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Vorsicht ist weiterhin angesagt

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Zu den Untersuchungen gehören auch Belastungstests auf dem Rad. Symbolfoto: Waltraud Grubitzsch/dpa © Red

Der Leiter der Post-Covid-Ambulanz des Gießener-Uniklinikums (UKGM) berichtet über bislang beobachtete Spät- und Langzeitfolgen sowie die mangels Daten noch bestehenden Ungewissheiten.

Gießen . Wer sich die Zahl von mittlerweile rund 55 000 Corona-Fällen seit Pandemiebeginn in Stadt und Kreis Gießen anschaut, könnte fast glauben, dass die Post-Covid-Ambulanz des Gießener Universitätsklinikums (UKGM) von Patienten mit Spät- und Langzeitfolgen (Long Covid) nahezu überrannt wird. Doch ist dem tatsächlich so? Und mit welchen Symptomen haben es die Ärzte am häufigsten zu tun? Im Gespräch mit dem Anzeiger sorgt Ambulanzleiter Dr. Ulrich Matt, der auch Oberarzt des Schwerpunktbereichs Infektiologie der Klinik für Innere Medizin ist, für Aufklärung.

Dr. Matt, wie viele Patienten haben bislang die Ambulanz in Anspruch genommen?

120 bis 130. Das sind die Patientinnen und Patienten, die ein ausführliches Untersuchungsprogramm durchlaufen haben. Hier haben wir uns in Zusammenarbeit mit der Pneumologie auf kardiopulmonale Untersuchungen fokussiert. In Zusammenarbeit mit der Klinik für Mund- und Kieferchirurgie sowie der Psychiatrie erfolgten dort noch weitere Tests. Die Intervalle der Untersuchungen, bei denen die Patienten unter anderem Radbelastungstests absolvieren, sind drei, sechs und zwölf Monate.

Sind durch die Omikron-Variante weniger Spätfolgen zu erwarten?

Die Belegungszahlen sind schon noch hoch, verglichen zu den Infektionszahlen ist es aber deutlich weniger als in den Wellen zuvor. Einige sind zwar infiziert, und daher auf der Isolierstation, haben aber keinen schweren Verlauf, sondern primär ein anderes medizinisches Problem. Was die Langzeitfolgen angeht, ist es noch zu früh, um das genau beantworten zu können, weil der Zeitraum noch zu kurz ist. Der Krankheitsverlauf ist bei Omikron allerdings etwas anders als bei Delta. Wie sich das auf Long Covid auswirkt, wissen wir noch nicht.

Kann Long Covid auch mit einer lebenslangen Behandlungsbedürftigkeit verbunden sein?

Auch hierfür ist es noch zu früh, um Genaueres sagen zu können. Allerdings sieht man bei den allermeisten Betroffenen im Laufe der Zeit eine deutliche Verbesserung ihres Gesundheitszustands und sie erholen sich allmählich. Einzelne Patienten haben aber auch länger damit Probleme. Klassische Medikamente haben wir zur Behandlung von Long Covid aber keine.

Welche Symptome sind die häufigsten?

Müdigkeit, Atemnot, Erschöpfung und Geruchs- und Geschmacksstörungen. Gerade Menschen, die unter starkem Leistungsdruck stehen, wie Unternehmer oder alleinstehende Mütter, spüren Folgen einer eingeschränkten Leistungsfähigkeit am meisten.

Wie ist es bei Menschen, die nach wochenlanger künstlicher Beatmung und Bettlägerigkeit auf der Intensivstation auf die Beine zu kommen versuchen?

Ihnen hilft Rehabilitation und Physiotherapie. Dieses Erlebnis ist für viele wie ein Schock, physisch und psychisch. Es geht bei ihrem Training darum, wieder Muskeln aufzubauen, wieder zu Kräften zu kommen. Dabei benötigen sie aber nur selten die Hilfe unserer Ambulanz, denn bei ihnen sind die Folgen meist auf die körperliche Schwächung durch die Beatmung auf der Intensivstation zurückzuführen.

