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Vorzeichen der Apokalypse

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Stoßen nicht auf ungeteilte Begeisterung: Junggesellenabschiede in Innenstädten. Aber vielleicht versteckt sich auch unter ihnen ein Doppelgänger Houellebecqs. Foto: dpa © dpa

Ich fahre mit dem Rad auf den Markt, wo ich Kartoffeln und Tomaten kaufen möchte, die jetzt endlich nach Tomaten schmecken. Vorn im Park sitzt ein Nachtschwärmer auf einer Bank. Er ist ganz in Schwarz gekleidet und trägt einen ebensolchen Hut. Ein verspäteter Existentialist, denke ich, wahrscheinlich aber nur ein Geck und Wichtigtuer. Er hat seinen Kopf in die Hand gestützt und schläft oder tut so als ob.

Ein Hund, der zum Abkacken in den Park geführt wird - seine Besitzerin hält den Beutel schon in der Hand - schnuppert an seinem Knie. Als ich zurückkomme, ist der Mann verschwunden.

Auf der Verpackung der Schokolade, die ich mir gerade im Mund zergehen lasse, steht: »Dein Kauf tut Gutes!« So einfach ist das heute: Ich benutze einen Bambus-Rasierer und esse diese peruanische Schokolade, und schon habe ich meinen Beitrag zur Rettung der Welt geleistet. Und kann ansonsten weitermachen wie bisher. Die Konsumgesellschaft, schrieb Herbert Marcuse, hat das unglückliche Bewusstsein durch ein glückliches Bewusstsein ersetzt und verwirft jedes Schuldgefühl, weil es den Warenabsatz einschränkt. Wir sollen hemmungslos genießen, ohne irgendetwas zu hinterfragen.

Vater, Kind und Smartphone

In der Stadt bleibt ein Mann stehen und begrüßt eine Bekannte in oberhessischem Platt: »Ei, hast du nix Besseres zu tun, als hier rumzurenne’?!« Einfach so herumstreunen und vor sich hin sinnlosen, geht auf keinen Fall. Man muss immer etwas zu tun haben und Pläne verfolgen. Das Nutzlose ist in einer total verzweckten Welt bereits eine Form des Widerstands.

Es ist Sonntagvormittag. »Auf der Gass’« fährt ein junger Vater mit seinem Kind vorbei. Der Vater auf dem Rad, das Kind auf dem Gehweg mit einer dieser Kinderdraisinen. Durch eine Reihe parkender Autos vom Vater getrennt. Beide behelmt. Der Vater telefoniert mit seinem Vater, das Telephon war laut gestellt und am Lenker festgemacht. »Ja, Papa«, sagte er etwas genervt, »ich ruf dich später nochmal in Ruhe an. Ich bin gerade mit Julius unterwegs.« Aber so schnell gab der Vater nicht klein bei. Ich hörte seine ein wenig quäkende Stimme noch eine ganze Weile. Irgendwann sagte der Sohn etwas energischer: »Wir kommen jetzt an eine Kreuzung, ich muss auf Julius aufpassen. Tschüss.« Das kommt davon, wann man sein Handy stets mit sich führt und permanent und überall erreichbar ist.

Zur Zeit begegne ich beinahe täglich Michel Houellebecq, der nicht einmal weiß, dass er Michel Houellebecq ist und höchstwahrscheinlich nicht einmal weiß, wer Michel Houellebecq ist. Aber vielleicht täusche ich mich da auch. Er durchquert mit seinem elektrischen Rollstuhl den Johannespark oder umkurvt Passanten in der Fußgängerzone. Immer aber raucht er und hält die Zigarette, wie der Meister aus Frankreich, zwischen Ring- und Mittelfinger seiner linken Hand. Manchmal hängt die Kippe aber auch lässig im Mundwinkel. Er könnte den Meister doubeln, die Ähnlichkeit ist verblüffend.

Vor ein paar Tagen las ich einen Satz von Houellebecq, der mir gut gefiel: Der Glaube an Gott sei eine Lösung gewesen und man werde gewiss nie eine bessere finden. Seit Neuestem erweist mir mein Gießener Houellebecq die Gunst eines matten Lächelns, das ein Wiedererkennen signalisiert. Manchmal hebt er sogar die Hand zum Gruß.

