1. Startseite
  2. Stadt Gießen

Wegen Patienten »nichts riskieren«

Erstellt:

Von: Frank-Oliver Docter

giloka_2410_Klinik_Patie_4c_1
In Patientenzimmern, OPs und Behandlungsräumen soll weiter normal geheizt werden. Symbolfoto: Marijan Murat/dpa © Red

Welche Mehrkosten für Wärme, Strom, Medizinprodukte und anderes jetzt auf die Gießener Kliniken zukommen und mit welchen Maßnahmen jeweils darauf reagiert wird.

Gießen . Die Energiekrise trifft auch die Krankenhäuser hart. Doch kann man hier einfach so in der kalten Jahreszeit im Patientenzimmer und Operationssaal oder auf der Intensivstation und im Untersuchungsraum die Heizung herunterdrehen? Sollte man Patienten womöglich früher nach Hause entlassen oder die Bettenzahl reduzieren? Und ist schon jetzt absehbar, welche Mehrkosten auf die Kliniken in Sachen Energie und Wärme zukommen? Der Anzeiger hat bei heimischen Häusern nachgefragt: Universitätsklinikum Gießen (UKGM), Agaplesion Evangelisches Krankenhaus Mittelhessen (EV), St. Josefs Krankenhaus Balserische Stiftung sowie die Vitos-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Gießen.

Gesundungsprozess

Die Reaktionen auf die erste Frage fallen deutlich aus: »Was in anderen Branchen oder im häuslichen Bereich angesichts der Energiepreisexplosion eingespart werden kann, ist im Krankenhaus schier unmöglich. Hohe Ansprüche an Hygiene und vorgegebene Standards lassen dies ohnehin nicht zu«, teilt EV-Sprecherin Christine Dietrich mit. Auch eine Senkung der Raumtemperatur in Patientenzimmern, ohne gesundheitliche Folgen etwa für immungeschwächte Patienten, »kann nicht ohne Weiteres riskiert werden«.

Am UKGM sieht man das ähnlich: »Die Raumtemperaturen in medizinisch genutzten Räumen sind zum einen normativ geregelt und werden nicht abgesenkt. Auch müssen wir natürlich die Auswirkungen von Einsparbemühungen auf den Gesundungsprozess unserer Patienten berücksichtigen«, lässt der Pressesprecher des UKGM, Frank Steibli, wissen. Dagegen habe man in Besprechungsräumen, Fluren, Magistralen und in diversen Nebenräumen wie Lagern die Temperaturen schon abgesenkt, bis hin zum kompletten Abstellen von Heizkörpern.

Auch am St. Josefs Krankenhaus »ist in den klinischen Bereichen eine Temperaturabsenkung aus medizinischen Gründen vorerst nicht angedacht«, antwortet die Referentin für Unternehmenskommunikation, Annina Müller. In Bereichen ohne Patientenverkehr, wie etwa in der Verwaltung, sei eine Absenkung der Raumtemperaturen aber sehr wohl geplant. Bei der Vitos-Klinik gebe es derzeit in Patientenzimmern noch keine Temperaturabsenkungen oder Ähnliches, da es wichtig sei, den Patienten »adäquate Bedingungen für die Behandlung zu bieten«, so Max Heuchert, Geschäftsführer der Vitos Gießen-Marburg gGmbH. Allerdings treffe man »bereits seit mehreren Monaten Maßnahmen, um kurzfristig Energie einzusparen, ohne dass die Behandlung der Patienten beeinträchtigt wird«. Beispielsweise sei in den Gebäuden der Verwaltung die Warmwasserbereitung abgestellt worden, »zum Händewaschen steht hier nur noch kaltes Wasser zur Verfügung«, berichtet er.

Hochrechnungen

Bei den Mehrkosten für die Energie rechnet das St. Josefs Krankenhaus laut eigener Hochrechnung Stand jetzt mit einer Steigerung von 62 Prozent bei den Stromkosten und einem Zuwachs von 37 Prozent bei Fernwärme für dieses Jahr im Vergleich zu 2021, erklärt Müller. Für 2023 würden die Fernwärmekosten sogar etwa fünf Mal so hoch wie 2021 werden. Das entspreche allein hier einer Kostensteigerung von rund 500 000 Euro. Die Vitos-Klinik trifft es von den Zahlen her noch härter: Dort steigen die diesjährigen Energiekosten nach aktueller Hochrechnung um knapp 1,2 Millionen Euro, und damit um 55 Prozent, vermeldet Heuchert. 2023 wären es nach derzeitiger Prognose noch 1,1 Millionen Euro mehr als dieses Jahr, was einem Plus von weiteren 34 Prozent entspricht.

