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Wegbereiter der Aussöhnung

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Weitere posthume Ehrung für Dr. Abraham Bar Menachem: Eine Hinweistafel im Foyer erinnert an den Namensgeber. © Rüdiger Schäfer

Die JLU ehrt posthum ihren Alumnus, einen »herausragenden Juristen und Ehrenbürger der Universitätsstadt Gießen: Ein Hörsaal trägt jetzt den Namen Dr. Abraham-Bar-Menchaem.

Gießen. »Dr. Abraham-Bar-Menachem-Hörsaal« prangt seit November letzten Jahres über einem der Hörsäle der Justus-Liebig-Universität (JLU) - darunter eine Hinweistafel mit kurzer Vita. So benannt wurde Hörsaal 5 im Campusbereich »Recht und Wirtschaft«. Damit ehrt die JLU posthum ihren Alumnus, einen »herausragenden Juristen, Ehrenbürger der Universitätsstadt Gießen und Wegbereiter der Annäherung und Aussöhnung zwischen Israel und Deutschland. Zur offiziellen Einweihung in feierlichem Rahmen reiste als Ehrengast die Enkelin Nitsan Mor aus Israel an. Außer Repräsentanten der Universität waren auch Karl Starzacher - ehemaliger Landtagspräsident, hessischer Finanzminister und Vorsitzender des Hochschulrates der JLU -, Stadtverordnetenvorsteher Joachim Grußdorf, Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher und Bürgermeister Alexander Wright bei der Zeremonie zugegen.

»Prägend für unsere Stadt«

Unipräsident Joybrato Mukerjee begründete in seiner Feierrede die posthume Würdigung des Alumni. »Zugleich weisen wir mit der Benennung des Hörsaals auf eine herausragende Persönlichkeit hin, die auch der jüngeren Generation als Vorbild dienen kann.« Für OB Becher ist der Geehrte »sehr prägend für unsere Stadt.« Trotz Ausgrenzung habe er in den 70er Jahren Brücken aufgebaut und die von ihm mitbegründete Städtepartnerschaft mit Netanya lebe seit mehr als 40 Jahren noch immer. Prof. Thilo Marauhn (Öffentliches Recht und Völkerrecht), Initiator der »Abraham Bar Menachem (ABM) Talks«, bezeichnete ihn als jemanden, »der mit seinem Leben ein Vorbild für uns alle ist.« Drei aktuelle Forschungsprojekte in seinem Bereich dienten der Bekämpfung des Antisemitismus. Für Prof. Corinna Ewelt-Knauer, Dekanin des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften, ist es wichtig, dass »der von täglich Hunderten von Studenten genutzte Hörsaal an das eindrucksvolle Handeln eines Menschen erinnert, der sich für die Versöhnung eingesetzt hat.«

Nitsan Mor gab detaillierte Einblicke in das Leben ihres Großvaters in Israel in englischer Sprache: »He drove the same car about 40 years.« Abraham Bar Menachem war so genügsam, dass er 40 Jahre lang dasselbe Auto fuhr.

Am 16. Mai 1912 wurde er als Alfred Gutsmuth in Wieseck geboren. Er studierte Rechtswissenschaft an der damaligen Ludwigs-Universität Gießen. Als Jude wurde er von den Nationalsozialisten nicht mehr zum Referendarsexamen zugelassen. Sein Doktorvater, Prof. Dr. Wolfgang Mittermaier, ermöglichte ihm jedoch noch die Promotion zum »Dr. jur.«. Am 29. Dezember 1933 erhielt er das Doktordiplom ausgestellt. Wenig später flüchtete Dr. Bar Menachem vor den Nationalsozialisten.

»Ein Vorbild für uns alle«

Er verließ Deutschland im Februar 1934, um in den Niederlanden das Tischlerhandwerk zu erlernen. 1938 emigrierte er nach Palästina, wo er als Rechtsanwalt arbeitete und von 1967 bis 1970 sowie von 1974 bis 1978 Bürgermeister der israelischen Stadt Netanya war. Die im Jahr 1978 zwischen Netanya und Gießen geschlossene Partnerschaftsvereinbarung trägt seine Unterschrift. Er gilt damit als Initiator einer der ersten deutsch-israelischen Städtepartnerschaften überhaupt. Am 24. März 2017 starb er im Alter von 104 Jahren in Netanya. Der Vorschlag zur Hörsaal-Benennung war aus den Dekanaten der Fachbereiche Rechtswissenschaft und Wirtschaftswissenschaften nach einstimmiger Befürwortung durch die Fachbereichsräte an das Universitätspräsidium herangetragen worden. Auch die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Gießen-Wetzlar war im Hinblick auf eine Ehrung aktiv geworden. Insbesondere auch der langjährige Hessische Ministerpräsident und JLU-Alumnus Volker Bouffier hatte sich persönlich für die Umsetzung der Idee einer besonderen Würdigung stark gemacht.

Für seine besonderen Verdienste wurde Dr. Abraham Bar Menachem (1912-2017) vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit der Hedwig-Burgheim-Medaille der Universitätsstadt, mit der Verleihung des Dienstkreuzes 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, der Ehrenbürgerschaft der Stadt Gießen, dem Hessischen Verdienstorden und der Wilhelm Leuschner-Medaille des Landes Hessen. Auch hatte er sich dafür eingesetzt, dass an der JLU ein Preis benannt wird nach seinem Lehrer Prof. Wolfgang Mittermaier - Professor für Strafrecht in Gießen von 1903 bis 1933.

Mittermaier hatte 1933 dem jüdischen Studenten, Abraham Bar Menachem, die Promotion ermöglicht. Deswegen und wegen seiner Ablehnung des Nationalsozialismus wurde ihm seine vorzeitige Emeritierung nahegelegt. In Gießen erinnert die Mittermaierstraße im Neubaugebiet der ehemaligen Bergkaserne an ihn.

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JLU-Präsident Joybrato Mukherjee überreicht Enkelin Nitsan Mor Blumen und Buch. Fotos: Schäfer © Schäfer

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