Houellebecqs Doppelgänger

Eine dieser schauderhaften Umsonst-Zeitungen, die man, ob man will oder nicht, in den Briefkasten gestopft bekommt, droht ihren Lesern und den Bewohnern der Stadt mit der Schlagzeile: »Drei Tage lang feiern«. Es gehörte zu den positiven Seiten der Pandemie, dass das Stadtfest, das mit dieser Schlagzeile angekündigt wird, zwei Jahre lang ausgefallen ist. Nun kommt es mit Wucht zurück und jeder Menge Alkohol und schlechter Musik. Neben der Schlagzeile sieht man ein Foto, das eine der Partybands zeigt, die dort auftreten. Ein stiernackiger Typ grölt etwas ins Mikrophon, das man zwar nicht hören muss, sich aber vorstellen kann. Es wird um diesen Mallorca-Techno gehen, der neuerdings überall zu hören ist und den die Leute mitgrölen, eine grauenhafte Mischung aus Dorfkirmes-Autoscooter-Skihütten-Ballermann-Schaumparty-Bummsfallera-Gewummer. Dazu kommt der Uringestank, der sich im Park breitmacht, weil dort alle Männer, die keine Lust haben, vor einem Toilettenwagen Schlange zu stehen, ihr Wasser abschlagen. Oder in den Hauseingängen.

Das Atomkraftwerk Saporischschja in der Ukraine droht seit Wochen in die Luft zu fliegen, mit unabsehbaren Folgen für die Menschen in der näheren und ferneren Umgebung. Tote Fische treiben auch jetzt schon auf den Flüssen, die Felder und Wiesen versteppen, Brände lodern in ganz Europa. Apokalyptische Bilder, sobald man den Fernseher einschaltet. Vor den Fenstern meiner Wohnung erklingt die ganze Nacht Partygeheul. Auch das gehört zu den Vorzeichen der Apokalypse. Nach dem Untergang Roms sollen Jahrzehnte vergangen sein, bis die Römer begriffen, dass sie untergegangen waren.

Des anderen Tages zog in der Fußgängerzone ein Junggesellenabschied durch die Menge. Die Gruppe führte ein kleines Megaphon und eine riesige Box mit sich, aus der scheußliche Schlagermusik erklang. Die Männer versuchten, Kleinigkeiten zu verkaufen und Spenden für den armen Bräutigam zu sammeln. Sie trugen schwarze T-Shirts, auf denen steht: »Willst du eine geile Muschi, folge mir auf TikTok«. Wenn das Ganze eine unangemeldete politische Demonstration gewesen wäre, wäre die Polizei längst eingeschritten, aber einem solchen Scheiß gegenüber ist die Toleranz grenzenlos.

Angst vor der Mutter

Der Komiker, Autor und Schauspieler Oliver Polak, dessen Vater als deutscher Jude mit knapper Not verschiedene Konzentrationslager überlebte, wurde von der FAZ gefragt, ob »die Deutschen verzichten können«. Seine lakonische Antwort: »Je weniger Gas die Deutschen haben, desto ruhiger kann ich schlafen. Außerdem ist Kälte für mich kein Problem, ich bin mit einer russischen Mutter aufgewachsen.« In diesem Kontext fällt mir eine Geschichte von und mit John Cleese ein. Das Monty-Python-Mitglied erzählte einmal, er habe als Kind nie geweint. Gefragt, ob er sich das erklären könne, antwortete er: »Ich hatte wohl Angst, dass meine Mutter kommt.«

Für heute habe ich meine gute Tat getan. Vorn auf dem Radweg lag eine zersplitterte Bierflasche, die für ein paar platte Fahrradreifen gut gewesen wäre. Also packte ich einen Besen und kehrte die Scherben zusammen. George Orwell hat vorgeschlagen, jede unsoziale Handlung, die man begeht, im Tagebuch zu notieren und dann zur richtigen Jahreszeit eine Eichel in den Boden zu drücken und einen neuen Baum entstehen zu lassen. Da ich weder über Eicheln verfüge, noch über Boden, in den ich sie drücken könnte, muss ich Scherben aufkehren, um meine Sünden auszugleichen. Orwells Eichen werden irgendwo noch stehen und Schatten spenden, meine läppischen guten Taten hinterlassen keine bleibenden Spuren.

Der alte Kater im botanischen Garten

Der schwarze Kater, der seit Jahren seine Tage im botanischen Garten verbringt, geht seinem Ende entgegen. Sein Fell ist stumpf und struppig geworden, auch scheint er nicht mehr gut zu hören und zu sehen. Seine Interessen und Bedürfnisse haben sich zurückgebildet. Er sucht nicht mehr die Nähe von Menschen und scheint keinen Wert mehr auf Körperkontakt zu legen. Früher lag er oft minutenlang auf dem Rücken und ließ sich von irgendeiner Besucherin das Fell kraulen. Nicht einmal mit Leckereien kann man ihn heute noch locken. Für mich ist dieser Kater ein Blick in meine eigene Zukunft und eine lebende Prophezeiung. Schön wäre es, wenn auch ich meine letzten Tage im botanischen Garten verbringen könnte.

Der Gießener Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer »Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus«, deren dritter Band unter dem Titel »Zwischen Anarchismus und Populismus« im Gießener Verlag Wolfgang Polkowski erschienen ist. Foto: Polkowski

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