine angespannte Personaldecke, aber dennoch wird jede Station, ungeachtet wofür genau sie gebraucht wird, über einen Kamm geschert. Eine Intensivstation kann man nicht mit anderen Stationen vergleichen, das Arbeiten hier ist in der Tat sehr intensiv.«

Frank Haas , Inhaber des »Schlosskeller« : »Neben den üblichen Wünschen für das Jahr 2022, die jedem zuerst in den Sinn kommen, wie Gesundheit und das Ende der Pandemie, fällt mir ein Zitat von Albert Einstein ein: ›Wenn’s alte Jahr erfolgreich war, dann freue Dich aufs neue. Und war es schlecht, ja dann erst recht.‹ Das trifft es vielleicht ganz gut, gerade für uns in der Gastronomie. Und ganz privat würde ich echt gerne mal wieder im Waldstadion bei der Eintracht stehen, im vollen Stadion, mit Gänsehaut-Feeling - so wie vor der Pandemie.«

Andreas Koeppel , Pfleger der Operativen Intensivstation am Uniklinikum Gießen : »Ich wünsche mir für 2022 eine Impfquote von mehr als 90 Prozent und mehr Wertschätzung für unsere teils kräftezehrende Arbeit.«

Paul-Henry Bartz , Stadtschulsprecher : »Es gäbe einige Bedenken, die man über das kommende Jahr äußern könnte, doch konzentrieren wir uns auf die Hoffnungen und Perspektiven: Ich spreche vielen wohl aus dem Herzen, wenn ich den Wunsch nenne, dass die Situation sich normalisieren soll und wir die Corona-Maske dauerhaft ablegen können. Da es sich bei dem Virus um einen Erreger handelt, den wir vermutlich nie mehr loswerden, müssen wir lernen, mit ihm zu leben. An den Schulen haben wir bereits einen einigermaßen normalen Alltag und ich erhoffe mir vor allem für die Jüngeren, dass auch alle anderen zur Schule gehörenden Aktivitäten wieder möglich sein werden. Weiterhin wünsche ich allen Abschlussschülern ganz viel Erfolg und natürlich gute Abschlüsse - nicht zuletzt, weil 2022 auch mein Abiturjahr wird. Gleichzeitig möchte ich appellieren, noch einmal an die schönen Momente des vergangenen Jahres zu denken und mit diesen Gedanken in das neue Jahr zu starten.«

Kornelia Steller-Nass , Freiwilligenkoordinatorin der Awo Gießen und Vorsitzende des Gießener Arbeitskreises für Behinderte : »Demokratie braucht Inklusion! Deshalb wünsche ich mir im neuen Jahr mehr davon und freue mich schon jetzt, dass wir mit dem Verein ›Gießener Arbeitskreis für Behinderte‹ die Teilhabe von Menschen mit Behinderung und besonderen Bedarfen auch 2022 weiter voranbringen wollen. In der Stadt und im Landkreis Gießen ist mir die bunte Vielfalt aller sozialen und kulturellen Aktivitäten wichtig. Ein weiterer Wunsch ist daher, neben vielen kreativen Ideen, dass die tollen Projekte, die dank digitaler Technik auch in Corona-Zeiten entstehen konnten, ausgebaut werden. Und ich möchte alle Bürger*innen ermuntern, sich ehrenamtlich zu engagieren. Denn Engagement macht Spaß, ist sinnstiftend und tut gut! Für die politische Arbeit erhoffe ich mir ein gutes Miteinander. Negativbeispiele gab es in jüngster Vergangenheit genug. Ganz oben auf der Wunschliste rangiert, dass Hass und Hetze konsequent unterbunden werden. Damit wir endlich aus der Corona-Krise kommen, wünsche ich mir, dass ausreichend Impfangebote zur Verfügung stehen, die auch von bisher Ungeimpften angenommen werden. Wir sollten energiegeladen ins neue Jahr starten und die Erfahrungen aus der Pandemie als Chance für die gemeinsame Gestaltung einer guten Zukunft begreifen.«

Hanno Kern , »Schutzmann vor Ort« der Polizeistation Gießen-Nord : »Für 2022 wünsche ich uns allen, dass die Wichtigkeit der gewaltfreien Konfliktlösung trotz starker Meinungsverschiedenheiten wieder mehr in den Fokus rückt - gerade im Hinblick auf die akute militärische Krise an der Grenze zwischen der Ukraine und Russland, aber selbstverständlich nicht nur dort. Das ist auch in Bezug auf die aktuellen Entwicklungen hier in unserer Heimat mehr als wünschenswert. Letztlich können wir als Gesellschaft nur gemeinsam und als Team die anstehenden Herausforderungen und Veränderungen des Jahres 2022 meistern! Für mein kleines berufliches Team mit meinem Diensthund ›Bones‹ wünsche ich mir, dass wir seinen wichtigen Ausbildungslehrgang zum Rauschgiftspürhund im Frühjahr gemeinsam erfolgreich absolvieren und uns somit im Rahmen der Arbeit als ›Schutzmann vor Ort‹ noch mehr für die Sicherheit in unserer schönen Region einsetzen können. Wir bleiben hochmotiviert!«

Manuel Garcia , stellvertretender Leiter auf einer der Covid-Intensivstationen am Uniklinikum Gießen : »Ich wünsche mir für 2022, dass die Menschen weniger egoistisch denken. Impfen schützt die vulnerablen Gruppen mit, nicht nur den Einzelnen. Die Toleranz zueinander ist von Bedeutung, wir müssen das soziale Gefühl hervorheben. Es sind ja nicht viele Impfgegner, aber dadurch kriegen wir das Virus nicht in den Griff und sind in einer Endlosschleife. Der Dauerstress ist einfach zermürbend. Wir wollen wieder normal Patienten behandeln. Man sieht viel Erschöpfung und Müdigkeit, das macht mich traurig. Irgendwann ist ein Limit erreicht. Es ist ja auch kein Ende in Sicht. Die permanente Sorge führt zu Anspannung. Ich sehne mich nach Normalität und vertraue darauf, dass wir irgendwann sagen können: Wir haben es geschafft.«

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