Das UKGM wiederum beklagt, dass bei der Fernwärme die Preise gegenüber September 2021 »bereits über 150 Prozent gestiegen sind, und es ist aktuell noch kein Ende der Preissteigerung absehbar«, so Steibli. Hinzukäme der Medizinprodukte-Bereich, in dem es aufgrund von Lieferengpässen und Preiserhöhungen ebenfalls deutliche Zuwächse gebe. »Dabei ist die Spannbreite sehr groß. So erleben wir Preissteigerungen um zehn bis 20 Prozent, müssen aber auch mit Vervielfachungen des Preises umgehen«. Darüber hinaus gelte für das Universitätsklinikum, »immer unsere Aufgaben in der Patientenversorgung, der Lehre und der Forschung zu berücksichtigen«, verdeutlicht der Sprecher.

EV-Geschäftsführer Markus Schäfer hingegen rechnet in seinem Krankenhaus mit 30 Prozent höheren Energiekosten und weiteren inflationsbedingten Preissteigerungen im laufenden Betrieb, »die nicht durch die aktuellen Finanzierungssysteme abgefedert werden können«. Daher sieht er hier »dringenden Handlungsbedarf seitens der Politik«. Hinzu komme, dass sich gerade »unverzichtbare Medizinprodukte und Dienstleistungen spürbar verteuert haben«. Doch auch in diesem Segment sei keinerlei Einsparung möglich. Noch dazu hätten sich die Ausgaben für zusätzliche Schutzausrüstung »gewaltig erhöht«, führt Dietrich aus.

Einsparpotenziale

Was weitere Einsparmöglichkeiten betrifft, hat die Vitos-Klinik ein Problem: Auf dem parkähnlichen Gelände stehen »viele Altbauten, die energetisch nicht auf dem neuesten Stand sind«, verdeutlicht Heuchert. Außerdem seien sie häufig unter Denkmalschutz, »was eine energetische Sanierung zusätzlich erschwert oder verteuert«. Daher wurde in einzelnen Altbauten in die Erneuerung der Heizregelungstechnik investiert. »So können wir die Temperatur zum Beispiel über Nacht oder an Wochenenden gezielt absenken«, erläutert er. Flure und Treppenhäuser würden zudem nach Möglichkeit nicht mehr geheizt, während die Temperatur in Festsaal und Kapelle deutlich abgesenkt wurde. Darüber hinaus hat man Photovoltaikanlagen auf den Klinikdächern in Auftrag gegeben. Eines aber kommt in dem Psychiatrischen Krankenhaus überhaupt nicht infrage: Bei einer verfrühten Entlassung von Patienten ist die Rückfallquote sehr hoch«, warnt Heuchert vor negativen Folgen.

Das EV hingegen hat Gespräche mit dem lokalen Energieversorger geführt, »sodass gemeinsam ein neues Wärmekonzept für die gesamte Liegenschaft entwickelt wird«, schildert Dietrich. Bereits heute verfügten alle Lüftungsanlagen über eine Wärme- und Kälterückgewinnung, wodurch »die Abluft zunächst genutzt wird, um die Energie nochmals zu verwenden, bevor die Abluft als Fortluft an die Umgebung abgegeben wird«, erläutert sie. Ob künftig der Einsatz eines größeren Blockheizkraftwerks, von Wärmepumpen, die Nutzung von Abwärme der Kälteanlagen und auch erneuerbare Energien oder eine Kombination sinnvoll ist, »entscheidet nun die weitere Analyse«.

Überdies hat das EV Beleuchtungen mittels der energiesparenden LED-Technik umgesetzt und die Schaltzeiten durch Bewegungsmelder und Dämmerungsschalter optimiert. »Und auch die Wärmedämmung über die gesamte neue Fassade des Krankenhausgebäudes trägt positiv zu einem geringeren Wärmebedarf bei«, so Dietrich. Am St. Josefs Krankenhaus schließlich ist ein Energiemanagementkonzept in Bearbeitung, »was zeitnah umgesetzt wird«, teilt Müller mit.

Auch interessant