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»Was ihr verlangt, ist nicht zu viel«

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Gewerkschaftssekretär Julian Drusenbaum thematisiert die schlechte Bezahlung in »klassischen Frauenberufen« und erhält dafür viel Applaus. © Mosel

Rund 200 Angehörige aus Erziehungs- und Sozialberufen sind in Gießen einem Streikaufruf der Gewerkschaft Verdi gefolgt. In einer begleitenden Kundgebung berichten sie von ihrem Arbeitsalltag.

Gießen. Die Stimme der jungen Frau zittert hörbar, als sie ins Mikrofon spricht. Sarah stellt sich als Berufspraktikantin vor, seit September sei sie in einer Kita im Landkreis Gießen tätig. »Was ich in dieser kurzen Zeit erlebt habe, geht so nicht«, macht sie deutlich. Unter anderem werde von ihr als Anfängerin die volle Arbeitskraft einer erfahrenen Erzieherin verlangt, sie bekomme teils Aufgaben, die es unmöglich machten, dabei noch die Kinder zu beaufsichtigen. Da es ständig zu wenig Personal gäbe, müsse sie teilweise fünf Mal pro Tag die Gruppe wechseln, was für die Kleinen immer wieder neue Bezugspersonen bedeute. »Das sind keine tragbaren Zustände«, sagt Sarah laut. Und sie konkretisiert: »Ich würde gerne pädagogisch arbeiten und nicht im Vorhinein schon ausgebremst werden.« Ihr Beruf, das sei ihr bereits jetzt klar, erfahre einfach keine Anerkennung. »Ich bin einfach ein Babysitter, jemand, der auf die Kinder aufpasst.«

Sarahs Wortbeitrag steht am Ende einer Kundgebung auf dem Kirchenplatz, die den von Verdi ausgerufenen Warnstreik begleitet. Und er unterstreicht eindringlich, für was die rund 200 anwesenden Angehörigen der Sozial- und Erziehungsberufe »Gesicht zeigen«. Sie fordern - bislang erfolglos - eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, finanzielle Aufwertung durch Höhergruppierung im Tarifvertrag und Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel. Dass die Aktion am Dienstag auf das Datum des Weltfrauentages fällt, ist kein Zufall: 83 Prozent der Berufsangehörigen, um die es hier geht, sind weiblich.

Julian Drusenbaum, Gewerkschaftssekretär bei Verdi Hessen, thematisiert in seiner Rede die große Diskrepanz zwischen »permanentem Lob« und niedrigem Verdienst. »Es sind die klassischen Frauenberufe, die schlecht bezahlt werden«, folgert er. Dabei sei es schlichtweg falsch, die Arbeit mit Menschen schlechter zu vergüten als etwa rein technische Tätigkeiten. »Es geht ganz stark um uns alle. Wir können uns die schlechten Arbeitsbedingungen in euren Berufen als Gesellschaft gar nicht leisten«, richtet sich Drusenbaum unter lautem Applaus an die Beschäftigten in Kitas, Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen, der Behindertenhilfe und der Sozialen Dienste. Andernfalls seien die Folgen drastisch: Kinder und Jugendliche drohten durchs Netz zu fallen, Menschen mit Behinderungen oder Erkrankungen fehle Halt und die Inklusion, »die sich alle auf die Fahnen schreiben«, erledige sich auch nicht von allein. Die Arbeit, teilweise auf »Mindestlohnniveau« nennt Drusenbaum vor diesem Hintergrund »eine Schande«.

Felix Döring - vor seiner Wahl in den Bundestag arbeitete er als Lehrer - spricht von der pädagogischen Arbeit als »sinnstiftendem Beruf«. »Ihr habt diesen Job nicht ergriffen, weil ihr damit Millionäre werdet, das gehört zur Wahrheit dazu«, verdeutlicht der Sozialdemokrat. Dabei müsse sich »gesellschaftliche Anerkennung« auch im Gehalt ausdrücken. Döring formuliert als Motto: »Kein Kind darf zurückgelassen werden. Das zu schaffen, ist die gesellschaftliche Aufgabe, vor der wir stehen.«

Solidarisch mit den Streikenden zeigt sich auch das 8. März-Bündnis Gießen. »Wir gehen davon aus, dass Sozial- und Erziehungsberufe nicht zuletzt so schlecht bezahlt sind, weil in diesem Bereich überwiegend Frauen beschäftigt sind«, sagt Mitorganisatorin Esther. Dabei sei ja »genug Kohle da«. Die Rednerin meint damit die von der Ampel-Koalition beschlossenen Ausgaben für Aufrüstung und den Zugriff der Bundeswehr auf einen Fonds mit 100 Milliarden Euro. »Wo war dieses Geld, als die Kolleginnen und Kollegen in der Pflege streikten?«, fragt Esther rhetorisch.

Im Anschluss sind Betroffene aufgerufen, von eigenen Erfahrungen zu berichten. Francesco Arman, ehrenamtlicher Sozialdezernent und Erzieher in Gießen, erzählt von Vorurteilen, gegen die pädagogische Fachkräfte in den Kitas nach wie vor ankämpften. »Wir werden belächelt. Uns wird unterstellt, dass wir den ganzen Tag über basteln, Babysitter sind und Kaffee trinken.« Dabei wüssten die Wenigsten, welchen Anforderungen die Erzieherinnen und Erzieher tatsächlich ausgesetzt seien. »Ein Gespür für Kinder zu haben, wie es ihnen geht, was sie brauchen, Empathiefähigkeit, bestmögliche Erziehung und Bildung zu geben, das verlangt sehr viel ab.« Zusammenhalt sei daher das oberste Gut. »Was ihr verlangt, ist nicht zu viel«, stellt Arman klar.

Zur Realität gehört auch, dass den Erziehungs- und Sozialberufen überwiegend Frauen angehören, meist aber Männer zum Mikrofon greifen. »Traut euch!«, ruft jemand aus der Menge, als dieses Missverhältnis auffällt. Unter Beifall tritt dann Sarah nach vorne.

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