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Weil Gießen so ehrlich ist

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Weihnachtsmarktbuden bieten nicht nur außergewöhnliche Produkte feil - manchmal lassen sich dort auch ganz spezielle Meinungsäußerungen aufschnappen. © dpa

Unser absurder Alltag: Götz Eisenberg über Bettler, Müllsammler, Postboten, Musikhörer und den Charakter der Stadt.

Gießen. Vorn an der Johanneskirche ist seit Wochen die Straße aufgerissen und der Verkehr wird umgeleitet. Die Autos stauen sich unter meinem Fenster. Ein Hohn auf die Fahrradstraße, zu der man sie vor einem Jahr erklärt hat. Jedes dritte Auto hat die Musikanlage voll aufgedreht. Autos als Klangbomben. Das ergibt eine grauenvolle Kakophonie aus Gangster-Rap, Helene Fischer und Techno-Gewummer. Dazu kommen quäkende Stimmen aus Freisprechanlagen.

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Paketboten hasten von Haus zu Haus. Sie sind die Woyzecks unserer Tage, denen der Brite Ken Loach in seinem Film »Sorry we missed you« ein Denkmal gesetzt hat. Amazon-Chef Jeff Bezos verdient sich unterdessen an der Krise dumm und dämlich und schickt einen Milliardär nach dem anderen in den Weltraum. Wenn sie doch dort blieben! Die Zahl der Infizierten bewegt sich auf hohem Niveau, und wenn die Leute Weihnachten und Silvester feiern, wird die vierte schnell in die fünfte Welle übergehen, zumal die Omikron-Variante auf der Lauer liegt. Familienfeiern bilden ein Klima, in dem das Virus prächtig gedeiht. Das hatten wir alles schon einmal.

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Neulich hörte ich eine Frau im Radio sagen: »Das war zu einer Zeit, als man noch CDs gebrannt hat.« Für mich, der im Auto noch Kassetten hört, ist die CD das Non plus ultra. An solchen Sätzen merke ich, dass ich aus der Zeit gefallen bin. Vor ein paar Jahren habe ich für diesen Zustand das Bild des Heizers gefunden, der nach der Elektrifizierung der Eisenbahn noch ein paar Stationen mitfahren darf. Irgendwann, fürchte ich, wird man mich rauswerfen. Als sogenannter digital Immigrant besitze ich kein Visum für die neue digitale Welt.

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Vom Balkon aus sehe ich alternativ anmutende junge Menschen, die mit Greifzangen Müll aufsammeln. Sie ziehen einen Handwagen hinter sich her, auf dem sie nicht nur den Müll zwischenlagern, sondern auf dem auch eine riesige Box platziert ist, aus der Techno-Gewummer dröhnt. Dass sie, während sie Plastik, Papier und anderen Müll aufsammeln, gleichzeitig akustischen Müll verbreiten, scheint ihnen nicht bewusst oder egal zu sein.

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An einer der Weihnachtsmarktbuden steht ein Mann und schwadroniert laut drauflos: »Gebt mir ›ne Maschinenpistole und ich geh in den Bundestag und rotz‹ alles weg, außer dene von der AfD.«

Vor der Post hat ein älterer, aus Osteuropa stammender Bettler mit einer beachtlichen Leibesfülle seinen Stammplatz. Er hockt dort am Boden und bittet mit einem immer gleichen Singsang um eine Spende für sein Essen. Heute sah ich, wie ein älterer Mann, der selbst etwas heruntergekommen wirkte, auf ihn zutrat und unvermittelt zu ihm sagte: »Meine Oma hat dreizehn Kinder geboren, das müssen Sie erst mal nachmachen.«

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Wo wir gerade dabei sind: Wo ist B. abgeblieben? Als ich vor ein paar Tagen in der Post war, um Briefmarken zu erstehen, erkundigte sich eine besorgte Kundin, ob die Angestellten hinter den Schaltern wüssten, was aus ihm geworden ist. Alle konstatierten, ihn seit Wochen nicht gesehen zu haben und nichts über seinen Verbleib zu wissen. Er hatte sein Hauptquartier vor einer Bäckerei am Marktplatz, wo er den ganzen Tag unruhig umhertigerte und Kippen und Papierschnipsel aufsammelte. Häufig hatte er ein altes Kofferradio in der Hand, aus dem Musik drang, manchmal auch Nachrichten. Es ging die Mär, er habe einst bessere Tage gesehen und sei Professor gewesen, bis ihn irgendein Schicksalsschlag aus der Bahn geworfen habe. Wenn er gelegentlich laut und aggressiv wurde, nahm ihn die Polizei mit und er verbrachte ein paar Tage in der Psychiatrie. Dann tauchte er aber regelmäßig wieder auf. Der Umstand, dass er mehrfach in meinen Texten auftauchte, zeigt, dass er zu zu meiner und unserer Welt gehört.

Abends war kein Betrieb in der Bäckerei. Ich bin hineingegangen und habe mich bei den Verkäuferinnen nach dem Verbleib von B. erkundigt. Die Polizei habe ihn festgenommen, und er sei in der geschlossenen Psychiatrie untergebracht worden. Mehr wüssten sie auch nicht. Ich sei nicht der einzige, der nach ihm gefragt habe. Er werde vermisst. Für sie, die Mitarbeiter der Bäckerei, sei es eine gewisse Entlastung, denn es sei phasenweise doch recht anstrengend mit ihm gewesen. Sie seien schließlich keine ausgebildeten Sozialarbeiter. Alle, die rund um den Marktplatz als Verkäuferinnen und Verkäufer arbeiten, sind nebenbei auch sozialarbeiterisch tätig und halten eine Menge Probleme unterm Deckel.

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In der Stadt herrscht ein vorweihnachtliches Gedränge. Die Leute, die Maske tragen, nehmen wieder deutlich zu, aber es ist dennoch höchstens die Hälfte. Es wird viel gegessen, getrunken und geraucht, und das geht nun mal nicht mit Maske. Wer das nicht will, müsste den Weihnachtsmarkt schließen, und das wird nicht gemacht, weil es unpopulär ist und den Kommerz schädigt. Mir ist überhaupt nicht adventlich oder weihnachtlich zumute, eher apokalyptisch.

Ich schätze Gießen, weil es so ehrlich ist und sich die Welt hier so darstellt, wie sie ist. Nicht von einem Zuckerguss aus Fachwerk überzogen und so pittoresk verschnörkelt wie Marburg. In Gießen weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Man merkt auf Schritt und Tritt, dass wir den Kapitalismus im Hause haben, mit seinem Prinzip der »gefühllosen baren Zahlung«, wie es bei Karl Marx heißt. Dieses spiegelt sich unter anderem in der trostlosen Architektur, die vorherrscht. Libidinös besetzen lässt sich hier wenig. In Gießen kann man nur überleben, wenn man Freunde hat und Bindungen an Menschen. So wird aus einem Manko am Ende ein Vorzug und eine Stärke.

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Götz Eisenberg ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er arbeitet an einer »Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus«, deren dritter Band unter dem Titel »Zwischen Anarchismus und Populismus« im Verlag Wolfgang Polkowski erschienen ist. Foto: Polkowski

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Götz Eisenberg © Red

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