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Warum vieles so teuer geworden ist

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Die Folgen des Konflikts sind auch beim Einkauf im Supermarkt zu spüren, spätestens an der Kasse. © Tom Weller/dpa

Wirtschaftswissenschaftler Prof. Peter Tillmann von der JLU Gießen erklärt die Zusammenhänge zwischen den Preiserhöhungen verschiedenster Waren mit Ukraine-Krieg und Russland-Sanktionen.

Gießen . Die Benzin-, Öl- und Gaspreise erreichen schwindelerregende Höhen, in den Supermärkten leeren sich die Regale durch Hamsterkäufe besorgter Mitbürger, allen voran bei Speiseöl und Toilettenpapier - der Ukraine-Krieg und die Wirtschaftssanktionen gegen den Aggressor Russland zeigen auch in unserem Alltag erhebliche Auswirkungen. Doch verwundert es viele, warum von den Preiserhöhungen auch immer mehr Lebensmittel und andere Waren betroffen sind, die auf den ersten Blick eigentlich nichts mit dem Konflikt zu tun haben scheinen, weil sie zum Beispiel aus westlicher Produktion stammen. Nutzen da etwa Hersteller die angespannte Lage für eigene Zwecke aus, um ihre Gewinne zu steigern? Freilich könnten »in Einzelfällen« auch Raffgier oder »illegale Preisabsprachen« dahinterstecken, räumt Prof. Peter Tillmann vom Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der Justus-Liebig-Universität (JLU) im Gespräch mit dem Anzeiger ein. Insgesamt gesehen dürfe man das jedoch »nicht verallgemeinern«, da es logische Erklärungen für die Preisentwicklungen gebe. Über allem steht die uralte Erkenntnis »Preise sind ein Ergebnis von Angebot und Nachfrage«, sagt der Inhaber der Professur für Monetäre Ökonomik.

»Die üblichen Marktprozesse laufen auch jetzt während des Krieges weiter«, betont Tillmann. Das gilt genauso für die Weltmarktpreise verschiedener Rohstoffe wie etwa Weizen, Mais, Raps oder Sojabohnen, die zur Herstellung weiterer Produkte wie ebenso als Futtermittel für Nutztiere dienen können. Hiervon falle derzeit ein großer Teil des weltweiten Angebots weg, »weil die Ukraine ein riesiger Getreide-Exporteur ist«. Auch aus Russland würden sonst enorme Mengen an Getreide und Düngemittel exportiert.

Neben den Sanktionen machten sich zurzeit ebenfalls »unterbrochene Lieferketten« bemerkbar, weiß der Wirtschaftsexperte zu berichten. Beispielsweise könnten Schiffe das Schwarze Meer »nicht mehr einfach so verlassen«, da die Meeresenge Bosporus, ein beliebter Seeweg, von der Türkei streng überwacht wird. Nicht zu vergessen die russische Kriegsmarine, die mittlerweile die südliche Küste der Ukraine unter ihre Kontrolle gebracht hat. Doch auch in anderen Ländern gebe es aktuell Ausfuhrprobleme, wie etwa in China, einem weiteren wichtigen Exporteur von Grundnahrungsmitteln und anderer Rohstoffe, wie Metalle der Seltenen Erden, die zur Herstellung von elektronischen Geräten benötigt werden.

Auch Pandemie trägt dazu bei

»Schon seit dem Herbst steigen hier die Preise für einzelne Dinge wie zum Beispiel Computerchips.« Aufgrund der Corona-Pandemie und Infektionsausbrüchen würden in einigen großen chinesischen Häfen Schiffe länger liegen bleiben oder zunächst gar keine Erlaubnis zum Auslaufen erhalten. »Es kommt eben derzeit alles zusammen«, so Tillmann.

Schwankungen bei Angebot und Nachfrage sowie den Weltmarktpreisen, die sich an internationalen Waren- und Rohstoffbörsen entscheiden, seien allerdings auch in Friedenszeiten etwas Normales. »Die Preise gehen immer mal rauf und runter. So starke Bewegungen wie jetzt sind aber sehr selten«, ordnet der Ökonom die jüngsten Entwicklungen ein. Grundsätzlich seien diese wegen der geopolitischen Lage und des Ausmaßes der Sanktionen und Kriegshandlungen jedoch »nicht überraschend«.

»Die Preise bei uns werden aber nicht für alle Zeit so hoch bleiben«, verkündet Peter Tillmann schließlich eine gute Nachricht. Wenngleich er angesichts der Ungewissheit des Ukraine-Krieges keine Prognose wagen möchte, wie lange dieser Zustand andauern wird. Zugleich begrüßt der Ökonom, dass Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) inzwischen das Bundeskartellamt zur Überprüfung der hohen Spritpreise eingeschaltet hat. Deutlich mehr Sorgen macht sich Tillmann um solche Entwicklungsländer, die »viel stärker als wir« von Getreideimporten abhängig sind und bei denen die jetzigen Preise die ohnehin schlechten finanziellen Möglichkeiten weit übersteigen. Denn hier drohen im Gegensatz zu wohlhabenden Ländern wie Deutschland enorme Versorgungsprobleme oder gar Hungersnöte. Im Vergleich dazu wirkt ein Mangel an Toilettenpapier oder Speiseöl mehr als nur banal. Foto: Friese/JLU

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Peter Tillmann © Red

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