Was haben Sie bisher in der Ambulanz an Herz- und Lungenschädigungen beobachtet?

Die Lungenfunktion kann ganz am Anfang als Folge der Pneumonie beeinträchtigt sein. Doch auch diese Patienten erholen sich in der Regel gut. Anfangs gab es Berichte, dass es häufig zu Herzmuskelentzündungen kommen könnte. Bei uns und auch in anderen Patientenkollektiven gab es jedoch bisher nicht allzu viele Fälle dieser Art. In der Anfangszeit haben wir oft ein MRT (Magnetresonanztomograph, Anm. d. Red.) zur Untersuchung eingesetzt, mittlerweile aber nicht mehr.

Das klingt fast so, als ob die Warnungen vor Langzeitfolgen durch Covid übertrieben sind.

Einige Patienten haben tatsächlich länger Beschwerden wie geschildert. Aber es gibt hier eine Diskrepanz zwischen dem, was wir messen beziehungsweise messen können und dem, was die Patienten selbst wahrnehmen. Es könnte sein, dass ein anhaltendes Entzündungsgeschehen nach einer SARS-CoV-2 Infektion Probleme wie Fatigue bereitet. Ich vermute, da wird man einiges dazulernen. So haben die Kollegen der Pneumologie nun eine Studie gestartet, um der Atemnot in noch feineren Messungen auf den Grund zu gehen. Wir haben in der Medizin aber auch nach über zwei Jahren Pandemie noch nicht genügend aussagefähige Daten gesammelt, um zu wissen, wo die Reise bei Long Covid hingehen wird und wie lange Spätfolgen andauern können. Daher ist weiterhin Vorsicht angesagt.

Was empfehlen Sie Betroffenen, was diese selbst zur Besserung ihrer Situation beitragen können?

Es ist sicherlich hilfreich, sich privat und beruflich mal eine Auszeit zu gönnen, auch um den Kopf freizubekommen. Das ist aber natürlich oft leichter gesagt als getan.

Selten soll es als Langzeitfolge auch zu Nervenschädigungen kommen.

Ja, das kommt vor. Selbst habe ich einen schweren Fall einer Neuropathie als einer Nervenschädigung gesehen. Das ist aber Domäne der Neurologie, denen solche Patienten zugewiesen werden.

Haben Sie auch in der Ambulanz Fälle erlebt, die Sie besonders bewegt haben?

Es nimmt einen immer mit, wenn jemand, der voll im Berufsleben stand, durch Folgen von Covid-19 auf einmal berufsunfähig wird, oder den Beruf nicht mehr voll ausüben kann. Das ist selten, aber das gibt es. Ich habe Pflegekräfte gesehen, die in Ausübung ihres Berufes erkrankt sind und einen schweren Verlauf auf Intensivstation hatten, der zu Berufsunfähigkeit führt; das ist hart.

Angesichts der steigenden Infektionszahlen wächst für jeden das Risiko, sich anzustecken und schwer an Covid-19 zu erkranken. Was sagen Sie den Menschen, die es nun mit der Angst zu tun bekommen?

Die Impfung ist weiterhin der beste Schutz. Dadurch verringert sich auch die Wahrscheinlichkeit für spätere gesundheitliche Komplikationen wesentlich.. Die Statistik zeigt zwar, dass in der Tendenz Ältere wesentlich häufiger schwer erkranken. Doch haben wir nicht selten auch jüngere Menschen um die 30 auf der Intensivstation des Uniklinikums liegen und danach als Patienten in unserer Ambulanz. Durch eine hohe Durchimpfung und Infektionsrate und auch wegen Omikron sieht man erfreulicherweise weniger schwere Verläufe. Den besten Schutz bietet aber nach wie vor die Impfung, weniger vor einer symptomatischen Infektion, aber vor einer schweren Erkrankung. »Impfdurchbruch« ist für mich kein guter Begriff, denn es geht nicht darum, keine Symptome zu haben, sondern darum, nicht schwer zu erkranken. Und diesen Schutz bieten die Impfungen. Foto: Matt

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Ulrich Matt © Red

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