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Walderhaltung ist oberstes Ziel

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Die Teilnehmer konnten selbst zur Hacke greifen und die Setzlinge pflanzen. © Jung

Gießen. Nicht ins Wasser, aber in den »Schnee gefallen« ist die erste Naturschutzwanderungen des Amtes für Umwelt und Natur. »Vielfalt im Stadtwald erleben und aktiv mitgestalten« lautete das Thema. Dabei lenkte Revierförster Ernst-Ludwig Kriep den Blick der Waldspaziergänger zunächst nach oben in die Krone einer 120 Jahre alten Eiche. Die Hälfte ist total abgestorben, es haben sich keine Knospen mehr gebildet und dicke Astabbrüche sind zu beobachten.

Damit zeige der Baum: »Ich bin gestresst!« Dafür kommen ganz unterschiedliche Ursachen in Betracht. Und wenn die Eiche erhalten werden solle, müssten Buchen entnommen werden. So könnten Licht und Schatten sowie die Nährstoffzufuhr gesteuert werden. »Das ist Waldbau«, erklärte Kriep.

Er selbst sei zudem ein Verfechter der Holznutzung: »Wir können den Rohstoff nutzen, ohne den Wald damit zu zerstören.« Die Teilnehmer erfuhren, dass der Stadtwald viel breiter aufgestellt sei als andere Forstbetriebe. Durch die verschiedenen Durchmesser und Altersstrukturen der Bäume müsse schon eine ganze Menge passieren, um »ins Wanken« zu geraten.

»Baumsterben 2.0« war ein weiteres Stichwort. Für die abgestorbene Fichte, die zu sehen war, gelte »Baumsterben 1.0«. Der flachwurzelnde Baum hat eine Art Hautkrebs. Wenn ihm »der Saft« ausgeht, bohren ihn Insekten an, weil er sich nicht mehr mit Harzdruck wehren kann. Nur ein vitaler gesunder Baum könne das Loch schnell wieder verkleben.

Bei den Buchen gibt es Krieps Schilderungen zufolge seit etwa fünf Jahren eine »Dramatik an Absterbeanteilen«. Längst lege er nicht mehr seine Hand dafür ins Feuer, ob es in 100 Jahren noch solche Buchenwaldgesellschaften gibt. Gleichwohl hoffe er, dass sich die nächste Buchengeneration anpassen werde.

Als er vor etwa zehn Jahren mit einer Gruppe im Stadtwald unterwegs war, habe er prognostiziert, dass der Wald erhalten bleiben könne, wenn er wie bis dahin weiter bewirtschaftet würde - das heißt: einzelne Bäume rausnehmen und Verjüngungsbereiche initiieren. »Die Walderhaltung ist unser oberstes Betriebsziel«, machte der Stadtförster deutlich. Unter dem müssen sich sowohl ökonomische als auch ökologische Teilziele unterordnen.

Mehr Sorgenfalten

Prinzipiell gelte: Alle im Wald entstehenden Kosten - für Gehälter, Infrastruktur und Erholungseinrichtungen, Steuern, Versicherungen - sollen aus der Waldbewirtschaftung gedeckt werden. Man sei zwar nicht verpflichtet, Gewinne zu machen, aber wenn der Holzmarkt gut ist, lasse es sich manchmal gar nicht vermeiden, ein Plus für die Stadtkasse zu erzielen. Klar festgeschrieben sei übrigens, dass bei Konflikten ökologische Ziele immer vor den wirtschaftlichen rangieren sollen.

Alle zehn Jahre schaut der Forstbetrieb nach, wie sich die Struktur des Waldes verändert hat und wie auf Entwicklungen zu reagieren ist. In den vergangenen Jahren habe er allerdings einige Sorgenfalten mehr bekommen.

An der nächsten Station zeigte Ernst-Ludwig Kriep modellhaft die Einflüsse von Stürmen auf den Wald. Dazu schlug er mit einem Hammer gegen das Holzstück, um zu demonstrieren, wie der Sturm den Baum ins Wanken bringt. Er wackelte zwar, fiel aber noch nicht um. Es entstand dabei ein ökologischer Kipppunkt. Nach dem Unwetter stellte sich Trockenheit ein, schließlich machten sich die Borkenkäfer über den Baum her. Auf diese Weise wollte der Förster veranschaulichen, dass irgendwann die Grenze der Belastbarkeit erreicht ist. Nur durch aktives Handeln könne man die Systeme im Wald stabilisieren. Am Ende führte Kriep die Wandergruppe in ein Waldstück, in dem für 40 Setzlinge ein Platz hergerichtet war. Mit Hacke und einem speziellen Pflanzspaten ging es daran, die Vogelkirsche einzusetzen - wahrlich keine einfache Arbeit.

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